Sieben Monate nach Tod des Vaters

Traum von einer Blinden-WG erfüllt sich

Neuallermöhe (upb). Heute geht Marcel Noltes größter Wunsch in Erfüllung. Nach siebenmonatiger Odyssee seit dem Tod von Vater Dieter Nolte (* 74) zieht der 30-Jährige in eine Blinden-WG.

Neuallermöhe (upb). Heute geht Marcel Noltes größter Wunsch in Erfüllung. Nach siebenmonatiger Odyssee seit dem Tod von Vater Dieter Nolte (* 74) zieht der 30-Jährige in eine Blinden-WG.
"Ein großartiges Gefühl. Vielleicht finde ich dort ja sogar Freunde", sagt Marcel Nolte, der durch einen Geburtsfehler blind und leicht behindert ist und seither vom Vater in der gemeinsamen Wohnung in Neuallermöhe betreut wurde.

Nach dem Schock über dessen Tod - Marcel lebte noch drei Tage neben der Leiche, bevor besorgte Nachbarn klingelten - wurde der Sohn vorübergehend im Bethesda-Krankenhaus untergebracht. Danach folgten unendlich lange Monate im Senator-Ernst-Weiß-Haus, dem Seniorenheim der Hamburger Blindenstiftung in Wandsbek. "Kaum ein Nachbar ist unter 80, und es gibt keinen Begleitservice, wenn ich mal nach draußen zum Supermarkt oder einfach nur einen Döner essen will. Ich habe nur drinnen gesessen", beschreibt Marcel Nolte. Besuch erhielt er nur von einer Nachbars-Familie aus Neuallermöhe. Vor anderen Kontakten hatte ihn der Vater fast hermetisch abgeschirmt, auch für den Fall seines Todes hatte Dieter Nolte keine Vorsorge getroffen.

"Er hatte große Angst um mich. Aber das war gar nicht nötig", weiß der Sohn heute. "Ich wollte eigentlich schon lange in eine WG ziehen, aber er hat immer abgewinkt." So fiel Marcel im Februar in ein tiefes Loch, als er neben der Trauer um den Vater gar keine Bezugsperson mehr hatte.

Heute ist seine Hilflosigkeit überstanden und einem vorsichtigen Selbstbewusstsein gewichen: Deutlich schlanker als früher hat der 30-Jährige seinen bevorstehenden Umzug am vergangenen Wochenende auf seine Weise gefeiert - mit großem Herzklopfen: "Ich habe mir einfach ein Taxi nach Bergedorf genommen und bin Sonntag von 13.30 bis 21 Uhr über das Stadtfest gelaufen, bin immer wieder mit dem Kettenkarussell gefahren. Ganz ohne feste Begleitung. Das hatte mein Vater mir nie erlaubt. Aber es ging ganz toll. Wenn ich Hilfe brauchte, habe ich einfach jemanden gefragt."

Auf solche Abenteuer hofft Marcel Nolte ab jetzt häufiger. Im Blinden-Wohnheim an der Süderstraße zieht er in eine 8er-WG mit Männern und Frauen in seinem Alter. Ein Bewohner und ein Betreuer hatten ihn kürzlich schon besucht: "Die haben dort sogar eine Band", freut sich der begeisterte Keyboarder.