Wo aus Angst ein befreites Lachen wird

Von Anne K. Strickstrock

Bergedorf.
Anfangs stehen sie stumm und schüchtern vor der Weltkarte. Oder sie schreien laut, wenn die Eltern den Schulhof verlassen. "Inzwischen flitzt Amir fröhlich lachend über die Flure", freut sich Dorit Ehler über den Zehnjährigen. Die Leiterin der Grundschule Ernst-Henning-Straße weiß, dass viele Flüchtlingskinder Schlimmes erleben mussten. "Die Polizei haben uns gefangt und in Istanbul gelassen. Dann sind wir in Bulgarien gebleibt, dann Passport, dann mit Auto nach Deutschland", erzählt Mariam (11). Sie stammt aus Syrien und lebt seit zehn Monaten in der Container-Unterkunft am Curslacker Neuen Deich.

Manche Kinder haben noch nie eine Schule besucht, andere wurden vom Lehrer mit einem Metall-Lineal geschlagen. "Erstmal wollen wir ihr Vertrauen gewinnen, dann kommt das Lernen", sagt Ehler, die zwei ABC-Klassen eingerichtet hat. Deren elf Kinder wechseln nach einem Jahr, wenn sie das Alphabet können, in die IVK (internationale Vorbereitungsklasse), wo derzeit 15 Kinder lernen.

Die ersten Wochen sind sehr experimentell. Mit Händen und Füßen wird unterrichtet. Gestik und Mimik helfen, wenn etwas wehtut oder jemand auf die Toilette muss. "Möchtest Du?", fragt Ehler und hält eine Gummibärchentüte hin. Wer "Ja, bitte" sagt, darf zugreifen. Möchten, dürfen, können: Hilfsverben sind zunächst wichtiger als die Namen von Tisch oder Tür.

Manchmal erklingt ein befreiend lautes Lachen im Klassenzimmer. Etwa wenn der Lehrer Hannes Klukas gerade berichtet, dass er Schweine isst und sich vor dem Beten nicht die Ohren wäscht.

An der Tafel hängen große, bunte Blumenbilder. "Heißt es der, die oder das Geschenk?" Lehrerin Janine Seidel bereitet mit einer ABC-Klasse gerade den Muttertag vor und lässt sie einen Blumenstrauß aus Papier basteln. Leise flüstern die Kinder das Wort Tulpen, bevor sie zu den Scheren greifen. Dass es auch einen Vatertag gibt, freut Nooreddeen, denn der zehnjährige Syrer ist allein mit seinem Papa geflüchtet: "Erst mit Taxi nach Libanon, dann mit Flugzeug über Meer, dann mit Autobus von Italien." Und der Vater hat versprochen, dass beide Schwestern mit der Mama bald nachkommen - "wenn wir mehr Geld haben".

15 Kinder aus sechs Nationen unterrichtet Alexandra Bunte, in deren Klassenzimmer leise Musik ertönt. Konzentriert schreiben sie Worte wie "Katse", "Wint" oder "Elefand" in ihre Deutschhefte. "Schreibt man Fuß mit O oder U?", fragt Hysen aus Albanien. Der Zehnjährige hat rote Augen und erklärt: "Ich bin immer müde, kann im Container nicht schlafen, Nachbarn sehr laut." Sein syrischer "Pausenfreund" Zeed nickt bestätigend - ein bekanntes Problem unter Flüchtlingskindern.

Da heute der Computer kaputt ist, verleiht Lehrerin Alexandra Bunte ihr privates iPad: "Stevan ist erst vor kurzem aus Serbien gekommen, er kennt viele Worte noch nicht", sagt sie und nickt aufmunternd dem Jungen zu. Bunte erkennt Ausschnitte aus den Biografien ihrer Schüler - etwa wenn ein Mädchen das neue Haus der Familie zeichnet, das nach nur sechs Tagen zerbombt wurde. Oder wenn der kleine Lenox nichts Rotes malt: "Die Farbe erinnert ihn zu sehr an Blut. Davon hat er viel in Serbien gesehen."

437 Schüler besuchen derzeit die Ernst-Henning-Schule - und immer mehr Lehrer sind gefragt, auch Fremdsprachen zu verstehen. "Unsere Kollegen können Russisch, Dari und Italienisch. Und wir sind immer sehr dankbar, wenn die Kinder ehrenamtliche Paten bekommen, die sie zu uns begleiten und übersetzen können", sagt Schulleiterin Dorit Ehler. Sie erwartet, dass bald weitere 40 bis 50 Kinder aufgenommen werden: "Mal sehen, wer alles in die Containern an der Brookkehre einziehen wird". Auf jeden Fall habe man genügend Platz, Lehrkräfte "und viel Geduld".

Nooreddeen (10) ist mit seinem Vater geflohen