Marxistische Abendschule

"Der Marxismus ist wieder salonfähig"

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Ulf-Peter Busse

Die aktuelle Wirtschaftskrise treibt erstaunliche Blüten. Eine ist die Marxistische Abendschule (MASCH) Bergedorf. "Die Angst um das Ersparte, den Arbeitsplatz und die Zukunft lässt immer mehr Menschen über die wirklichen Hintergründe der Krise nachdenken.

Peter Gohl (68) und Mitstreiter haben die Marxistische Abendschule Bergedorf gegründet.

Es werden kompetente Denkanstöße gesucht. Plötzlich ist auch der Marxismus wieder salonfähig", sagt Peter Gohl (68), der die MASCH im Juni mit neun Gleichgesinnten aus dem gewerkschaftlichen und dem linken politischen Spektrum gründete.

Den Anstoß gab die riesige Resonanz bei der Lesung des Kommunistischen Manifestes mit dem Schauspieler Rolf Becker im Frühjahr im KulturForum am Serrahn. "Damals ließen 180 Zuhörer den Saal aus allen Nähten platzen", erinnert sich der pensionierte Lehrer und Dozent der Hamburger Universität. "Unter ihnen waren bei weitem nicht nur altbekannte Linke, sondern viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren."

Zwei Diskussionsabende später, zu den Themen Energiepreis-Explosion und Judenverfolgung im Dritten Reich, sind sich Gohl und seine Mitstreiterin Elena Nikolov (66) sicher: Der Marxismus hat seinen oft proklamierten Untergang mit der DDR im Jahr 1990 überlebt, ist in der Bundesrepublik heute sogar gefragter denn je.

Dabei geht es der Marxistischen Abendschule Bergedorf nicht um die Verbreitung des Kommunismus. Gohl: "Bei den Themenabenden und Kursen stehen keine philosophischen Gesellschaftsmodelle im Mittelpunkt, sondern das Hinterfragen unserer aktuellen Wirklichkeit." Dazu gehöre sogar, die Manager gegen ihre gerade in Mode gekommene Verteufelung in Schutz zu nehmen. "Genau betrachtet sind sie Angestellte der Großaktionäre und hatten bisher den Auftrag, Renditen von 25 Prozent oder sogar noch mehr im Jahr auszuschütten. Dass solche Vorgaben die Unternehmen und das ganze Wirtschaftssystem irgendwann zerstören, darf man nun eigentlich gerade den Managern nicht vorwerfen", sagt Elena Nikolov.

Solche Erkenntnisse soll auch das 2009er-Programm der MASCH zu Tage fördern, dessen Grundzüge heute im Gründerkreis besprochen werden. Dabei wollen die Bergedorfer den Schulterschluss mit den beiden anderen Hamburger Marxistischen Abendschulen in Wilhelmsburg und Altona suchen, mit ihnen voraussichtlich sogar einen gemeinsamen Trägerverein gründen. "In jedem Fall werden wir dem Grundsatz treu bleiben, uns nicht an eine Partei anzuschließen oder gar zu einer ideologischen Kaderschmiede zu werden", betont Peter Gohl.

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