Reisebüros

Bergedorfer buchen jetzt schon Reisen für 2021

Alain Freeman vom Lastminute Reisebüro Bergedorf hat schon viele Krisen überstanden. Doch diese ist besonders heftig.

Alain Freeman vom Lastminute Reisebüro Bergedorf hat schon viele Krisen überstanden. Doch diese ist besonders heftig.

Foto: Alain Freeman / BGDZ

Dennoch: Reiselust der Kunden für 2021 hilft Reisebüros nicht über coronabedingten finanziellen Engpass. Die Einnahmen fehlen jetzt.

Bergedorf. Die Reisesaison 2020 ist durch Corona gründlich verhagelt. Flüge oder ganze Pauschalreisen werden aufgrund der Reiseverbote von Bund und Ländern von den Veranstaltern nach und nach abgesagt, stattdessen gibt es Gutscheine für Kunden, die ihre Reise schon ganz oder teilweise bezahlt haben.

Schnäppchen für die Ostsee

„Neubuchungen für Flugreisen haben wir derzeit für dieses Jahr gar nicht mehr“, sagt Susann Hamann, Leiterin des TUI-Reisebüros im Sachsentor. Lediglich für Ziele in Deutschland, etwa an Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste, verkaufen sie und ihre Mitarbeiter jetzt Übernachtungen ab Ende August oder Anfang September – in der Hoffnung, dass dann wieder dorthin gereist werden darf.

Einige Anbieter locken dafür sogar mit Schnäppchen, etwa 50 Euro Nachlass bei mindestens drei Übernachtungen und einem Preis ab 499 Euro pro Person. „Es sind ausschließlich Einzelreisende oder Paare, die jetzt so etwas buchen“, schildert Susann Hamann auf Anfrage. „Familien haben gerade noch ganz andere Sorgen, als Reisepläne zu schmieden.“

Angebote für Sommer 2021 freigeschaltet

Früher als in all den anderen Jahren haben aber die Anfragen und Buchungen für die Reisesaison im Folgejahr eingesetzt. Ganz offenkundig rechnet kaum jemand damit, dass die Pandemie dann noch immer Fernreisen unterbindet. „Die Veranstalter haben ihre Angebote für den Sommer 2021 schon freigeschaltet, und die Kunden greifen zu“, sagt Hamann. „Die Klassiker der vergangenen Jahre wie Spanien, Portugal, Kanaren, Griechenland und Kroatien liegen auch da wieder vorn.“

Hoffen auf den 3. Mai

Bei der akuten Finanznot der Reisebüros hilft das aber nicht weiter. Denn ihre Provisionen erhalten sie erst bei Reiseantritt ihrer Kunden, die für diesen Sommer erwarteten Einnahmen für längst verkaufte Reisen fallen daher überwiegend aus. Auch kleinere Anbieter mit Zielen in Deutschland treten nervös auf der Stelle. „Bei uns kauft keiner mehr irgendwas“, sagt Svenja Simao vom Reisering am Weidenbaumsweg. Das Unternehmen bietet Tages- und Kurzreisen im Bus innerhalb Deutschlands an. Laut Simao warten jetzt alle Kunden auf Lockerungen der Kontaktbestimmungen ab dem 3. Mai.

Offener Brief an die Regierung

Unterdessen haben Deutschlands Reisebüros in einem offenen Brief an die Bundesregierung auf ihre Existenznot hingewiesen. 20 Vorstände, Geschäftsführer, Aufsichtsratsvorsitzende und Beiräte von zwölf Reisebüro-Organisationen fordern, den stationären Reisevertrieb mit einem eigenen Rettungsmodell zu unterstützen. Sie mahnen einen staatlichen Hilfsfonds als mittelfristige Branchensicherung und staatlich abgesicherte Gutscheine an. Zwei Bergedorfer Reisebüros beschreiben die Situation.

