Vor 75 Jahren

Der Tag, an dem in Bergedorf der Krieg zu Ende ging

| Lesedauer: 9 Minuten
Ulf-Peter Busse
Mit weißer Flagge sind die Unterhändler um Bergedorfs Bürgermeister Hermann Matthäs am 2. Mai den Briten entgegen gefahren. Ihr Ziel: einen weiteren Beschuss Bergedorfs verhindern. Auf der Landstraße werden sie kurz vor Börnsen von britischen Soldaten gestoppt.

Mit weißer Flagge sind die Unterhändler um Bergedorfs Bürgermeister Hermann Matthäs am 2. Mai den Briten entgegen gefahren. Ihr Ziel: einen weiteren Beschuss Bergedorfs verhindern. Auf der Landstraße werden sie kurz vor Börnsen von britischen Soldaten gestoppt.

Foto: dr.boehart/archiv

Der Zweite Weltkrieg endete vor genau 75 Jahren. Wie zwei Männer Bergedorf vor der Zerstörung retteten.

Bergedorf. Der Zweite Weltkrieg war in Bergedorf um 14 Uhr zu Ende: An diesem Sonntag ist es 75 Jahre her, dass die Zweite Britische Armee über die heutige Bundesstraße 5 einmarschierte – fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands..

„Wir hörten, wie das Gerassel der Panzerketten von Börnsen aus immer näher kam. Da hielt mich auch die ab 13 Uhr geltende Ausgangssperre nicht mehr im Haus“, erinnerte sich Gerhard Schöttke († 2009), damals neun Jahre alt, in einem Interview mit unserer Zeitung vor 15 Jahren. Am Morgen hatten der Hamburger Nazi-Statthalter Karl Kaufmann und sein Generalstab der kampflosen Übergabe der Hansestadt zugestimmt – entgegen Hitlers Durchhalte-Befehl. Der Führer hatte drei Tage zuvor im Berliner Hauptquartier Selbstmord begangen.

Bürgermeister Hermann Matthäs verhandelte

Dass Bergedorf am 3. Mai 1945 vor weiteren Zerstörungen bewahrt blieb, lag am Mut seines Bürgermeisters Hermann Matthäs: In der Nacht zuvor hatte er den drohenden Sturm der Briten auf Bergedorf in lebensgefährlichen Verhandlungen verhindert. Denn deren Generalstab war bis zum Morgen nicht von einer Übergabe Hamburgs ausgegangen – und vermutete, dass eine Verteidigungslinie in Bergedorf aufgebaut wird.

Die Kinder wussten nichts davon. Und außerdem waren die vielen Soldaten und Panzer viel zu spannend. Gerhard Schöttke rannte mit vielen Gleichaltrigen und auch manchem Erwachsenen von der Wohnung seiner Eltern am Gojenberg an den nahen Abhang und schaute aus 30 Meter Höhe auf die unten liegende heutige Bundesstraße: „Dann waren sie da, Panzer auf Panzer. Eine schier endlose Kolonne. Sie bogen in die August-Bebel-Straße ein, fuhren hinauf, reihten sich hinter uns im Gojenbergsweg auf und stellten die Motoren aus.“

Zeitzeugen erinnern sich ans Kriegsende

Die Schaulustigen beschlich ein unheimliches Gefühl: Zwar war jetzt der Krieg vorbei. Aber standen dort nun Befreier oder Eroberer? Die Neugierde der Kinder fand schnell eine Antwort, zum Glück eine positive: „Die Soldaten haben schon am Abend des 3. Mai mit uns am Lagerfeuer auf dem Gojenberg gesungen, uns Süßigkeiten und Lebensmittel zugesteckt. Am nächsten Tag sind wir auf ihren Panzern herumgeturnt.“

