Pflegenotstand

Notfälle: Bethesda Krankenhaus weist Schleswig-Holsteiner ab

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Ulf-Peter Busse
Leidet derzeit unter Personalmangel und hohem Krankenstand unter seinen Mitarbeitern: das Agaplesion Bethesda Krankenhaus am Glindersweg.

Leidet derzeit unter Personalmangel und hohem Krankenstand unter seinen Mitarbeitern: das Agaplesion Bethesda Krankenhaus am Glindersweg.

Foto: Carsten Neff / NEWS & ART

Weil Personal fehlt, können 30 der 344 Betten nicht belegt werden. Rettungswagen aus Hamburg haben daher nun Vorrang.

Hamburg. Der Pflegenotstand trifft Bergedorfs Agaplesion Bethesda Krankenhaus seit einigen Wochen sehr schmerzhaft: Weil aktuell rund 30 seiner 344 Betten nicht rund um die Uhr versorgt werden können und damit für die stationäre Pflege wegfallen, muss die Klinik immer wieder ganze Tage für die Anfahrt von Rettungswagen aus Schleswig-Holstein geschlossen werden.

Dabei handelt es sich um eine vorgeschriebene Maßnahme, um die Notfallversorgung der Hamburger nicht zu gefährden. Die Rettungswagen aus Schleswig-Holstein werden dann in andere Krankenhäuser umgeleitet.

Bethesda Krankenhaus muss Schleswig-Holsteiner abweisen

„So etwas ist überaus ärgerlich, denn wir behandeln die Schleswig-Holsteiner natürlich sehr gern. Und außerdem liegt unsere Klinik am Ende des Glinderswegs direkt an der Landesgrenze, also fast schon in Wentorf“, sagt Klinik-Geschäftsführerin Maria Theis (60), die mit Personalmangel wegen fehlender Nachwuchskräfte zu kämpfen hat – und gleichzeitig einem durch die Corona-Belastung auf fast sechs Prozent verdoppelten Krankenstand unter den gut 900 Mitarbeitern.

„Wir versuchen, die Lücken so gut es geht mit Leiharbeitskräften zu schließen. Gleichzeitig sind wir intensiv auf der Suche nach Personal. Mit Unterstützung von Vermittlungsagenturen sogar weltweit“, sagt Maria Theis.

14 neue Pflegekräfte aus Lateinamerika kommen im Frühjahr 2022

Theis hofft, dass sich die Situation zum 1. Oktober dank einiger Neueinstellungen und zusätzlicher Leiharbeitskräfte entspannt. Im Frühjahr 2022 könnte sogar wirklich Entwarnung gegeben werden: „Dann erwarten wir 14 neue Pflegekräfte aus Lateinamerika. Sie hat eine Agentur auf der anderen Seite des Atlantiks für uns angeworben und schult sie gerade, um nach den Examen in ihren Ländern auch die Prüfung zur Fachpflegekraft nach den deutschen Vorschriften zu bestehen.“

Das grundsätzliche Problem des Fachkräftemangels in ihrem Krankenhaus sieht Maria Theis allerdings in einem ganz anderen Bereich: „Wohnen in Hamburg und seinem Umland ist schlicht zu teuer, die Mieten zu hoch. Schon heute kommen viele unserer langjährigen Pflegekräfte von weither zur Arbeit angereist, etliche aus Mecklenburg-Vorpommern.“

Problem: Die hohen Wohnkosten in Hamburg und Umgebung

Um das Problem für das Bethesda Krankenhaus anzugehen, führt die Klinik bereits Gespräche mit Wohnungsgenossenschaften: Es geht um Kooperationen, um die Mieten für das Pflegepersonal bezahlbar zu machen.

„Notfalls müssen wir als Klinik Wohnungen anmieten und günstig an neue Mitarbeiter geben, um ihnen den beruflichen Start hier in Hamburgs Osten überhaupt möglich zu machen“, beschreibt Theis den Ernst der Lage. „Jetzt könnten wir ein Schwesternwohnheim gut gebrauchen. Aber das wurde ja vor Jahren geschlossen.“

Bethesda Krankenhaus erweitert im kommenden Jahr die Notaufnahme

Trotz der angespannten Personalsituation investiert der Agaplesion-Konzern in den weiteren Ausbau des Bethesda Krankenhauses. Gut zwölf Millionen Euro sind vorgesehen für die deutliche Erweiterung der Notaufnahme und den Aufbau einer zentralen Funktionsdiagnostik für alle medizinischen Bereiche der Klinik.

