Corona Hamburg

So sieht der Alltag auf einer Intensivstation aus

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Jan Schubert
Dr. Peter Baltes, Chef der Zentralen Notaufnahme des Bergedorfer Bethesda-Krankenhauses.

Dr. Peter Baltes, Chef der Zentralen Notaufnahme des Bergedorfer Bethesda-Krankenhauses.

Foto: unknown / Bethesda Krankenhaus Bergedorf

Peter Baltes ist Chefarzt im Bergedorfer Bethesda-Krankenhaus. Er hat erlebt, wie Corona Leben zerstören kann. Über seine Erfahrungen.

Hamburg. Corona-Müdigkeit? Nein, so etwas zeigen die Angestellten des Agaplesion Bethesda Krankenhaus nicht. Schon gar nicht diejenigen, die in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) täglich mit Covid-19-Patienten zu tun haben. Auch wenn die Acht-Stunden-, manchmal auch Zwölf-Stunden-Schichten, das An- und Ausziehen der doppelten Schutzkleidung, die ständig hohe Konzentration schon schlauchen. Nein, corona-müde darf hier niemand werden.

„Es sind schon fast zwei Jahre unter Vollbelastung, unter der das Team der ZNA durch die Pandemie agieren muss“, analysiert Dr. Peter Baltes. Der 44-Jährige ist seit Juli 2020 Chefarzt der ZNA und zudem leitender Oberarzt der Inneren Medizin.

Corona: Hamburger Chefarzt über Lage besorgt

Und es überrascht keineswegs, wenn er über die allgemeine Lage „besorgt“ ist. „Seit vier Wochen schrillen bei uns die Alarmglocken“ – bei den Infektionsrekorden im Süden und Osten der Republik nicht verwunderlich.

Zurzeit sind zehn Corona-Patienten im Krankenhaus am Glindersweg untergebracht, zwei davon werden beatmet. Das Bethesda hat schon weitere Eskalationsszenarien vorbereitet und umgesetzt. Mehr Personal, mehr Intensivbetten, zusätzliche Isolationsbereiche – der Kampf gegen die Pandemie wird nicht nur in der ZNA geführt.

Zu 85 Prozent Ungeimpfte auf Intensivstationen

„Ach, hätte ich mich mal impfen lassen.“ Diesen Satz bekommt Peter Baltes öfter zu hören, wenn er am Bett eines schwerkranken Corona-Patienten steht. Baltes schätzt aus seiner täglichen Arbeit, dass der Anteil ungeimpfter zu geimpften Patienten bei 85 zu 15 Prozent liegt.

Hätte ich mich mal impfen lassen: „Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich das dann für diejenigen auch denke“, sagt der Chefmediziner, „das ist aber nie bösartig gemeint. Es macht mich eher traurig.“ Zu oft habe er erlebt, wie sich durch einen schweren Krankheitsverlauf ein ganzes Leben verändern könne.

Hamburger Chefarzt: Auch Menschen knapp über 40 sind an Corona gestorben

„Ich habe durch Corona Tragödien erlebt, bei denen das Schicksal von jungen Familien dranhängt.“ Es sind genau diese Fälle, die Peter Baltes im Gedächtnis haften geblieben sind. Junge Mütter oder Väter, etwas älter als 40 Jahre, die lange im Bethesda behandelt werden – und dann später, nachdem sie beispielsweise ins Universitätsklinikum Eppendorf verlegt worden sind, sogar starben.

Häufiger jedoch kehren Genesene mit schweren Long-Covid-Folgen ins Bergedorfer Krankenhaus zurück. Baltes entsinnt sich an Fälle, wo 50-Jährige „es nicht mal mehr schaffen, zwei Treppenetagen hinaufzusteigen“, bevor ihnen die Puste ausgeht.

Corona kann unabsehbare schwere Folgen haben

Gehört hat er ferner, dass beispielsweise bei einem in die Asklepios Klinik Harburg verlegten Patienten Amputationen nicht zu verhindern waren. Mittlerweile geht die Forschung davon aus, dass Corona mehr als eine Lungenkrankheit ist, auch Gefäße nachhaltig schädigt, sodass Thrombosen, Schlaganfälle oder Lungenembolien folgen können.

Infolgedessen kann es zu Durchblutungsstörungen kommen, was wiederum Hände und Füße absterben lässt. Eine Amputation der betroffenen Gliedmaße ist dann alternativlos.

Corona-Patienten binden Personal, was woanders nötig ist

Weitere Lehre der Pandemie: „Corona-Patienten bleiben typischerweise länger auf Station, sie binden mehr Personal und erschweren dadurch die Behandlungssituation der anderen Notfallpatienten“, hat Peter Baltes gelernt. Im Durchschnitt sind es zehn Behandlungs­tage, die Corona-Infizierte im Krankenhaus gepflegt werden müssen – es können aber auch mal 50 bei sehr schweren Verläufen werden.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Unter Belastung vergessen Baltes und Co. eines aber nicht: auf Station mit Patienten und ihren Angehörigen ins Gespräch zu kommen, vor allem dann, wenn die Schutzimpfung noch fehlt. Nur wenige verweigern sich dem komplett, häufiger sei die Angst vor Neben- und Folgewirkungen oder aber das schlechte Informationsniveau von bisher Ungeimpften das Problem.

Corona: Hamburger Chefarzt äußert klaren Appell

Allerdings: „Wir konnten viele in Gesprächen doch von einer Schutzimpfung überzeugen“, sagt Peter Baltes. Denn eins stehe unumstößlich fest: „Einige Corona-Erkrankte bleiben anhaltend nicht leistungsfähig.“ Es ist höchste Zeit, „die Impfkampagne in jeglicher Form zu pushen“, sagt Peter Baltes. Auch Impfstoffe für Kinder müssen aus seiner Sicht kurz vor Weihnachten freigegeben werden.

Denn ein höherer Schutz der Bevölkerung bewirke, „dass wir als Krankenhaus uns besser um unsere primäre Aufgabe kümmern können, nämlich die Versorgung aller Patienten auf den anderen Stationen“. Eine hohe Impfrate ist allein von mobilen Impfärzten und niedergelassenen Medizinern aber nicht zu bewältigen. Peter Baltes spricht sich deshalb für eine zentrale Anlaufstelle zum Impfen aus.

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