Naturschutz

Neue Experten für Braunwurz, Schaumkraut und Baldrian

| Lesedauer: 3 Minuten
Anne K. Strickstrock
Spannend findet Ann-Carolin Meyer das gelbe Tüpfel-Johanniskraut: „Nur mit der Lupe erkennt man auf den Blättern die Öldrüsen.“

Spannend findet Ann-Carolin Meyer das gelbe Tüpfel-Johanniskraut: „Nur mit der Lupe erkennt man auf den Blättern die Öldrüsen.“

Foto: strickstrock / BGZ

Den Botanikern fehlt der Nachwuchs. Nun gibt es eine neue Zertifizierung zum Feldbotaniker im Boberger Dünenhaus.

Boberg.  Die Gräser sind besonders schwierig, ihre Merkmale nur mit der Lupe zu erkennen: Dass das Wiesen-Rispengras ein durchsichtiges Häutchen hat, das wie ein Stehkragen aussieht, wissen jetzt die 20 Kursusteilnehmer, die – wenn sie gut gelernt haben und am heutigen Sonnabend ihre Prüfung bestehen – ein Zertifikat zum Feldbotaniker bekommen.

Dazu müssen sie 20 von 200 Pflanzen bestimmen und den Prüfern der Akademie für Artenkenntnis beschreiben können. „Zum Glück müssen es für das Bronzeabzeichen nur die deutschen und nicht die lateinischen Namen sein“, sagt Ann-Carolin Meyer.

Neue Zertifizierung für Hobbybotaniker

Vier Monate lang hat sie gelernt, was essbar und geschützt ist, was geruchsintensiv oder zweijährig blühend: „Viele Arten sind vom Aussterben bedroht und stehen auf der Roten Liste. Wenn man aber wissen will, welche das sind, braucht man Artenkenntnisse. Und da den Botanikern der Nachwuchs fehlt, gibt es jetzt diese bundesweite Zertifizierung“, erklärt die 54-Jährige das Pilotprojekt vom Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume im schleswig-holsteinischen Flintbek, das mit der Loki Schmidt Stiftung die Schulungen anbietet samt Exkursionen.

Nicht nur Hobbynaturschützer büffelten für den Unterricht

So ging es ins Wittmoor und an die Bille, in die Niendorfer Feldmark und den Wohldorfer Wald. Vorab war Theorie nötig: Welche Pflanzen waren zuerst auf der Erde? Wie verlief die Entwicklung vom Einzeller zur Samenpflanze? Nicht nur Hobbynaturschützer büffelten den Unterschied von Kron- und Kelchblättern, von Zungen- oder Röhrenblüten. Auch Behörden und Planungsbüros schickten Mitarbeiter, die für Kartierungen zuständig sind und Gutachten erstellen.

„Ich hatte vorher nur Ahnung von Waldbäumen“, sagt Ann-Carolin Meyer, die Forstwissenschaften studiert hat, „aber sobald ich auf einer Wiese stand, wusste ich kaum etwas.“ Vor allem interessiert die dreifache Mutter die Geschichten der Pflanzen, etwa von der Rosmarinheide: „Die braucht feuchte Moorgebiete, und angeblich sind ihre Verbreitungsgebiete genau dort zu finden, wo im Himmel das Sternbild Andromeda zu finden ist.“

Baldrian ist nicht nur ein Beruhigungsmittel

Auch der Baldrian habe nicht bloß eine Wurzel, die als Beruhigungsmittel eingesetzt wird, sondern auch eine kuriose Geschichte: „Auf vielen Kirchengemälden ist ein Baldrian abgebildet, der einer indischen Nardenblüte ähnlich sieht. Mit deren Öl sind angeblich Jesus’ Füße gesalbt worden.“

Mindestens genauso hübsch ist die Geschichte vom Echten Mädesüß, das jetzt gerade auf den Feuchtwiesen blüht, weiß Meyer: „Daraus kann man fiebersenkenden Tee machen, aber es ist auch eine keltische Pflanze, die man in England statt Hopfen zur Bierherstellung genutzt hat.“

Ann-Carolin Meyer arbeitet jetzt als Waldpädagogin beim Boberger Dünenhaus

Jedenfalls mache die Botanik großen Spaß, wenn man erst einmal mit dem Kriechenden Fingerkraut und den Knotigen Braunwurz vertraut ist, mit dem Behaarten Schaumkraut und der Dreinervigen Nabelschmiere. Das alles kann Naturführerin Ann-Carolin Meyer auch erklären, wenn sie etwa durch das Naturschutzgebiet Ohmoor führt und seit August das Boberger Dünenhaus als Waldpädagogin verstärkt. Da ist das Bronzeabzeichen schon viel wert – und in den nächsten Jahren warten noch Silber- und Goldabzeichen auf sie.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Bergedorf