Die Abrissbagger werden schon im Frühjahr anrollen: Dann schafft das Agaplesion Bethesda Krankenhaus Platz für die erste Erweiterung unter dem Dach des Agaplesion-Konzerns, der vor jetzt einem Jahr die Mehrheit der Anteile an der bis dahin selbstständigen Bergedorfer Klinik übernommen hat.

„Wir erweitern die Zentrale Notaufnahme erheblich und passen uns so der wachsenden Bevölkerungszahl in Bergedorf und seinen Umlandgemeinden an“, sagt Maria Theis . „Dafür wird ein eingeschossiger Neubau plus Staffelgeschoss an die heutige Notaufnahme in Richtung der Justus-Brinckmann-Straße angedockt. Baubeginn ist im Herbst 2022. Zuvor wird das heute dort stehe Gebäude abgerissen, in dem Teile unserer Krankenhaustechnik untergebracht sind.“

Großer Veranstaltungsbereich über erweiterter Notaufnahme geplant

Die Technik wandert in den Keller des Neubaus, sein Erdgeschoss wird die Notaufnahme einnehmen und das Staffelgeschoss darüber ist für einem neuen Veranstaltungsbereich reserviert. „Wir wollen dort Räume für unsere Patientenforen, für öffentliche Vorträge und auch interne Veranstaltungen schaffen“, sagt Maria Theis. Auch die Notaufnahme wird geräumiger: Um die Erweiterungsflächen im Neubau ergänzt, werde unter anderem ihr Wartebereich samt Empfang deutlich größer.

Für die eingeplante Investition von gut 12 Millionen Euro soll auch die dahinter liegende Aufnahmestation für neue Patienten ausgebaut und eng mit der Funktionsdiagnostik der Klinik verzahnt werden. „Dafür rücken wir die Untersuchungstechnik aller unser Kliniken zusammen. Das reicht dann von Ultraschall über endoskopische Magen- und Darmspiegelungen zur Diagnostik der der Herzspezialisten unserer Kardiologie“, sagt die Klinik-Geschäftsführerin. Geplante Fertigstellung der Gesamtmaßnahme ist im Spätsommer 2024.

Hüft- und Knieprothesen sollen zu einer Bergedorfer Spezialität werden

Schon heute in einer Woche feiert das Bethesda Krankenhaus die Gründung der mittlerweile achten Fachklinik in seinen Mauern: Am 1. Oktober wird Wirbelsäulen-Experte Dr. Daniel Seeger vom Sektionsleiter in der allgemeinen Chirurgie zum Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie befördert. Zusammen mit seinem Team um Oberarzt Dr. Tobias Wolf wird er unter anderem eng mit der Geriatrie kooperieren, also auch Hüft- und Knieprothesen zu einer Bergedorfer Spezialität machen.

Rückblickend auf ein Jahr Agaplesion im Bethesda lobt Maria Theis die Motivation ihrer gut 900 Mitarbeiter am Glindersweg: „Trotz der zusätzlichen Belastung durch die Corona-Pandemie und auch den aktuell hohen Krankenstand ist die Stimmung und die Einsatzbereitschaft riesig.“ Das gelte nicht zuletzt auch für den Einsatz im Impf-Zentrum der Klinik. „Dort sind gut 160 Erst- und noch mal so viele Zweitimpfungen jede Woche fällig. Das machen unsere Mitarbeiter stets neben ihre Dienst.“

Auch an das Thema Parken hat sich die Krankenhauschefin schon gewagt: „Ich weiß, dass wir hier viel zu wenig Stellflächen für Besucher haben. Aber ein Parkdeck neben dem Hubschrauber-Landeplatz ist unmöglich.“ Für andere Lösungen führe sie jetzt Gespräche mit benachbarten Grundeigentümern.

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