Bergedorf.

Geschichte ist erschreckend lebendig

Woche des Gedenkens erinnert an Nazi-Opfer und warnt vor Reichsbürgern und Rechtsgesinnten

Bergedorf.  Aus Wedel kommt morgen, 18 Uhr, Marianne Wilke ins Bergedorfer Rathaus. Die Dame – Jahrgang 1929 – wird über ihre Erlebnisse als Halbjüdin im nationalsozialistischen Hamburg berichten. Ihre Zuhörer sind Schüler der Gretel-Bergmann-Schule sowie Lokalpolitiker, die ihre Bezirksversammlung extra um eine Stunde verschieben. Dem Auftakt zu „80 Jahre Reichspogromnacht“ folgt eine „Woche des Gedenkens“ mit zahlreichen Veranstaltungen in Bergedorf – hier ein Auszug aus dem Flyer, der unter anderem im Hasse-Turm ausliegt:

Dass Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit aktuelle Themen sind, zeigt am 30. Oktober der Soziologe Dr. Klaus Dörre auf: Wer hat die AfD in den Bundestag gewählt? Wie viel rechte Gesinnung ist schon in Betriebsräten? Gibt es eine Arbeiterbewegung von rechts? Diesen Fragen geht er von 19 Uhr an im „SerrahnEins“ an der Serrahnstraße nach. Eintritt frei.

Von „Demokratieabbau und faschistischer Gefahr“ ist am 1. November in der Lola die Rede, wenn der studierte Philosoph und Politikwissenschaftler Jürgen Lloyd (Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung) von 19 Uhr an einen Vergleich von „Weimarer Republik und Heute“ zieht. Nur einen Tag später, ebenfalls 19 Uhr, kommt Ulla Jelpke von den Linken zur Podiumsdiskussion an die Serrahnstraße. Das Thema der Obfrau im Innenausschuss des Bundestages sind „Knallharte Neonazis und wirre Reichsbürger“. Sie sieht eine Mitverantwortung des Verfassungsschutzes am Aufbau einer militanten rechten Szene.

Wo wurde in Bergedorf für die Rüstungswirtschaft gearbeitet? Wo wurden Bergedorfer Oppositionelle verhaftet? Zu einem zweistündigen Stadtrundgang lädt Christian Römmer ein. Der Leiter des Kultur- & Geschichtskontors startet am 3. November um 14 Uhr am Reetwerder 17. Kosten: 5 Euro.

Über Pseudo-Arier und „Herrenmenschen“ hat die Regisseurin, Schauspielerin und Afro-Deutsche Mo Asumang geforscht. Ihr preisgekrönter Dokumentarfilm „Die Arier“ wird am 8. November, 19 Uhr, in der Lola gezeigt.

Am 9. November, wenn sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal jährt, besucht auch Zeitzeugin Marianne Wilke von 10 bis 12 Uhr die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. An die Bücherverbrennung erinnern Vorleser – darunter Bezirksamtsleiter Arne Dornquast – in St. Petri und Pauli, wo von 14 bis 16 Uhr Texte etwa von Brecht, Feuchtwanger und Werfel zu hören sind. Dazu musizieren Schüler des Hansa-Gymnasiums.