Geschichte

Der Ursprung des Tante-Emma-Ladens

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Christine Stanke

Foto: Christine Stanke

Bergedorf. Der Geruch von Holzkästen und Bier, frischem Brot und Gemüse zog am 24. Dezember 1910 durch ein kleines Haus am Neuen Weg. Kein typischer Weihnachtsduft, zugegebenermaßen, aber für Gustav Willers war es dennoch der Duft eines Festtags.

Denn an Heiligabend vor genau hundert Jahren eröffnete er seinen eigenen Krämerladen. In dem heute als Willersche Kate bekannten Fachwerkhäuschen an der Bergedorfer Straße legte er mit seinem Kolonial- und Fettwarengeschäft den Grundstein für einen waschechten, ja vielleicht sogar für einen der ersten Tante-Emma-Läden. Jahre später wird nämlich seine Tochter Emma dort hinter der Theke stehen.

"Meine Tante Emma war klein und knuddelig, die grauen Haare waren zum Dutt getüdelt, die Schürze mit bunten Blümchen gemustert", erinnert sich Hans-Helmut Willers, der heutige Eigentümer der Kate. Als Junge war der Laden sein Paradies. Hier gab es Dosen voller Kekskrümel, die es zu vernichten galt. Es gab jede Menge Drops und seine Cousine Anne Gret als Spielgefährtin. "Meinen Großvater Gustav habe ich leider nie kennen gelernt", bedauert Willers. Aber Gustavs Erbe - der Laden in Emmas Händen - war sein Zuhause. Und ist es sogar heute noch.

Adventszeit 2010: Auf dem schweren Holztresen mit den vielen Schubladen brennen zahlreiche Kerzen, das Licht spiegelt sich in der altmodischen Messingwaage. Darauf wird schon lange nichts mehr abgewogen. Sie ist Zierde in Willers' Wohnung in einem modernen Terrassenhaus in Oststeinbek. Hierher hat er den in der familieneigenen Tischlerei gefertigten Tresen schaffen lassen. So wie alle anderen Erbstücke aus Emmas Hand. "Ich habe die Wohnung danach ausgesucht, ob das Inventar des alten Ladens hineinpasst", sagt der Immobilienkaufmann, der sich in seinem Wohnzimmer fühlt wie in Kindertagen. "Hier, in den Schubladen waren lose Linsen, Bohnen und Erbsen", sagt er mit glänzenden Augen und zeigt auf zahllose Fächer.

Heute finden in dem Tresen Kinderfotos, Bücher und Dokumente ihren Platz. Dazwischen liegen und stehen Erinnerungen an alte Zeiten: Gewichte, Lebensmittelkarten. Ja sogar die alte Hausnummer hat Willers aufbewahrt und ins Regal gestellt. Denn inzwischen ist fast alles neu in der Kate am Neuen Weg 28.

"Das Haus sollte abgerissen werden, nachdem der Laden in den 70er-Jahren geschlossen wurde", erinnert sich Willers. Undenkbar für den damals 22-Jährigen: Die Kate war schließlich auch das Haus, in dem er aufgewachsen war. Im Obergeschoss des Ladens, auf 45 Quadratmetern, wohnte die Familie, unten lebte Tante Emma, neben ihrem Ladenlokal und dem Lager. Sonntags habe die Familie sogar durch die Haustür verkauft: "Da kam immer mal einer und fragte: Habt ihr mal noch ein Stück Butter?" Luxus gab es keinen. "Wir hatten kein Badezimmer, stattdessen eine Zinkwanne für alle im Hof", sagt Willers. Kleine Schwarz-Weiß-Bilder zeigen die Wanne voll Wasser mit planschenden Kindern. Willers strahlt: "So war das!"

Im Hof pflanzte er als Junge auch eine Kastanie, die es inzwischen zu stattlicher Größe gebracht hat. Verwurzelt wie der Baum ist Hans-Helmut Willers mit der Kate, die zwischen den unschönen Neubauten an der B 5 ein echtes Kleinod aus längst vergangenen Zeiten ist.

Und deswegen wollte er das Haus auch nach Tante Emmas Auszug ins Seniorenheim nicht verloren geben: Willers kämpfte mit dem Denkmalschutz, renovierte am Ende auf eigene Faust. "Das Grundstück dürfte schließlich eines der, wenn nicht sogar das am längsten in Familienbesitz befindliche in ganz Bergedorf sein", erklärt er sein Engagement und faltet einen posterähnlichen Stammbaum auseinander. 1783 erwarb der Maurermeister Michael Detlef Michaelsen, Willers' Urururgroßvater, das rund 30 Jahre zuvor gebaute Haus.

Die uralte Kate zu renovieren war ein Kraftakt, von dem Willers zur Wiedereröffnung 1981 auch prompt den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt unterrichtete. "Sein Wahlkreis war Bergedorf, ich dachte, er könnte sich das ja mal ansehen", erklärt er, lächelt dabei und zieht die höfliche, mit Maschine geschriebene Absage Schmidts aus einem prall gefüllten Leitz-Ordner. Direkt dahinter dann das verblichene Farbfoto, das Helmut und Loki Schmidt auf den Treppen zur Kate zeigt. "Am Tag der Eröffnung kamen sie dann doch, ganz plötzlich - und es hat ihnen wohl gefallen, denn Helmut Schmidt war kurz darauf noch einmal da." Willers freut sich noch heute über das prominente Interesse an seinem Haus.

Hier steht schon seit Jahren nicht mehr Tante Emma, sondern erst der Italiener Enzo und inzwischen dessen Nachfolger Dimi Cosaj hinterm Tresen. Es riecht auch nicht mehr nach Essiggurken, sondern nach Pizza und Pasta. Doch wenn Willers von "seiner Kate" schwärmt, hat er wohl immer noch die schnarrende Ladenklingel im Ohr. Er sieht die großen Gläser voll knuspriger Waffeln vor sich. Und hat den Duft nach Brot, Gemüse und Bier in der Nase. Den unvergleichlichen Weihnachtsgeruch eben, mit dem Gustav Willers dort vor hundert Jahren begann.

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