Bergedorf

Mediziner warnen vor „panischer“ Grippe-Impfung

Mediziner warnen vor reihenweisen Influenza-Impfungen von Patienten, die keiner Risikogruppe angehören (Symbolfoto).

Mediziner warnen vor reihenweisen Influenza-Impfungen von Patienten, die keiner Risikogruppe angehören (Symbolfoto).

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Das RKI rät zur Schwerpunkt-Versorgung von Risikogruppen. Laut Experten soll die Ansteckungsgefahr in diesem Jahr gering sein.

Bergedorf. Die seit Monaten grassierende Corona-Pandemie hat bei vielen Menschen zu Verunsicherung mit Blick auf die bevorstehende Grippezeit geführt. Mediziner warnen vor reihenweisen Influenza-Impfungen von Patienten, die keiner Risikogruppe angehören und auch sonst keiner erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt sind. „Es gibt Bestrebungen von Firmen, ihr gesamtes Personal vorsorglich impfen zu lassen“, berichtet der Bergedorfer Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Dr. Christian Klie und rät von flächendeckenden Impfungen dieser Art ab. „Vorrang sollten diejenigen haben, die bei einer Grippeinfektion ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.“

Zu diesen Risikogruppen gehören nach Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Personen über 60 Jahre, Personen mit einem Grundleiden wie einer chronischen Erkrankung oder Diabetes, Patienten mit schweren neurologischen Grundkrankheiten wie Multipler Sklerose, mit einem geschwächten Immunsystem (z.B. HIV), außerdem Schwangere und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Außerdem wird die Impfung für Menschen empfohlen, die aus beruflichen Gründen viel Kontakt zu anderen Personen haben und sich dadurch schneller anstecken können.

In Deutschland wären 40 Millionen Impfdosen erforderlich

„Corona ist ein weiterer Grund, sich gegen Grippe impfen zu lassen“, bestätigt Dr. Jürgen Duwe, Leiter des Bergedorfer Gesundheitsamts. „Ich denke und hoffe, dass die Menschen sich vermehrt gegen Grippe impfen lassen werden.“ Gleichzeitig verweist er auf die aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut. Dort heißt es , „dass mit den verfügbaren Impfstoffdosen“ insbesondere die Risikogruppen „vollständig“ gegen Influenza geimpft werden sollten. Im Corona-Jahr ist dies laut Stiko um so dringlicher, weil der Epidemieverlauf beider Erkrankungen bei den Risikogruppen deutliche Parallelen aufweist.

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Doch: Allein für die vollständige Impfung der Risikogruppen wären laut Stiko in Deutschland 40 Millionen Impfdosen erforderlich. Produziert werden aber nur etwa 25 Millionen, weil sich in den vergangenen nur etwa 35 Prozent der über 60-Jährigen und 20 bis 50 Prozent der Menschen mit chronischen Grundleiden impfen ließen. 25 Millionen Dosen sind laut Stiko schon deutlich mehr als in den Vorjahren. Diese sollten aber eingesetzt werden, um die Impfquoten der Risikogruppen bestmöglich zu steigern: Es liege „in der ärztlichen Verantwortung“, auch anderen Personen eine Impfung zu geben, heißt es dort abschließend.

Schutzmaßnahmen erschweren Ausbreitung der Influenza-Viren

Ohnehin rechnen Experten bei der Grippe in diesem Jahr mit einer geringeren Ansteckungsgefahr, und das liegt an Corona: „Die Schutzmaßnahmen wie Abstandsregeln und Maskenpflicht erschweren auch eine Ausbreitung der Influenza-Viren“, erwartet Dr. Christian Klie. Gesundheitsamt-Chef Duwe geht noch weiter: „Ich glaube, dass bereits die vorherige Grippewelle durch die Anwendung der Corona-Regeln im März verkürzt wurde.“