Bergedorf

Ein Schuhmachermeister mit Leder und Seele

Diese Maschine kann einfach alles, also schleifen, polieren, pressen und fräsen“: Glücklich steht Schuhmachermeister Klaus Fieberg-Killmey in seiner kleinen Werkstatt, die sich in Bergedorfs City, etwas versteckt Am Bahnhof 21, befindet.

Diese Maschine kann einfach alles, also schleifen, polieren, pressen und fräsen“: Glücklich steht Schuhmachermeister Klaus Fieberg-Killmey in seiner kleinen Werkstatt, die sich in Bergedorfs City, etwas versteckt Am Bahnhof 21, befindet.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Er liebt seine Kunden und feiert bald das 25-jährige Bestehen in seiner Werkstatt: Schuhmachermeister Klaus Fieberg-Killmey

Bergedorf.  Kaputte Füße und schiefe Rücken hat er schon zu Tausenden gesehen. Aber es ist nicht allein der orthopädische Blick, sondern der Streifzug durch die Gemüter seiner Stammkunden. Schuhmachermeister kann er aber auch, nicht nur nebenbei. Und so zieht bei Klaus Fieberg-Killmey an manchen Tagen auf bloß 49 Quadratmetern die ganze Farbpalette des Lebens vorbei. Genau dafür macht er das. Will und kann mit 65 Jahren „noch längst nicht“ aufhören.

„Die Sandalen im Fenster sind von der Sonne ausgeblichen“, sagt er zu der Kundin, die gerade erzählt, dass sie an der Flensburger Förde radeln war – und neue Absätze für die Winterstiefel braucht. Sohle abgelaufen, neue Spitze draufsetzen. In ein paar Tagen fertig. Bar oder mit Karte?

„Um den habe ich mir Sorgen gemacht“

Eine andere Frau probiert zögerlich Größe 38 an: „Die passen nicht mehr, mein Fuß ist so breit geworden übers Älterwerden.“ Vor der Tür, Am Bahnhof 21, schließt gerade ein älterer Herr sein Fahrrad etwas umständlich an: „Um den habe ich mir Sorgen gemacht, der ist schon zwei Wochen überfällig“, meint Fieberg-Killmey, reibt seine starken Hände an der speckigen Lederschürze ab und findet mit einem Griff die geflickten Treter. „Wunderbar, jetzt kann ich als altmodischer Mann die weitertragen. Obwohl mein amerikanischer Schwiegersohn nicht verstehen kann, wie man Schuhe reparieren lassen kann.“

Ersten Laden an den Gesellen verkauft

Es sind solche Gespräche, „davon lebt meine Seele“, sagt Fieberg-Killmey, der inzwischen der einzige selbstständige Schuhmachermeister in ganz Bergedorf ist. Er hört Musik, kaut Kaugummi – und kommt eher ruhig daher. „Müsste mal die Decke streichen, vielleicht in Flieder, dann passt das zur grün-lila-gestreiften Tapete“, überlegt er die anstehende Renovierung. Wäre mal ‘ne Idee nach nunmehr 25 Jahren. „Und vorher hatte ich schon zwölf Jahre einen Laden in Geesthacht. Den habe ich dann an meinen Gesellen verkauft“, sagt er.

Bloß eine Woche Urlaub im Jahr

„Eigentlich immer“ – an sechs Tagen in der Woche ist er von 9 bis 13 Uhr da, nach der Mittagspause geht’s bis 18 Uhr weiter (außer mittwochs und sonnabends). Manchmal putzt er sogar noch sonntags die große Maschine, die schleifen, pressen, fräsen und polieren kann. Und das alte Schätzchen, das bei Taschen und Gürteln hilft: eine Adler-Nähmaschine mit Freiarm. Wenn Klaus Fieberg-Killmey auf den Kalender guckt, streichen die Tage schnell vorbei. Nur eine Woche pro Jahr macht er Urlaub, reist mit seiner Frau nach Mallorca oder wie jetzt bis zum 25. Juli nach Sylt. Mehr sei nicht drin, denn nach Feierabend klingelt die Kasse nicht gerade laut.

