Neues Buch

Zu Hause bei Loki und Helmut Schmidt

Das Ehepaar Schmidt auf dem Plattenweg zum Eigenheim am Neubergerweg: In den 1960er-Jahren gab es dort zunächst noch keine hohen Hecken und Sicherheitszäune.

Das Ehepaar Schmidt auf dem Plattenweg zum Eigenheim am Neubergerweg: In den 1960er-Jahren gab es dort zunächst noch keine hohen Hecken und Sicherheitszäune.

Foto: imago stock&people / HA

Bergedorfer Michael Zapf fotografierte das komplette Inventar und stellt es jetzt in einem Buch vor. Das Ehepaar lebte in Langenhorn.

Bergedorf. Suppentassen mit Blumenmuster stehen im Regal der gelben Einbauküche. An der grün gefliesten Kachelwand hängen gehäkelte Topflappen. „Das ist ja wie bei uns früher“, mag mancher Besucher denken, der das Reihenhaus am Neubergerweg 80 betritt. Sehr bürgerlich und ein bisschen schnörkellos ist es in der Neue-Heimat-Siedlung in Langenhorn, wo das Ehepaar Loki und Helmut Schmidt fast 50 Jahre lang lebte.

Ein Steinway-Flügel darf nicht fehlen, auch Schachbrett, Globus, reichlich Bücher, Geschirr und eine halb volle Cognac-Flasche, die in der gemütlichen Hausbar steht. (einschenken durfte übrigens sein Personenschützer: Kriminalhauptkommissar Ernst-Otto Heuer). Viele Dinge – selbst Lokis Gartenschere – hat der Bergedorfer Foto-Journalist Michael Zapf nun ins leer gepumpte Schwimmbad getragen, wo er sein Foto-Atelier improvisierte: „Da hatte ich am meisten Platz“, sagt der 55-Jährige schmunzelnd. Und so sind selbstverständlich auch Roulette-Aschenbecher und blaue Schnupftabakdosen in dem neuen Buch „Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt“ zu sehen, das von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung herausgegeben wird. „Selbst jetzt riecht es im ganzen Haus noch nach Tabakrauch“, so Zapf.

Michael Zapf traf Helmut Schmidt häufiger im Verlag

Die Idee, alles zu fotografieren, sei schon vor der Corona-Zeit entstanden. Denn fast 7000 Bewerber meldeten sich für Führungen durch das Wohnhaus – aber pro Monat sind bloß 24 Teilnehmer zugelassen. „Wir müssen das viel mehr neugierigen Leuten zeigen“, dachte Zapf, der schon früher das Haus betrat, etwa um Loki zu fotografieren – „anschließend gab sie mir ein paar Äpfel für den Weg mit“.

Helmut Schmidt traf er häufiger im Verlag der Wochenzeitung „Die Zeit“, wo er einmal zu dem Fotografen sagte: „Sie haben zehn Minuten für das Foto, dann verschwinden Sie.“ Eine andere Begegnung war sympathischer, erinnert Michael Zapf: „Er hasste Smalltalk, aber wir haben uns gut und gern über die Bergedorfer Zeitung unterhalten, wo ich ja als Foto-Reporter arbeitete und er Jahre zuvor Kolumnist war.“

Dass sich der Bundeskanzler auch gern über Kunst unterhielt und viele Bilder sammelte, weiß die Nettelnburger Malerin Meike Lipp, die an der Hamburger Kunsthochschule und in Amsterdam studiert hat. Gern erinnert sich die heute 65-Jährige an das Jahr 1995: „Da hat mir Loki Schmidt bei drei Sitzungen Modell gesessen. Wir hatten wirklich eine schöne Zeit. Das Porträt hängt jetzt bei ihrer Tochter Susanne in London.“ Es muss den Schmidts gut gefallen haben, denn es kam ein Folgeauftrag: Die Nettelnburgerin wurde gebeten, ein Bild des engen Weggefährten Willy Berkhan zu malen. „Der war aber schon gestorben, also habe ich das nach einem Foto gemalt“, sagt die Tochter einer Bildhauerin. Auch einige Bronze-Skulpturen von Maren Lipp stehen auf den Fensterbänken des 122 Quadratmeter großen Hauses in Langenhorn.

Helmut Schmidt war ein Fan von Emil Nolde

Dass Helmut Schmidt seit Kindheitstagen ein Fan von Emil Nolde war, ist im ganzen Haus erkennbar. Auch er selbst versuchte sich in der Malerei: 1960 malte er mit japanischen Kreiden einen Hahn und schenkte ihm dem Bergedorfer Industriellen Kurt Körber zum Geburtstag. Der wiederum revanchierte sich 1978 und verschenkte im Namen des „Bergedorfer Gesprächskreises“ das Nolde-Werk „Dahlien“, das sich Helmut Schmidt nach seinem 60. Geburtstag in den Hausflur hängte.

Einen Einblick in die private Kunstsammlung des Ehepaars Schmidt bietet nun auch das Ernst Barlach Haus: Das Museum im Hamburger Jenischpark zeigt die Ausstellung „Kanzlers Kunst“ vom 4. Oktober bis 31. Januar mit Werken von Chagall, Dix, Picasso, Kollwitz, Modersohn-Becker und natürlich dem geliebten Nolde.

Pünktlich zum fünften Todestag eröffnet die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung zudem eine weitere Ausstellung am 10. November: An ihrem Sitz im Kontorhausviertel am Kattrepel 10 entsteht auf 270 Quadratmetern ein Rundgang durch das Leben des Staatsmannes. „Wir wollen Schmidt nicht in Stein meißeln oder gar ein Mausoleum errichten“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Dr. Meik Woyke. Vielmehr gehe es um Aktualität: Wie können Schmidts Denkanstöße für die Zukunft relevant sein? Die Dauerausstellung (geöffnet ist mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt) solle ein Ort der politischen Bildung und des gesellschaftlichen Austausches sein – frei nach dem Motto des Vollblutpolitikers: „Demokratie ist kein Zustand – Demokratie ist ein Prozess.“

Ein berühmtes Eheppaar: Knapp zwölf Jahre vertrat der Langenhorner Helmut Schmidt Bergedorf in Bonn, gewann den Wahlkreis von 1969 an fünf Mal in Folge, nachdem er zuvor seit 1953 für Hamburg-Nord im Parlament saß. 1961 wurde er Hamburgs Innensenator, spätern Verteidigungs- sowie Finanz- und Wirtschaftsminister (1969 bis 1974). Vom 16. Mai 1974 bis zum Misstrauensvotum vom 1. Oktober 1982 war Helmut Schmidt Bundeskanzler.Auch Ehefrau Loki Schmidt war oft in Bergedorf - allein, weil die Botanikerin die Boberger Dünen liebte. Sie starb am 21. Oktober 2010.