Damals bis heute

Vier Generationen einer Familie

| Lesedauer: 5 Minuten
Naemi Krüger
Naemi Krüger, 100 Jahre Bergedorfer Zeitung

Naemi Krüger, 100 Jahre Bergedorfer Zeitung

Foto: Ulf-Peter Busse

100 Jahre Bergedorfer Zeitung: Unsere Praktikantin hat sich in unserem Archiv auf Spurensuche begeben.

Bergedorf. Mit altertümlicher Schrift und ohne Bilder. So sah die Bergedorfer Zeitung vor 100 Jahren aus. Um zu erfahren was so alles geschah, als meine Oma Karin oder sogar meine Uroma Selma geboren wurden, bin ich in den Archiv-Keller der bz gestiegen und habe die Ausgaben von damals herausgesucht. Auch meinen Geburtsjahrgang 2006 und das Jahr 1978, als meine Mutter auf die Welt kam, habe ich mir angeschaut. Seit mindestens vier Generationen ist meine Familie in Bergedorf zu Hause.

Kaum vorstellbar, dass die Nachrichten im Jahr 1921, als meine Uroma hier geboren wurde, per Telegramm durchgegeben, und als „neuesten Meldungen“ erst Tage später veröffentlicht wurden. Die echt schwer zu lesende altertümliche Schrift hatte sich auch um 1943 noch nicht geändert, als meine Oma Karin geboren wurde.

Alles dreht sich um den Zweiten Weltkrieg

Die Themen der Artikel drehten sich da fast nur um den Zweiten Weltkrieg. Ziemlich unheimlich, wie über das Gemetzel an den Fronten geschrieben wurde. Die Artikel sind auch gar nicht sachlich, sondern total parteiisch. Andernfalls wäre die Bergedorfer Zeitung damals aber bestimmt verboten worden.

„Der Feind ist durchgebrochen“, so heißt ein Bericht, der veröffentlicht wurde. Geschehnisse wie das Versenken eines fremden U-Boots oder ein Aufruf an die Jugend, sich freiwillig als Soldat zu melden, wurden gedruckt. Es ist schwer, einen Artikel zu finden, der nicht direkt etwas mit Angriffen oder Ähnlichem zu tun hat.

Ausstellung in München

Immerhin gab es 1941 einen Bericht über eine Ausstellung in München, die Kunst aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zeigte. „Um das, was wir jetzt ­erleben, auch für spätere Generationen festzuhalten“, so ein Ausschnitt des Artikels.

Was mich erstaunt: Mitten im Krieg sind damals deutlich mehr Werbeanzeigen als heutzutage geschaltet worden, wenn auch deutlich kleinere. Von 1943 bis 1949 ist die Bergedorfer Zeitung dann gar nicht erschienen. Aber nicht, weil sie verboten wurde, sondern weil es einen riesigen Papiermangel gab.

Artikel auf Plattdeutsch

Als ich nach dem Geburtsjahr meiner Oma mitten im Krieg das meiner Mutter, den Zeitungsband von 1978, aufschlug, waren die Themen ganz anders, irgendwie harmlos: „Nur die gute Laune schwemmten auch die Regenfluten nicht weg“, lautet die Überschrift eines Artikels. Er beschrieb, dass es in einer Sommerwoche im Juli wie aus Eimern regnete. Trotzdem waren alle guter Laune und teilten sich brüderlich einen Regenschirm. Den größten Regenschirm auf dem Blumenmarkt, wo die Journalisten der Bergedorfer Zeitung unterwegs waren, hatte die 13-jährige Anja.

Jetzt hatte die Bergedorfer Zeitung endlich auch Bilder und eine halbwegs moderne Schrift. Aber die Artikel wurden noch lange nicht mit Computern verfasst, sondern mit der Schreibmaschine. Und dann folgten noch viele Arbeitsschritte, bis die Druckerei das auch drucken konnte. Unglaublich.

Berichte gezielt zum Stadtteil

Die Berichte beziehen sich nun ganz gezielt auf den Stadtteil Bergedorf. Ein Abo gab es zu der Zeit auch schon, sogar mit Prämie. Neue Abonnenten konnten zwischen vier Büchern wählen, die es für einen günstigeren Preis gab. Kleine Comics wurden auch schon veröffentlicht. Und nicht nur auf Hochdeutsch wurde berichtet.

Einige Artikel sind auf Plattdeutsch verfasst, darunter ein Bericht über eine Theatergruppe. Titel: „Se speelt as weern se Profis“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Oma und Uroma miteinander auf Plattdeutsch gesprochen haben. Ich selbst kann das leider nicht mehr. Irgendwie schade ...

Einige Fotos sind farbig

Weitere 30 Jahre später, in meinem Geburtsjahr 2006, ähnelt die Bergedorfer Zeitung der heutigen schon sehr. Es sind zwar nur einige Bilder farbig und viele noch schwarz-weiß, aber das Layout kommt mir schon sehr bekannt vor. Passend zum Start der Fußball-WM, dem sogenannten „Sommermärchen“, wurde dann das Fernsehen von öffentlichen Sendern auf dem Handy erfunden.

Das sollte damals zwischen 5 und 15 Euro kosten, was im Vergleich zu den heutigen Handytarifen relativ günstig ist. Kaum vorstellbar, dass zu dieser Zeit noch Klapphandys modern waren. Und es weitere 30 Jahre zurück, im Jahr 1978, noch gar keine gab.

WM vor dem Bergedorfer Schloss

Toll finde ich, dass die WM damals nicht nur alleine im Wohnzimmer geguckt wurde, sondern auf der Wiese vor dem Bergedorfer Schloss. Da verfolgten Tausende die Spiele auf einer riesigen Leinwand – und fast immer völlig friedlich, wie die Bergedorfer Zeitung berichtete.

Einen Monat lang wurden dort Spiele übertragen. Die Bilder von den unzähligen, bunt geschmückten Fans mit ihren Fahnen wirken bis heute toll. Sehr schade, dass man sowas heute wegen der Corona-Pandemie nicht machen kann. Ich wünsche mir sehr, dass diese Stimmung bald wieder zurückkommt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Bergedorf