Ehemals Abteilungsleiter im Porsche-Zentrum

Längst vorbei die Zeit, als er mit Zehntausenden von D-Mark in der Tasche zur Bank ging. Als er bei Filmtypen, Geschäftsführern und Zuhältern aus dem Rotlichtviertel abkassierte, als die sich im Porsche-Zentrum an der Eiffestraße einen flotten Flitzer kauften. „Da war ich tatsächlich bis 1980 Rechnungsabteilungsleiter. Doch vorher hab ich bei Raffay & Co. eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann im Kfz-Gewerbe gemacht.“

Zurück auf die Schulbank

Irgendwann füllten ihn Statistiken und Betriebsfinanzen im Autohaus nicht mehr aus: „Ich wollte die Mittlere Reife und mein Fach-Abi nachholen, um Sozialökonomie zu studieren.“ Bei fünf Geschwistern und einem Vater, der auf Harburger Baustellen arbeitete, ein hehrer Traum. Aber der Ehrgeiz war groß, um nochmal zwei Jahre lang die Schulbank zu drücken. Obendrauf jobbte er bei einem Bergedorfer Schuhmachermeister, der im Keller der alten Post saß. „Ich durfte in der Werkstatt helfen und hab’ gelernt, Schuhe zu reparieren.“ Und neben dem Leder hat er auch Lunte gerochen: Schwante ihm doch längst, dass er einen Bafög-Kredit fürs Studium über 50.000 Mark kaum hätte zurückzahlen können – eine andere Idee musste also her. „Da bot mir der Meister seinen zweiten Laden in Geesthacht an. Dann hab ich günstige Maschinen gekauft und mich im September 1983 selbstständig gemacht.“

Familienvater auf der Meisterschule

Nun musste der inzwischen junge Familienvater lernen, Schuhe „zu bauen“. Also Holzleisten ausmessen, Leder zuschneiden und nähen. „Ich konnte ja nur reparieren, aber wir waren drei Ungelernte in der Meisterschule. Und die waren 1993 dabei, als nur acht von 26 bestanden haben“, sagt er grinsend und stolz. Dann kam „diese Öko-Messe“, auf der ein Film aus Indien gezeigt wurde. Er dokumentierte, wie Frauen ohne Schutzkleidung im Fluss Leder gerbten, mit Chromsalzen das Wasser verseuchten. Für Klaus Fieberg-Killmey war klar: „Ich will nur Natur-Schuhe mit pflanzlich gegerbtem Leder verkaufen. Und die sollen in Europa hergestellt werden, wo die Rinder ohne Stacheldraht gehalten werden.“ Wobei manch Schuh in Ungarn vorproduziert, in Italien zusammengesetzt wird.

Rückenschmerzen bremsen ihn aus

Schnallen, Absatz-Schrauben, Rosshaar-Bürsten, Schnürsenkel und Einlegesohlen finden sich in seiner kleinen Werkstatt, wo Tänzer auch gern ihre weichen „Parkett-Schuhe“ reparieren lassen. Die Arbeit jedenfalls nimmt kein Ende, da tut es ihm fast leid, wenn er Kunden mit einigen Tagen Wartezeit vertrösten muss. Aber mehr geht eben nicht, auch wegen der Rückenschmerzen (fraglich, ob die noch vom TSG-Fußball kommen, als er in der Landesliga als Verteidiger kickte). Zum Ausgleich geht er daheim in Kirchwerder viel mit dem Golden Retriever spazieren.

Tröstende Worte

Ein treuer Helfer wäre schön. Schade aber, dass er meist allein in der Werkstatt sitzt, ab und an in seinem alten Buch mit dem Titel „Carpe Diem“ blättert, täglich eine Lebensweisheit überdenkt. „Ich könnte ja ausbilden. Aber das Geschäft lohnt sich nicht, damit kann man doch heutzutage keine Familie ernähren“, meint der 65-Jährige. Und dann freut er sich wieder über seine Kundschaft, die er bisweilen in der dritten Generation kennt. „Traurig ist, wenn von einem alten Paar plötzlich nur noch einer kommt. Der kriegt dann nicht nur reparierte Schuhe, sondern auch Trost.“