Schule Nettelnburg

Alles andere als ein normaler erster Schultag

Erinnerungsfoto im Corona-Zeitalter: Marsha, Danilo und Raphael Sikora mit Bela, Tanja und Samo König (von links).

Erinnerungsfoto im Corona-Zeitalter: Marsha, Danilo und Raphael Sikora mit Bela, Tanja und Samo König (von links).

Foto: Jan Schubert

Trotz Verzicht und Umwegen: Stimmung leidet an der Grundschule am Fiddigshagen nicht. Unterhaltungsprogramm von der Leinwand.

Bergedorf. Keine Frage: Es ist der wohl größte Tag im jungen Leben von Bela. Der Siebenjährige wird an der Schule Nettelnburg eingeschult. Für Bela ist das alles total aufregend, für seine Mama Tanja König könnte es hingegen fast Routine sein. Ist Bela doch bereits das fünfte Kind, mit dem sie den ersten Schultag durchlebt – drei seiner Geschwister kennen die Grundschule am Fiddigshagen schon. Routine ist es aber in Zeiten wie diesen keineswegs. Im Corona-Jahr 2020 wird auch die bekannte Prozedur zur neuen Erfahrung.

Denn Tanja König wird von ihrem Partner Hartmut Czarnitzki begleitet. Maximal zwei Angehörige zu jedem ABC-Schützen, daran müssen sich alle halten. Omas und Opas müssen draußen bleiben. Tanja König nimmt wie all die anderen Eltern der 23 Schüler der Klasse 1d auf einer Turnbank Platz. Immer auf Abstand zu anderen. Bela wiederum sitzt mit seinen Klassenkameraden in der ersten Reihe, sieht das Video zum Schulsong „Es ist egal, woher du kommst und wer du bist“. Danach begrüßt Schulleiterin Bettina Köhler Kinder und Erwachsene. „Einschulungsfeiern spielen an unserer Schule immer eine sehr große Rolle und sind der Höhepunkt eines Schuljahres“, sagt sie.

Schulleiterin hält ihre Rede viermal

Ein Höhepunkt, der dieses Mal so anders ist an den Hamburger Grundschulen, die noch bis Donnerstag einschulen. Klar, die bunten Schultüten sind für alle Kids immer noch das Größte. „Bela hofft, dass in seiner nur Süßigkeiten sind“, sagt Tanja König – doch ihr Sohn wird in seiner blauen Tüte auch Tuschkasten, Bleistifte und Radiergummi finden.

Es gibt aber auch spürbare Unterschiede: In diesem Jahr sind vier einstündige Zeremonien á 23 Schüler in der alten Turnhalle angesetzt. Normal sind zwei größere Einschulungsfeiern, bei denen die Halle proppevoll ist, zwischendurch mal ein Smartphone bimmelt, ein unzufriedenes Baby herumschreit. Das alles gibt es bei der diesjährigen Feierstunde an der Schule Nettelnburg nicht. Für Schulleiterin Köhler ein weiteres Novum: Sie darf ihre Begrüßungsrede gleich viermal vor­tragen, nimmt das aber locker: „Beim letzten Mal kann ich sie auswendig.“

Eltern dürfen nicht über den Schulhof

Nicht so locker sind diese weiteren Einschränkungen: Die Drittklässler, die ihre neuen Mitschüler normalerweise mit Liedern und Darbietungen willkommen heißen, dürfen nicht auftreten. Stattdessen kommt die Begrüßung von der Leinwand. Dort laufen die eben erst fertig geschnittenen Videos zum „ABC-Gedicht“, das „Hip-Hop-Lied“ wird mitgerappt, die Geschichte vom „Löwen, der nicht schreiben konnte“ vorgelesen. „Normalerweise“, erzählt Bettina Köhler, „bewirten wir unsere Gäste auch mit Kaffee und Kuchen.“ Auch das ist aktuell untersagt.

Der erste Schultag, das ist auch im Pandemie-Jahr gleich geblieben, ist kurz: 30 Minuten offizieller Teil, es folgen 15 bis 30 Minuten erster Unterricht im Klassenraum, noch das Foto draußen – ein Hauch von Normalität am Seiteneingang der Schule, dort wo die Eltern ihre Kleinen erwarten. Allerdings: Über den Schulhof laufen dürfen sie nicht.

Feiern mit Verwandtschaft wird daheim nachgeholt

Von Umwegen berichtet Raphael Sikora: „Wir haben uns vor der Sporthalle getroffen, wurden dann zur Feier hereingebeten“, so der Vater des sechsjährigen Danilo, „danach ging’s über Katendeich und Fiddigshagen hierher.“ Denn auf dem Hof spielen ältere Schulkinder in ebenfalls abgetrennten Bereichen. Möglichst wenig Begegnungen ist das oberste Gebot der Stunde.

Verzicht, Umwege und Warterei, all das macht die Stimmung an diesem ersten Schultag nicht kaputt. Papa Sikora findet, dass „das doch alles über die modernen Medien super gelöst“ wurde. Mit einem kleinen Makel: „Schade ist nur, dass Danilos Verwandte in diesem einzigartigen Moment nicht dabei sein durften.“ Dennoch wurde am Nachmittag mit 13 Leuten gefeiert.

Schwester reiste extra aus Paris an

Auch Tanja König ist zufrieden: „Die Grundschule gibt sich totale Mühe, aber natürlich kann diese Einschulung nicht mit meinen vorigen mithalten.“ Auch für ihren Bela hätte es genug Anhang gegeben: Ur-Oma, Großeltern, eine Tante reiste mit Mann und Kind extra aus Paris an – „die warten jetzt zu Hause auf uns“, sagt die Gastgeberin.

Für Schulleiterin Köhler beginnt gleich die nächste Einschulung. Ihr Zwischenfazit: „Trotz allem ist es so fast kuscheliger und intimer. Vielleicht bleiben wir künftig bei den kleineren Einzelklassen-Feiern.“ Dann aber hoffentlich wieder mit mehr Anhang und Live-Musik.