Hilferufe aus dem Reisebüro

Ein bisschen Risiko ist immer dabei: Weltwirtschaftskrise, Vulkanausbruch, Erdbeben, Putsch und Arabischer Frühling – das alles hat Alain Freeman mit seinem privaten Reisebüro locker überlebt. „Selbst die Pleite von Thomas Cook konnte er noch verknusen, „obwohl mir da 24.000 Euro an Provision verloren gegangen sind“. Mit der jetzigen Pandemie aber steht dem 49-Jährigen das Wasser bis zum Hals. Und das, obwohl er doch gerade das 14-jährige Bestehen von „Lastminute Bergedorf“ Am Bahnhof 19 feiern wollte.

Die Verunsicherung ist schon seit Februar groß, die Umsätze bleiben aus, schildert der Reiseverkehrskaufmann, dessen Frau in der Buchhaltung arbeitet und die beiden Kinder (sieben und elf Jahre) nun zu Hause in Geesthacht betreut. Das Reisebüro ist derzeit nur an drei Stunden von 11 bis 14 Uhr geöffnet – was wirtschaftlich kaum Sinn mache: „Wir werden ja erst nach Abreise bezahlt. Aber: keine Abreise, kein Geld“, sagt Alain Freeman, der üblicherweise zwischen sechs und zwölf Prozent Provision einstreichen kann. Aber seit Wochen arbeitet er ohne Einnahmen: „Wir halten den Kontakt zu unseren Kunden, telefonieren mit ihnen, beantworten viele Fragen, holen gestrandete Kunden zurück, leiten Stornos und Infos weiter. Dafür werden wir von den Veranstaltern jedoch nicht bezahlt.“

Lange Durststrecke wird befürchtet

Derzeit sind es die Stornierungen der Mai- und Juni-Reisen, aber keine neuen Buchungen: „Bis zum Anfang der Herbstferien wird das wohl so weitergehen“, fürchtet Alain Freeman eine lange Durststrecke: Er sorgt sich um seine Betriebskosten, denn die Soforthilfe und Kurzarbeit seiner Mitarbeiterin reichen nicht aus.

„Wenn alle meine 4000 Kunden zwei bis drei Euro spenden würden, könnte ich vielleicht bis Oktober auskommen“, errechnete er – und rief über Paypal eine Spendenkampagne ins Leben: „Sagenhafte 4200 Euro sind schon gekommen, das Ziel liegt aber bei 10.000 Euro. Und so habe ich mir bei meinen Eltern schon Geld geliehen“, sagt der Reisefachmann. (Unterstützter gehen ins Internet unter www.paypal.com/pools/c/ 8o0w8rcLab). Das Motto: „Unser Reisebüro braucht Eure Hilfe!“

"Auch im nächsten Jahr wird es uns geben"

Ebenfalls inhabergeführt ist das Reisebüro von Gisela Matschek im Sachsentor 69. Sie aber sieht zuversichtlicher in die Zukunft – „obwohl wir ein schwarzes Jahr hatten und jetzt bei Null stehen“. Auch hier wird storniert, sind Neubuchungen selten, denn „es gibt ja kaum Flüge, jetzt haben auch noch South African Airways und Norwegian Airline Insolvenz angemeldet. Und die Lufthansa hat sogar schon einen Oktoberflug gecancelt, der von Tokio nach Frankfurt gehen sollte.“

Ihr Büro bleibt von 10 bis 18 Uhr geöffnet, die drei Mitarbeiterinnen sind bei minus 20 Prozent auf Kurzarbeit, staatliche Hilfe ist beantragt: „Wir bekommen vom Bund 9000 Euro, und die Stadt Hamburg gibt 5000 Euro dazu“, freut sich Gisela Matschek, die nicht damit rechnet, dass sich vor dem Spätsommer die Situation ändern wird. Doch der Optimismus siegt: „Auch im nächsten Jahr wird es uns noch geben, wir halten durch“, verspricht sie ihren Kunden, die sich auch mit Gutscheinen zufriedengeben: „Anzahlungen für Pauschalreisen werden mit der nächsten Reise verrechnet.