Pandemie

Ein Jahr Kampf gegen Corona: Chronologie aus dem Bethesda

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Jan Schubert
Ein großes Dankeschön auf einem Riesen-Spruchband neben dem Bethesda-Haupteingang installierten die HSV Fans Bergedorf am 21. März 2020.

Ein großes Dankeschön auf einem Riesen-Spruchband neben dem Bethesda-Haupteingang installierten die HSV Fans Bergedorf am 21. März 2020.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Ende Februar 2020 breitete sich das Virus auch in Bergedorf aus. Bis heute und weiterhin gilt: „Es braucht äußerste Disziplin.“

Hamburg.  Ein Jahr bestimmt die Corona-Pandemie nun bereits unser Leben. Noch viel subtiler allerdings erlebt die Gemeinschaft der 910 Mitarbeiter des Bergedorfer Agaplesion Bethesda Krankenhauses die Bedrohung durch Covid-19. Seit einem Jahr kämpfen dort Ärzte, Pfleger und viele andere gegen einen unsichtbaren Gegner – und manchmal zwingt dieser Kampf einen auch in die Knie. Ein Jahr des Leidens, aber auch des Lernens und Lobens am Glindersweg 80 in Bergedorf.

27. Februar 2020: Darüber spricht das Land an diesem Tag: Die Zahl der Verkehrstoten ist auf

dem niedrigsten Stand seit über 60 Jahren, ein gewisser Ben Dolic soll mit dem Titel „Violent thing“ Deutschland beim European Song Contest vertreten – und die Zahl der Corona-Infektionen nimmt schlagartig zu. Erstmals beruft Anita König, Chefärztin der Abteilung für Anästhesie und Katastrophenmanagerin des Hauses, die Hygienekommission in den Konferenzraum K4 des Bergedorfer Krankenhauses ein. Zwölf Personen sitzen im eher kleinen Raum. Ohne Abstand, ohne Masken. „Das war schon dicht gedrängt, weil Vertreter von jeder Abteilung dabei waren“, erinnert sich König, „man spürte damals, dass ein Virus im Anmarsch war.“

28. Februar 2020: Die Corona-Notfallklingel am Eingang der Zentralen Notaufnahme (ZNA) wird eingerichtet. Der Krisenstab im Bethesda trifft sich nun täglich.

3. März 2020: Ab sofort verzichten die Mediziner bei Visiten auf das Händeschütteln bei Patienten. „Das war schon eine große Umstellung, wenn man über 1000 Patienten im Jahr hat“, sagt Prof. Dr. Martin Keuchel, Chefarzt der Inneren Medizin. Denn gerade die Patienten hätten „schon die Erwartung, dass sie per Handschlag vom Arzt begrüßt werden.“ Eine Maske trägt hier übrigens noch keiner.

12. März 2020: Die Alarmglocken schrillen: Eine Frau (54) klingelt an der ZNA, wird als Verdachtsfall eingestuft und auch untersucht, vorerst aber wieder nach Hause geschickt und telefonisch betreut. Derweil entschließt sich die Klinikleitung, alle Veranstaltungen im Hause abzusagen. Jeder Patient darf nur noch einen Besucher empfangen.

13. März 2020: Zum ersten Mal wird ein Patient (männlich, 62) positiv getestet und in die Corona-Station der ZNA eingeliefert. Anita König erfährt davon an diesem Abend um 23 Uhr, als sie gerade zu Hause ankommt. Sie fährt zurück in die Klinik. Jener Patient muss in der Folge 50 Tage lang künstlich beatmet werden, bekommt zudem eine bakterielle Lungenentzündung, kann das Bethesda aber am 8. Mai in Richtung Reha-Klinik verlassen.

