Neues Projekt

Ehemalige Schule in Allermöhe wird zum Hospiz

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Anne K. Strickstrock
In der Alten Schule am Allermöher Deich 451 soll ein Hospiz entstehen.

In der Alten Schule am Allermöher Deich 451 soll ein Hospiz entstehen.

Foto: Foto: Michael Kolle

Schon im nächsten Frühjahr möchte Investor Michael Kolle Sterbende am Allermöher Deich beherbergen. Umbaukosten etwa bei 500.000 Euro.

Bergedorf. Der Bauvorbescheid ist beantragt: Unternehmer Michael Kolle will in der Alten Schule in Allermöhe ein Hospiz gründen, mit 14 Betten für Sterbende. „Inklusive ausgebauter Dachgauben plane ich mit 500.000 Euro Umbaukosten und könnte im nächsten Frühjahr eröffnen, sobald ich einen Betreiber gefunden habe“, sagt der 51-Jährige über das Vorhaben im denkmalgeschützten Gebäude von 1902.

Geborgenheit und Ruhe ausstrahlen

Gleich nebenan will er ein altes Fachwerkhaus wieder aufbauen, das auf 1000 Quadratmetern Wohnungen für Demenzkranke bietet. „Mit den 2000 Quadratmetern Außenfläche soll hier ein Areal entstehen, das Geborgenheit und Ruhe ausstrahlt“, so Kolle. Für die Künstler-Ateliers am Allermöher Deich 451 suche er derzeit Ersatzflächen.

Doppelte Planung am Gräpelweg

Seit vielen Jahren wird im Bezirk ein Hospiz gewünscht. Seit März 2019 gibt es die Idee der Hamburger „Infinitas-Kay-Stiftung“, am Gräpelweg ein stationäres Hospiz mit 16 Betten zu errichten. Bezirksamtsleiter Arne Dornquast will mit der Körber-Stiftung sprechen, um das gut 3000 Quadratmeter große Grundstück erwerben zu können. Die Idee kreuzt indes die Pläne des Vereins „Begegnungszentrum im Park“ (BiP), das den Theatersaal abreißen und betreutes Wohnen für behinderte Menschen ermöglichen will. Dazu ist eine Tagesförderstätte geplant, vielleicht noch ein kleiner, inklusiver Kindergarten.

CDU will genaue Informationen

„Wenn wir unser Gesamtprojekt verwirklichen, ist kein Platz mehr für ein Hospiz“, glaubt BiP-Mitglied Rüdiger-Horst Bambach: „Wenn aber Politik, Verwaltung und die Bevölkerung das unbedingt wollen, würden wir das akzeptieren.“ Allein, so Bambach: „Die Hospiz-Stiftung schrieb uns, dass sie zuerst mit dem Amt verhandele, dann erst mit uns. Das finde ich nicht sehr freundlich und undemokratisch.“ Bereits zweimal habe er den Rathauschef aufgefordert, alle Parteien an einen Tisch zu holen – bislang vergeblich. Jetzt will auch Bergedorfs CDU den Ball ins Rollen bringen und fragt nach dem Sachstand: Erste Ankaufsgespräche hätten mit der Körber-Stiftung bereits stattgefunden, ein anderes Grundstück käme nicht infrage, heißt es aus dem Rathaus. Da indes beide Initiativen einen Wettbewerb ablehnen, werde ein neuer Zuschnitt überlegt: „Das Hospiz wird auf dem Flurstück 4855 realisiert werden“, beschreibt Dornquast den nördlichen Teil, der an die Lamprechtstraße grenzt. Da das Grundstück für Schulzwecke ausgewiesen ist, müsse noch Planrecht geschaffen, der B-Plan geändert werden. Das kann ein bis zwei Jahre Geduld in Anspruch nehmen.

Nachbarn noch nicht einbezogen

Nun sind die Initiatoren gefragt, um für beide Vorhaben eine Wirtschaftlichkeitsberechnung vorzulegen. Dann möge die Politik entscheiden, der die Ideen bislang lediglich im nicht öffentlichen Teil der Sitzungen vorgestellt wurden. Auch die Nachbarn wurden noch nicht informiert. Das, so die Bezirksverwaltung, sei der Pandemie geschuldet. Alternativ erwäge das Bezirksamt ein Online-Format.

Ambulante Hospizarbeit geht weiter

Unterdessen hat der ambulant helfende Hospizdienst wieder seine Arbeit aufgenommen und betreut sterbenskranke Bergedorfer. Etwa Gabriela Junghannß.

Sie lacht furchtbar gern. Und laut. Und viel. Gabi ist so eine, die man eine „coole Socke“ nennt. Jetzt muss ich eine „coole Sterbende“ sagen. Denn die 56-jährige Bobergerin hat Krebs. „Der Bergedorfer Onkologe meinte, ich hätte noch ein gutes Jahr. Da will ich doch noch viel Spaß haben und die schöne Natur genießen“, sagt Gabriela Junghannß.