Wie Schöttke erinnerten sich in Interviews unserer Zeitung zum 60. Jahrestag der Befreiung viele Bergedorfer an den friedlichen Einmarsch. „Die Soldaten benahmen sich sehr anständig, von Einzelfällen abgesehen geradezu höflich“, so Jost Nolte († 2011), damals 17 Jahre, aus dem Villengebiet. „Bei uns in der Straße Sichter fuhren vier Briten mit einem leichten Panzer vor. In Ausgehuniform klopften sie und fragten: ,Have you snaps?’ Als ich das für meine Tante an der Haustür verneinte, gingen sie zu meiner Verwunderung einfach weiter.“

Engländer ließen sich nicht provozieren

Auch Elke Dreckmann, damals als Fünfjährige mit ihrer Familie nahe der Bille am Möörkenweg wohnend, erinnert sich an das Eintreffen der Briten. Dass alles friedlich blieb, lag in ihren Augen aber auch an der guten „Vorsorge“, die etliche Bergedorfer schon Tage zuvor betrieben hatten: „Nazi-Embleme, Führerbilder und Propagandaliteratur, aber auch Waffen und Stahlhelme wurden im Garten vergraben oder verschwanden in der Bille, wo sie bei Niedrigwasser über lange Zeit immer wieder auftauchten.“

Deutlich mulmiger war Gerhard Korff zumute. Den erst 16 Jahre jungen Ma­trosen hatten die Nazis als Wachtposten vor ihrer Zentrale am Duwockskamp eingeteilt. Zum Glück war er unbewaffnet, sodass die Briten bei ihrem Eintreffen einfach an ihm vorbeistürmten und Kreisleiter Fritz Schuster sowie andere Bergedorfer NSDAP-Größen mitnahmen. „Beim Abtransport verabschiedeten sich die Nazis mit einem lauten ,Heil Hitler!’. Ich bewunderte die Engländer, wie sie Ruhe bewahrten, sich nicht provozieren ließen.“

Das Ende hatte ein blutiges Vorspiel

Doch was am 3. Mai so friedlich ablief, hatte ein blutiges Vorspiel: 20 Stunden vor dem Einmarsch hatte britischer Artilleriebeschuss in Bergedorfs Ortskern fast 30 Tote gefordert. Darunter viele Kinder.

Der Tag vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Bergedorf war sonnig. Die warmen Temperaturen des 2. Mai 1945 lockten die Menschen ins Freie, wo sie sich erstmals seit Wochen wieder halbwegs sicher fühlten. Nachrichten von einer kampflosen Übergabe Hamburgs machten die Runde, die Tiefflieger waren verschwunden und es gab keine Bombenalarme mehr. Obwohl die Zweite Britsche Armee mit Hunderttausenden Soldaten schon bei Börnsen stand, spielten Kinder draußen, standen Menschen vor Lebensmittelgeschäften an.

Der schrecklichste Beschuss, den Bergedorf im gesamten Krieg erlebt hat

Es sollte eine trügerische Ruhe sein: Kurz nach 18 Uhr begann der schrecklichste Beschuss, den Bergedorf im gesamten Krieg erlebt hatte. „Es gab keinen Alarm. Die Menschen wurden völlig überrascht“, erinnert sich Marianne Harten († 2011) im Interview mit unserer Zeitung von 2005. „20 Minuten lang schlugen überall Granaten ein. Dann herrschte Totenstille“, so die damals 22-Jährige, die gerade vom Spaziergang ins Elternhaus an der Brookstraße zurückgekehrt war.

Sofort rannte sie zum Firmensitz der Spedition Buhck an der Töpfertwiete, wusste sie doch, dass ihr Vater gerade mit einem der Pferdefuhrwerke die Wentorfer Straße hinunter gekommen sein musste. „Auf dem Weg zur Töpfertwiete lagen überall Tote und Verletzte. Es war ein grausamer Anblick“, so Harten, deren schlimmste Befürchtungen wahr wurden: Ihr Vater wurde mit schwersten Verletzungen ins Allgemeine Krankenhaus gebracht, wo er noch in der Nacht starb.

