Protest in Baumarkt

Flüchtlinge: „Wir wollen Container – mehr nicht“

Ein Mann muss mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden – nach AbendblattInformationen
hat er ein Nierenleiden

Ein Mann muss mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden – nach AbendblattInformationen hat er ein Nierenleiden

Foto: Jörg Riefenstahl

Rund 70 Flüchtlinge sind aus Protest gegen ihre Verlegung in einen ehemaligen Baumarkt in den Hungerstreik getreten.

Bergedorf.  Der Hungerstreik vor der neuen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Max-Bahr-Markt in Bergedorf geht weiter: Auch am Montag protestierten rund 70 Flüchtlinge gegen die aus ihrer Sicht nach wie vor unzumutbaren Zustände in der Notunterkunft. Seit nunmehr zwei Tagen verweigern Männer die Nahrungsaufnahme und campieren auf dem Fußweg. Sie wollen mit ihrer Aktion eine Unterbringung in einer anderen Unterkunft durchsetzen. Begleitet wird die Aktion unter anderem auf Facebook von der Initiative „Refugees welcome – Karoviertel“.

Um sich ein Lagebild zu verschaffen, besuchte Bergedorfs Bezirksamtschef Arne Dornquast (SPD) am Montag die Flüchtlingsunterkunft in der Straße am Rugenbarg, in der seit Sonnabend rund 800 Flüchtlinge untergekommen sind, die zuvor in den Messehallen untergebracht waren. Er sagte, die Lage habe sich seit Sonnabend entscheidend verbessert. Für jeden sei ein Bett da, niemand müsse draußen schlafen. Die CDU spricht dagegen von einem Organisationschaos beim Thema Flüchtlingsunterkünfte, verantwortlich dafür seien die Hamburger Innen- und Sozialbehörde.

Es ist Montagfrüh, 10 Uhr. Junge Männer dösen auf dem Matratzenlager vor dem Zaun der Unterkunft, einige schlafen noch. Über dem Zaun hängen Schlafsäcke und bunte Decken, ein paar kleine Kinder fahren mit dem Rad. Yaseen, 25, kommt aus dem Irak. Er trägt ein blaues Kopftuch und spricht mit Anwohnern. Yaseen lebt seit Mitte des Monats in Hamburg. „Sie haben uns in den Messehallen erzählt, wir kämen in Container, in Räume mit vier bis fünf Leuten“, erzählt er. „Das wollen wir. Mehr nicht.“

Eine Anwohnerin steigt auf dem Weg zur Arbeit aus dem Auto und balanciert ein Blech mit selbst gebackenem Pflaumenkuchen über die Straße, den sie den Flüchtlingen anbieten will. Aber die Männer lehnen mit Gesten ab. Daraufhin versucht die Frau, ihren Kuchen direkt in der Unterkunft loszuwerden. Aber die Securitys in ihren gelben Westen lassen sie nicht hinein. „Es ist ein erschreckendes Bild, das mich sehr berührt“, sagt Janine Helmecke, die in einem Steuerbüro arbeitet. „Dass die Leute hungern, um Aufmerksamkeit zu erzielen und ihr Anliegen rüberzubringen, ist in ihrer Situation vielleicht verständlich. Aus meiner Sicht ist es nicht optimal. Ich wünsche mir eine diplomatische Lösung. Da ist die Politik gefordert.“

Auf dem Parkplatz des Baumarkts spielen eine paar Jungs Fußball. Wäre da nicht der Zaun, deutete kaum etwas darauf hin, dass hier mitten in einem Wohngebiet rund 800 Flüchtlinge in dem gelben Gebäude wohnen. Anwohnerin Karin Malsow, 68, kann nicht verstehen, warum die Männer auf dem Gehweg sitzen. „Ich bin der Meinung, sie sollten einziehen. Es wäre schön, wenn sie dankbar wären für ein Bett und ein Dach über dem Kopf. Ohne Bomben. Es ist nicht mehr möglich.“

Gerhardt Rosendahl arbeitet in einer Firma in der Nachbarschaft und schaut über den Zaun. „Ich bin da drin gewesen. Am Freitag und auch gestern Nacht“, erzählt er. „Es roch anfangs nach Desinfektionsmittel. Inzwischen wurden Trennwände gezogen, und es ist alles sauber.“ Aus seiner Sicht sei der Protest zu erwarten gewesen. Es werde zu wenig miteinander geredet.

Um 11.20 erscheint die Polizei mit fünf Mann. „Wir müssen alle helfen, dass sich die Zustände hier verbessern“, sagt Karsten Schwarz, Leiter des Polizeikommissariats 43 in Bergedorf. „Wir haben Kenntnis, dass einige Flüchtlinge nichts essen. Und Anfragen von Anwohnern, wie lange das hier dauern wird.“ Die Sicherheit sei gewährleistet und der Protest durch das Versammlungsgesetz gedeckt.

Unterdessen nähert sich ein Krankenwagen mit Blaulicht. Rettungssanitäter helfen einem jungen Mann auf eine Trage. Der Mann hat ein Nierenleiden, Lebensgefahr besteht nicht. Auch Bezirksamtschef Dornquast ist da und hat sich bei einem Rundgang durch die Unterkunft einen aktuellen Überblick verschafft. „Die Müllentsorgung ist gewährleistet. Es ist für jeden ein Bett da und genug Platz. Sie müssen hier nicht auf der Straße liegen“, sagt der Bezirksamtsleiter. Der Zustand der Unterkunft habe sich seit Sonnabend erheblich verbessert. Der Sichtschutz sei in „erheblichem Umfang“ da. Gleichwohl räumt er Versäumnisse in der Kommunikation von Innenbehörde und dem städtischen Dienstleister „Fördern & Wohnen“ mit dem Bezirksamt ein. „Hätten wir früher erfahren, was auf uns zukommt, hätte man uns gebeten zu helfen – wir hätten es getan. Ich wünsche mir, dass wir es beim nächsten Mal besser machen.“

Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, ergänzt: „Die Bergedorfer fühlen sich vom rot-grünen Senat überrumpelt. Selbst das Bezirksamt vor Ort wurde erst drei Tage vor dem Umzug in den ehemaligen Baumarkt informiert. Wir müssen jetzt schnellstens wieder zu geordneten Verhältnissen zurückkehren. Ein solches Versagen der Behörden darf sich nicht wiederholen. Die Flüchtlinge sollten jetzt ihren Streik beenden und in ihre Unterkunft zurückkehren.“

Susanne Schwendtke vom städtischen Dienstleister „Fördern & Wohnen“ betont: „Wir können die Enttäuschung der Flüchtlinge nachvollziehen. Es gibt aber keine andere Möglichkeit. Das Quartier ist eine Notmaßnahme zur Verhinderung von Obdachlosigkeit.“