16. März 2020: 1. Lockdown, weil die Infektionszahlen unkontrollierbar sind. Bethesda lässt keine Besucher mehr zu.

23. März 2020: FFP2-Masken werden gesammelt und steril aufgearbeitet. Wobei die „Maskennot“ im Bethesda relativ ist, denn der Vorrat an Schutzmaterial hätte stets – auch dank Spender – für 14 Tage im Voraus gereicht. Anita König: „Wir waren achtsam, aber es war nie so, dass jemand ungeschützt in eine gefährliche Situation gehen musste.“

26. März 2020: Die ersten beiden Corona-Patienten werden als geheilt entlassen. Das Tragen eines Mund-Nasenschutzes ist nun im ganzen Haus vorgeschrieben.

27. März 2020: Erster Todesfall eines Corona-Patienten (über 80 Jahre alt). Hendrik Pagel, Leitung Pflege auf der Intensivstation, schildert Eindrücke: „Das unbekannte Virus wird greifbar. Teilweise ist es erschreckend, wenn man Krankheitsverläufe mitansehen muss.“ Pagel geht es mit einigen Covid-19-Patienten so: Gestern habe er sich mit diesen noch nett unterhalten, am nächsten Tag lägen sie an der Beatmungsmaschine.

1. April 2020: Dank eines 3-D-Druckers können 300 Gesichtsvisiere an die Mitarbeiter verteilt werden. Zudem hält die Krankenhausleitung alle Mitarbeiter an, in einer Mappe zur Selbstkontrolle den täglichen Gesundheitszustand zu notieren. Eine Woche später wird die Buchführung verpflichtend.

7. April 2020: Plötzlich muss Anita König im Krisenstab auf der Magnettafel auch eine Kollegin zu den Infizierten verschieben: Erste Bethesda-Mitarbeiterin wird positiv auf Corona getestet und in häusliche Isolation geschickt. Das bleibt aber folgenlos, weil sich vorerst keine weiteren Kollegen infizieren.

22. April 2020: Chefeinkäufer Uwe Gradert sorgt für Erleichterung: Sämtliche Bestände an Schutzmaterialien von der Maske bis zum Kittel sind aufgestockt. Derweil wird in Hamburg in allen öffentlichen Gebäuden die Maskenpflicht eingeführt. Patienten sollen zudem außerhalb ihrer Zimmer einen Mund-Nasenschutz tragen.

2. Mai 2020: Unsere Zeitung stellt eine stille Heldin vor, die täglich ganz nah an das Virus herankommt:

Reinigungskraft Yasemin Örün putzt täglich in der Corona-Station der ZNA und beschreibt, wie kompliziert das Saubermachen in Schutzkleidung geworden. Vor jedem Zimmer muss die komplette Montur ausgetauscht werden, konterminiertes Material darf nicht herumgetragen werden.

18. Mai 2020: Besucher im Bethesda wieder erlaubt. Pro Patient darf täglich ein Besucher für eine Stunde ans Krankenbett. Auch die Cafeteria ist wieder für Besucher geöffnet.

1. Juni 2020: Wechsel auf der Kommandobrücke der ZNA: Dr. Hanns Bredereke-Wiedling verlässt Bergedorf, Dr. Peter Baltes wird sein Nachfolger als Chefarzt der ZNA.

17. Juli 2020:Trügerische Sicherheit: Nach acht Wochen „Corona-Freiheit“ wird eine etwa 30 Jahre alte Frau mit deutlichen Symptomen (hohes Fieber, Atemnot) im Bergedorfer Krankenhaus behandelt. Die Frau hatte sich offenbar bei einer Zugfahrt in den Hamburger Hafen angesteckt.

18. August 2020: Eine rutscht durch: Eine bereits stationär aufgenommene Patientin (60) ist corona-positiv, nachdem sie routinemäßig bei der Aufnahme abgestrichen wurde. Sie liegt bereits mit zwei weiteren Frauen im Drei-Bett-Zimmer. Das setzt einen ganzen Testmechanismus in Gang, alle Kontaktpersonen, unter anderem 30 Mitarbeiter der Station, werden abgestrichen. Wie durch ein Wunder und durch hohe Schutzdisziplin infiziert sich keine weitere Person.

