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Das Programm zur Bergedorfer „Woche des Gedenkens“

Stolpersteine für den Zahnarzt Dr. Ernst Tichauer und seine Frau Ellie an der Alten Holstenstraße. Das Bergedorfer Ehepaar starb im KZ.

Stolpersteine für den Zahnarzt Dr. Ernst Tichauer und seine Frau Ellie an der Alten Holstenstraße. Das Bergedorfer Ehepaar starb im KZ.

Foto: Jan Schubert

Bergedorfer Bündnis bietet ein umfassendes Programm für lernende Demokraten. Schulen, Vereine, Parteien und Kirchen unterstützen dabei.

Bergedorf. Der Spannungsbogen reicht von dem, was war „bis zur Wachsamkeit, um zu sehen, was heute ist“: Pastorin Angelika Schmidt darf ein umfassendes Programm zur Bergedorfer „Woche des Gedenkens“ vorstellen, das wieder Lesungen und Diskussionen, Musik, Stadtrundgänge sowie einen Gottesdienst bietet. Vom 30. Oktober bis 16. November will der Bezirk zeigen, dass hier denkende und lernende Demokraten leben, die die Verbrechen der Nationalsozialisten weder vergessen noch verharmlosen.

Schulen, Vereine, Parteien, Kirchen und Initiativen unterstützen das Bündnis, das auch der jüngsten Opfern rechtsextremistischer Attacken gedenkt: „Die Anschläge auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 und in Hanau am 19. Februar 2020, bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kamen, zeigen deutlich, wie sehr unsere Demokratie und unser solidarisches und vielfältiges gesellschaftliches Zusammenleben immer wieder von rechts bedroht werden“, mahnt Bezirksamtsleiter Arne Dornquast.

Bergedorfer Bündnis bereitet „Woche des Gedenkens“ vor

75 Jahre nach Kriegende – was im Mai 2020 wegen des Versammlungsverbotes nicht möglich war, wird nun mit einer Kranzniederlegung am Zwangsarbeiterdenkmal am Kampdeich nachgeholt: Am 30. Oktober um 14.30 Uhr will Pastor Hanno Billerbeck an die Schicksale dieser Arbeiter in Bergedorf erinnern. Einen Abend später sind von 18 Uhr an in St. Petri und Pauli Musik und Lyrik zu hören, die an Nazi-Verfolgung, Exil und Vernichtung erinnern. Der Titel lautet: „An die Nachgeborenen – Aber ändere die Welt. Sie braucht es“.

Zwei Jahre Haft auf Bewährung – so verurteilte die Jugendkammer des Hamburger Landgerichts im Juli einen 93-Jährigen, der als jugendlicher SS-Wachmann im Lager Stutthof Dienst tat. Dort starben etwa 65.000 Menschen. Bruno D. war angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen. Den mehr als viermonatigen Prozess (44 Verhandlungstage) begleitete die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Brigitta Huhnke. Aus dem Gerichtssaal wird die Sachverständige für psychoanalytische Täterforschung am 5. November in Bergedorf berichten, – von 19 Uhr an im SerrahnEins an der Serrahnstraße (Eintritt frei).

Mehrere Spaziergänge zu verschiedenen Themen

„Erinnern und reinigen!“ heißt es am 7. November, wenn um 14 Uhr am Bergedorfer Bahnhof eine Rundtour (samt Putzlappen) zu den „Stolpersteinen“ startet – immerhin 30 hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Bergedorf verlegt. Ein zweiter Rundgang zu ehemaligen Wohnorten Bergedorfer Juden beginnt am 9. November, 18 Uhr, bei der Kirche St. Marien am Sichter.

Spaziergang Nummer drei startet am 8. November um 14 Uhr. Diesmal geht es um „Gut und Blut fürs Vaterland“ – so jedenfalls sagte es Bergedorfs Bürgermeister Hans Martin Lange 1906 bei der Einweihung des hiesigen Bismarck-Denkmals. Auch das Jahn-Denkmal, der Lohbrügger Gedenkstein, das Kriegerdenkmal am Reinbeker Weg und das ehemalige Denkmal eines Soldaten am Schillerufer werden beschrieben, wenn der „Inländerstammtisch der SPD“ über den heutigen Umgang mit Bergedorfs Geschichte nachdenkt.

Lesung in St. Petri und Pauli am 14. November

Die Filmemacher Philipp Lippert und Olivia Samnick werden am 9. November im SerrahnEins begrüßt, wo der Film „Jordanien – Land der Geflüchteten“ vorgeführt wird. Im haschemitischen Königreich sind bis heute die Menschen in der Überzahl, die sich selbst als Flüchtlinge oder deren Nachfahren definieren. Ebenfalls um 19 Uhr beginnt einen Abend später ein Vortrag über die antifaschistische Bewegung: Warum Antifaschismus in Deutschland nicht selbstverständlich akzeptiert ist, will die Marxistische Abendschule den Historiker Dr. Ulrich Schneider fragen. Er ist Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes.

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Wie Kinder und Jugendliche Ausgrenzung und Verfolgung im Faschismus erlebten, wurde vielfach von Schriftstellern aufgegriffen. Texte etwa aus Ruth Klügers Autobiografie „Weiter leben“ werden am 14. November von 14 bis 15 Uhr in St. Petri und Pauli vorgelesen – im Wechsel mit Musik von Kantor Klaus Singer. Am selben Abend ertönt erneut Musik in der Kirche, die derzeit bis zu 75 Zuhörern Platz bietet: Vier Klezmer-Musiker geben von 19.30 Uhr an das Konzert „Mayne Verter zenen Trern – Tränen sind meine Wörter“ .

„Woche des Gedenkens“ endet mit einem Besuch von Ilse Jacobs

Vom Gegeneinander zur Völkerverständigung überschreibt Pastorin Angelika Schmidt ihre Predigt am Volkstrauertag, 15. November, (10 Uhr). Einen Tag später endet die „Woche des Gedenkens“ mit einem Besuch von Ilse Jacobs in der Kirche. In ihrem Buch „Widerstand war mir nicht in die Wiege gelegt“ erinnert sie an ihre Mutter Katharina: Die Kommunistin stammte aus einer Kölner Arbeiterfamilie, sie war Widerstandskämpferin, KZ-Überlebende und schließlich Lehrerin in Hamburg. Die Lesung beginnt um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.