Fast vier lange Corona-Monate haben sie sich nicht gesehen. Auch Sabine Trenkner hat sich auf die herzliche Begrüßung gefreut. Die beiden kennen sich seit November und treffen sich sonst alle zwei Wochen, um durch Bergedorfs Wälder und Wiesen zu spazieren. Denn Gabi hat nicht lange gefackelt: Als im Oktober klar war, dass die UKE-Ärzte ihre Leber nicht mehr operieren wollten, weil sie zudem Metastasen in der Galle und der Bauchdecke entdeckt haben, rief sie sofort die ambulanten Sterbebegleiter vom Bergedorfer Hospiz-Verein an: „Ich brauch da mal wen zum Quatschen, will ja nicht ständig meine geschockte Familie zujammern.“

„Die erste alte Dame, die ich betreut habe, lebt immer noch“

Als „eher ruhig“ beschreibt sich Sabine (59). Wir duzen uns sofort, weil wir alle ungefähr im gleichen Alter sind. „Ich habe jahrelang als Sekretärin mit Zahlen jongliert und wollte wenigstens am Wochenende was ganz Sinnvolles machen“, begründet sie ihre Ausbildung zur Sterbebegleiterin. „Die erste alte Dame, die ich betreut habe, lebt immer noch. Aber in dem Heim, in dem ich heute als Alltagsbegleiterin arbeite. Es passte nicht mehr unter einen Hut“, erzählt sie von der Frau, die erst nicht essen, nicht reden, sich nicht bewegen wollte. „Aber jetzt klappt alles viel besser.“ Und von dem sterbenskranken Mann, den sie anschließend zwei Monate ehrenamtlich besuchte: „Der war aber so anstrengend fordernd. Ich sollte ständig nach seiner Pfeife tanzen, obwohl er zum verabredeten Termin nicht mal die Tür aufgemacht hat.“ Zum Glück gibt es jetzt Gabi: „Die ist total lebenslustig.“ Bei dem Satz muss man fast schlucken.

„Dabei dachte ich eigentlich, so 80 zu werden“

Anfangs ging es ihr jedoch „entsetzlich dreckig“, gab es viele Tage, an denen sie sich auf dem Sofa bloß die Decke über den Kopf zog – allein, weil die Erinnerung quälte: „Ich habe doch in unserem Boberger Reihenhaus sechs Jahre lang die Schwiegermutter gepflegt. Sie hatte einen Schlaganfall und war halb blind.“ Trotzdem ging Gabi immer noch morgens mit den beiden Hunden raus, radelte dann zur Kita an der Habermannstraße, wo sie in der Hauswirtschaft half. Nun ist sie also selbst an der Reihe, Hilfe zu brauchen: „Dabei dachte ich eigentlich, so 80 zu werden.“ Schließlich wohnen unter demselben Dach die dreijährige Enkelin („hätte so gern noch die Einschulung erlebt“) und die Tochter („das Schönste, was mir je passiert ist“). Der Sohn hat eigene Probleme, der Ehemann muss arbeiten, „aber er kümmert sich viel“. Und half etwa bei dem 26-seitigen Rentenantrag.

„Nur ab und zu gekifft“

Noch im Krankenhaus, als die Chemotherapie angesetzt wurde, hat sie am Computer gegoogelt: Wie viel Zeit bleibt? Wie schlimm werden die Schmerzen sein? „Zum Glück gibt es Medikamente, auch Methadon.“ Wegen des Leberkrebses sei sie anfangs oft gefragt worden, ob sie zeitlebens viel Alkohol getrunken habe: „Hab ich aber überhaupt nicht, nur ab und zu gekifft“, sagte sie grinsend auch dem Anästhesisten, der ihr liebevoll die Hand gedrückt hatte.

„Wenn ich abnippel, dann bin ich hoffentlich frei“

„Ich bin aber lasch geworden, habe acht Kilo abgenommen“, sagt Gabi – und erkundigte sich sofort nach einem Platz im Bardowicker Hospiz: „Das ist sehr schön da. Aber toller wäre es, wenn es eines in Bergedorf gäbe, dann könnten sie mich öfter besuchen. Weil meine Familie, für die ich so unendlich dankbar bin, doch kein Auto hat.“ Bis es soweit ist, kostet sie alle Zeit aus, reiste kürzlich an die Müritz und an die Ostsee – bloß für das geliebte Norwegen reiche das Geld leider nicht. „Ich genieße die Natur. Vielleicht gucke ich mir mal einen Friedwald an, wenn man da möglichst billig unter die Erde kommt“, meint Gabi, die zudem von Sabine angetrieben wird, endlich eine Patientenverfügung zu schreiben, denn auf keinen Fall will sie an Maschinen angeschlossen werden. Aber Angst habe sie tatsächlich keine: „Wenn ich abnippel, also auf dem Weg zum Sterben bin, verlasse ich einfach diesen Schrott-Körper, und dann bin ich hoffentlich frei.“

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