Ausschuss

Bergedorfs Kinder unter 14 werden immer brutaler

Der Jugendhilfe-Ausschuss der Bezirksversammlung hat sich mit dem Thema Jugendgewalt beschäftigt (Symbolbild)

Der Jugendhilfe-Ausschuss der Bezirksversammlung hat sich mit dem Thema Jugendgewalt beschäftigt (Symbolbild)

Foto: Oliver Berg / picture alliance / Oliver Berg/dpa

Zahl der „Rohheitsdelikte“ nimmt deutlich zu. Jugendamt kann die nötigen Stellen nicht besetzen.

Bergedorf. Mit blankem Entsetzen reagieren Bergedorfs Jugendhilfe-Politiker auf die jüngsten Zahlen gewalttätiger Kinder in Bergedorf. Die Rede ist von Menschen bis zum 14. Lebensjahr. Allein im Bereich Rohheitsdelikte stiegen ihre Taten um zwölf auf 90, so André Vollmer, Bergedorfs Jugendbeauftragter der Polizei. Zudem gab es 85 Körperverletzungen unter Kindern (16 mehr als im Vorjahr) – davon 53, die als gefährlich und schwer eingestuft wurden (sogar 20 mehr als im Vorjahr).

„Manche Kinder sind sehr aggressiv, es gibt massives Fehlverhalten in den Kitas“, sagt Vollmer und erklärt weiter: „Es gilt schon als gefährliche Körperverletzung, wenn drei auf einen losgehen. Aber auch eine einfache Körperverletzung kann erheblich sein, es gilt der Umstand der Tatbegehung.“ Ein gestiegenes Anzeigeverhalten der Eltern sei Teil der Ursache, doch insgesamt „habe ich keine finale Erklärung dafür“.

Ein Fall für Kinderpsychologen?

Man müsse die pädagogischen Kollegen fragen, die sich mit Gewaltprävention im Kindesalter beschäftigen, meint der Ausschuss-Vorsitzende Stefan Thomsen. Man könne einen Kinderpsychologen aus dem Wilhelmstift befragen, schlägt Heribert Krönker (Grüne) vor. „Es gibt hochimpulsproblematische Kinder mit enormen Erregungszuständen, die nicht in einer sozialen Gruppe schaffbar sind.“

Auch habe er aus Kindergärten gehört, „dass mehrere Kollegen ein Kind bändigen müssen. Das ist besorgniserregend und hat nichts mit einer dissozial-orientierten Störung zu tun“, so der Kinder-Therapeut.

Ein Viertel der Tatverdächtigen sind Mädchen

Prügelnde Kinder findet die Polizei in jedem Gebiet. 2019 waren es 24 in den Vier- und Marschlanden und 52 in Lohbrügge (zehn mehr als im Vorjahr), in Neuallermöhe wurden 67 tatverdächtige Kinder registriert (+11) und im Bergedorfer Kerngebiet 60 (+8). Vollmer: „Das waren insgesamt 203 tatverdächtige Kinder, macht einen Anstieg von 15 Prozent.“ Ein Viertel sind Mädchen.

Ziel der Polizei sei, gefahrenabwehrend zu wirken. Auch wenn kein Strafprozess folgt, könne ein Gespräch im familiären Umfeld zumindest aufzeigen, welche Strafen nach dem 14. Lebensjahr zu erwarten seien. André Vollmer: „Wenn jemand eine Straftat begeht, wird auch das Jugendamt eingeschaltet.“

Zahl der Kindeswohlgefährdungen ebenfalls gestiegen

251 solcher Delinquenzmeldungen gab es 2019 (21 mehr als im Vorjahr). Aber auch die Zahl der Kindeswohlgefährdungen ist leicht gestiegen, auf zuletzt 481 Fälle: „Allein zur Sensibilisierung melden wir lieber einmal mehr, etwa wenn wir bei einer Ruhestörung Einblick in die privaten Wohnverhältnisse bekommen. Oder wenn wir zu häuslicher Gewalt gerufen werden und Kinder im Haushalt leben.“

Das Jugendamt sei überfordert, muss Bergedorfs Jugenddezernentin Sabine Steffen eingestehen: „Im Sozialraummanagement war eine Stelle ein Jahr lang frei, auch bei der Schulaufsicht blieb die Stelle ein Dreivierteljahr unbesetzt. Wir haben keine Ressourcen, daher hatte ich die Gebietsentwicklung um Mithilfe gebeten.“

Dazu komme die ewige Fluktuation im Jugendamt. Es gebe „Ausschreibungen in Dauerschleife“, so Steffen: „Immerhin ist jetzt ein Mehrbedarf von 7,1 Stellen für Bergedorf erkannt worden – hoffentlich können wir sie bald besetzen.“