Insgesamt forderte der Beschuss mindestens 29 Menschenleben, weit mehr als 100 Bergedorfer wurden teils schwer verletzt. Unter den Opfern waren viele Kinder, die auf den Straßen gespielt hatten. Eine Granate löschte die Geburtstagsgesellschaft eines dreijährigen Mädchens aus, die vor der alten Schmiede am Neuen Weg gespielt hatte.

Briten vermuteten, dass in Bergedorf die Verteidungslinie aufgebaut wird

Als Grund für den Beschuss gilt die Vermutung der Briten, dass in Bergedorf die Verteidigungslinie Hamburgs aufgebaut wurde. Durch intensive Luftaufklärung wussten sie, dass den ganze 2. Mai über Trupps von Wehrmachtssoldaten durch Bergedorfs Straßen zogen, gegen 18 Uhr sogar Panzer fuhren. Zudem hatte sich Ritterkreuzträger Carl Emmermann mit einer Einheit ehemaliger U-Boot-Soldaten am Elbhang bei Börnsen verschanzt, auf der Landstraße eine Panzersperre errichtet und die Angreifer so für Stunden gestoppt.

Die Briten hatten derweil Nachschubprobleme. Vor allem blieb die Artillerie ohne Munition. Als sie wieder nachladen konnte, hatte Emmermann seine Stellungen aufgegeben – also wurde Bergedorf unter Beschuss genommen.

Bürgermeister Hermann Matthäs handelte sofort

Hier schlug jetzt die Stunde von Hermann Matthäs, der von 1935 bis 1938 Bergedorfs Bürgermeister und anschließend Senatsbeamter in der Hansestadt war. Hamburgs Statthalter Karl Kaufmann, sein alter Schulfreund, hatte ihn erst drei Tage zuvor wieder als Rathauschef eingesetzt, um an der SS vorbei Hamburgs und Bergedorfs kampflose Übergabe zu erreichen. Ein lebensgefährlicher Job, rollte der britische Angriff am 2. Mai doch schon an.

Matthäs handelte sofort. Direkt nach dem Ende des Beschusses organisierte er einen Wagen, um den Briten entgegen zu fahren. Im allgemeinen Chaos konnte er aber keinen Wehrmachtsoffizier finden, den deren Generalstab als Verhandlungsführer anerkannt hätte. In seiner Not überredete er Bergedorfs Polizeikommandeur Major Lübke und zwei Polizisten zum Mitfahren. Nur mit einer weißen Fahne bewaffnet, machten sie sich auf den Weg.

Zwei Männer mussten mit ihrem Leben für die Waffenruhe bürgen

Tatsächlich gelang es Matthäs mit viel Verhandlungsgeschick, den britischen Divisionsgeneral zur Feuerpause zu überreden – aber nur bis 4 Uhr nachts. Komme er bis dahin nicht mit einem deutschen Generalstabsoffizier und dem schriftlichen Befehl zum Rückzug der deutschen Truppen aus Bergedorf zurück, werde der Ort von 4.01 Uhr an dem Erdboden gleichgemacht.

Zurück in Bergedorf telefonierte Matthäs mit Kaufmann. Doch der verwies auf die um 8 Uhr beginnenden Hamburger Übergabeverhandlungen. Er wollte oder konnte keinen Rückzugsbefehl für Bergedorf ausstellen. Also fuhren die Bergedorfer um 3.30 Uhr wieder nach Börnsen – mit leeren Händen. Der General reagierte verärgert. doch Matthäs erreichte, dass er sein Ultimatum fallen ließ. Sollten in der Nacht aber Schüsse fallen, würde er angreifen. Zudem mussten Matthäs und Lübke mit ihrem Leben für die Waffenruhe bürgen und wurden von den Briten in Börnsen festgehalten. Beide wussten, dass sie nichts garantieren können, fügten sich aber in ihr Schicksal. Tatsächlich fiel bis zum Morgengrauen kein einziger Schuss. Als sie um 7 Uhr freigelassen werden, stand fest: Die Zwei hatten Bergedorf gerettet.

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