Klimaschutz

Das Experiment: Drei Monate ohne Auto „überlebt“

| Lesedauer: 4 Minuten
Anne K. Strickstrock
Familie Jünemann hat das Experiment tapfer durchgehalten – und freut sich auf den Golf, der Tochter Nathalie (10) zum Reitstall bringt.

Familie Jünemann hat das Experiment tapfer durchgehalten – und freut sich auf den Golf, der Tochter Nathalie (10) zum Reitstall bringt.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Bergedorf. Hamburgs Umweltbehörde wählte sieben Teilnehmer aus, die ihre Autos drei Monate lang in der Garage parkten.

Bergedorf.  „Das war die Idee meines Mannes. Ich hätte nicht gedacht, dass wir angenommen werden“, sagt Andrea Busch. Doch dann wurden sie aus 80 Interessenten ausgewählt, die drei Monate lang auf ihr Auto verzichten. „So standen sieben Autos in der Tiefgarage, mussten die Schlüssel in den Safe der Umweltbehörde gegeben werden“, sagt Volker Duman vom „Move“-Projekt. „Bewege Deine Stadt!“, lautet das Motto, dem sieben Teilnehmer folgten – und monatlich 400 Euro erhielten: Laut ADAC kostet so viel ein Auto der unteren Mittelklasse, wenn neben Sprit, Steuern, Reparaturen und Versicherung auch der Verschleiß bedacht wird.

Hybrid-Auto ersetzt BMW-Roadster


Ihren BMW Z4 Roadster haben Andrea und Michael Busch nicht vermisst, jetzt wird er verkauft: „Wir wohnen in Harburg und können zu 90 Prozent alles mit dem Rad erledigen. Das ist auf jeden Fall pünktlicher als die Bahn, die ja eher einem Glücksspiel gleicht.“ Wenn es zur Schwiegermutter nach Hameln oder zu den Kindern nach Frankfurt geht, wird ein VW Golf gemietet: „Das kostet beim ADAC für eine Woche nur sensationelle 166 Euro“, schwärmt das Paar. Ein neues Auto soll dennoch angeschafft werden: „Ein Plug-in-Hybrid schafft 80 Kilometer mit Elektrikantrieb. Im Notfall kann man bei weiteren Strecken dann den Benzinmotor dazu schalten.“

Neue Knöpfe im fremden Auto

Weniger locker ging es bei Familie Jünemann aus Neuallermöhe zu: „Wir haben zwar durchgehalten, aber wir wollen unbedingt unseren Golf wiederhaben“, sagt Kathrin Jünemann. Denn insbesondere der Dienstag habe es in sich gehabt. Dann will Tochter Nathalie (10) zum Reiten an den Moorfleeter Deich. Da es zum Radeln manchmal zu kalt war, wurden die Car-Sharing-Anbieter Car-to-go und Cambio ausprobiert. „Außerdem gibt es in Neuallermöhe wohl zwei Autos von Oply, aber die haben wir noch nicht ausprobiert. Denn neue Knöpfe im fremden Auto – das ist zwar ‘ne Kleinigkeit, aber bei Zeitdruck doch stressig“, meint die Berufsschullehrerin.

Stressfrei liebt es auch ihr Mann Alexander. Der Sozialpädagoge fuhr schon vor dem Experiment mit seiner HVV-Card nach Winterhude zur Arbeit: „Im Auto muss man bei jedem Stau über einen Schleichweg nachdenken und entscheiden. Das ist bei der meist unpünktlichen S-Bahn anders. Die fährt dann halt nicht – und Punkt.“

Für den Einkauf ohne Auto ein Miet-Lastenrad


Was aber war mit den Einkäufen? „Weil ich schon Fahrradtaschen hatte, geht das ganz gut in Neuallermöhe“, sagt Kathrin Jünemann. Wenn sie aber mal eine ganze Stiege Milch braucht, wäre sie froh über ein Miet-Lastenrad.

Für Michael König waren die „drei Monate ohne‘ zwar keine große Herausforderung. Er wohnt im Stadtteil Hoheluft, mache fast alles zu Fuß oder mit dem Rad: „Aber mein 13 Jahre altes Auto behalte ich, das lässt sich nicht mehr vernünftig verkaufen.“

„Ich brauche kein neues Auto“

Schweren Herzens hatte Julia Reiß ihren Renault Clio in der Garage zurückgelassen. Wie meisterte sie 18 Kilometer Arbeitsweg von Altona nach Wedel? „Ich habe an beiden S-Bahnstationen ein altes Fahrrad stehen. Dann bin ich in Wedel nicht auf den Bus angewiesen, der nur alle 20 bis 30 Minuten fährt.“ Dennoch kam sie einmal zurück in die Garage der Behörde: Der zehn Jahre alte Clio leckte. „Jetzt ist er verkauft, ich bereue nichts. Ich brauche kein neues Auto.“

Damit hat das Move-Projekt einige Teilnehmer zu Total-Umsteigern machen können. Als Dankeschön wurden sie auf den Bergedorfer VHH-Betriebshof eingeladen, durften selbst einen großen Bus steuern. Nicht nur, dass die VHH noch dieses Jahr 150 neue Busfahrer werben will. Die Verkehrsbetriebe wollen in Sachen Ökologie mit gutem Beispiel vorangehen. Sprecherin Anja Gierke: „Ab 2020 schaffen wir ausschließlich E-Busse an, tauschen alle unsere 533 Busse sukzessive aus.“

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