10. September 2020: Das Bethesda verfügt nun täglich über fünf PCR-Schnelltests für Verdachtsfälle unter stationär aufgenommenen Patienten. Prof. Keuchel erinnert sich, dass die ersten Testate noch per Taxi an die Labore geschickt wurden: „Bis die Ergebnisse da waren, konnten bis zu zwei Tage vergehen. Jetzt sind wir in der Lage, Verdachtsfälle sofort herauszufiltern.“

20. September 2020: Eine an Corona erkrankte Frau entbindet ein gesundes Kind. Bis Jahresende werden noch zwei weitere Babys von infizierten Müttern geboren – die Säuglinge sind jeweils gesund.

2. Oktober 2020: Bergedorfs Krankenhaus heißt jetzt Agaplesion Bethesda Krankenhaus Bergedorf.

12. Oktober 2020: Agaplesion Bethesda meldet corona-frei, entlässt die letzten beiden Patienten in häusliche Quarantäne. Vorerst...

9. Oktober 2020: ...denn nur eine Woche später überschreitet Hamburg den damals kritischen Inzidenzwert von 50. Auf der Corona-Station in Bergedorf sind drei Patienten untergebracht.

28. Oktober 2020: Die zweite Corona-Welle ist da. Hamburg meldet 404 Neuinfektionen an einem Tag – so viele wie nie zuvor. Im Bethesda werden sechs bestätigte und sieben Verdachtsfälle behandelt – so viele wie nie zuvor.

2. November 2020:

2. Lockdown heißt: Keine Besucher mehr im Bethesda! „Das tut uns besonders für alle schwer kranken Patienten sehr leid“, sagt Peter Baltes, der aber vor allem den Schutz seines Personals über alles stellen muss. Der 43-Jährige hat im vergangenen Jahr seine Eltern, die in Aachen leben, zweimal besucht, aber nicht zu Hause: „Wir waren jeweils im Urlaub. In getrennten Wohnungen.“

27. November 2020: Keuchel und Baltes haben eine Teststrategie für alle Mitarbeiter entwickelt, die nun einmal wöchentlich auf das Coronavirus getestet werden.

17. Dezember 2020: Nachdem die Bundesregierung den 2. Lockdown verschärft hat, werden 13 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch im Bethesda behandelt.

21. Dezember 2020: Alle Mitarbeiter tragen nun FFP2-Masken bei der Arbeit – auch bei Besprechungen. „Wenn uns das einer im April gesagt hätte, dass alle FFP2-Masken tragen, hätte ich das nicht geglaubt“, dokumentiert Intensivmediziner Baltes die Lernkurve. Und: Pausen dürfen nicht mehr zusammen verbracht werden. „Das Sozialleben bricht total weg, gemeinsam Kaffee trinken oder sich mal eben austauschen, geht aktuell nicht“, sagt Hendrik Pagel.

11. Januar 2021: Die ersten 150 Impfdosen von Biontech/Pfizer treffen im Bethesda ein. „Wir haben 500 Anmeldungen“, weiß Chefärztin König. Am nächsten Tag starten die Impfungen. Eine Woche später folgt die nächste Lieferung.

16. Februar 2021: Traurige Rekorde: Bergedorf erklimmt mit 95,2 erstmals die Spitze bei den Inzidenzen unter allen Hamburger Bezirken. Nach Angaben des Bezirksamts hat sich die englische Virusmutation in Bergedorf breitgemacht. Die Lage im Bethesda: sehr angespannt mit acht Intensiv- und 14 Patienten auf der Isolierstation.

Doch das Team Bethesda kämpft bis zum heutigen Tag weiter beherzt gegen die Pandemie. Aktueller Inzidenzwert: 109. Pfleger Pagel hat langsam genug, mahnt aber auch: „Es braucht weiter äußerste Disziplin und Zusammenhalt.“

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