Hamburg (dpa/lno). Trainer Tim Walter muss beim Hamburger SV gehen. Doch er hinterlässt auch Spuren. Nun erhält sein bisheriger Assistent Merlin Polzin - vorerst - die Chance, das Projekt Aufstieg zu vollenden.

Mit ernsten Gesichtern und sichtlich betreten gingen die Spieler des Hamburger SV auf den Trainingsplatz gleich neben dem Volksparkstadion. Dort stand ihnen am Montagnachmittag in Merlin Polzin der bisherige Assistenztrainer in neuer Rolle gegenüber. Nach der Trennung des Fußball-Zweitligisten vom bisherigen Chefcoach Tim Walter wird der 33-Jährige vorerst den Tabellendritten betreuen und am Samstag (13.00 Uhr/Sky) im Spiel bei Hansa Rostock als Verantwortlicher auf der Bank sitzen.

„Er bekommt definitiv die Chance, und das aus voller Überzeugung“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt bei einer Pressekonferenz kurz vor der Übungseinheit. Polzin habe viel mitgestaltet in den letzten dreieinhalb Jahren. „Daher die Überzeugung, dass wir hier ein großes Trainertalent haben.“

Dass er gerade erst die für die Bundesliga notwendige Pro-Lizenz erwirbt, stellt laut Boldt kein Problem mit den Regularien dar. Dass parallel auch mit anderen Trainern gesprochen wird - gehandelt werden Namen wie Steffen Baumgart und Raphael Wicky - räumte der Sportchef aber ebenfalls ein. „Wir wollen uns gar nicht festlegen auf irgendeinen Zeitrahmen“, sagte der 42-Jährige. „Natürlich werden wir überlegen, was können mittel- und langfristige Lösungen sein. Merlin Polzin wird dabei definitiv eine Rolle spielen.“

Am Morgen hatte der Verein die Trennung von Walter nach mehr als zweieinhalb Jahren mitgeteilt. Außer dem 48-Jährigen wurden auch dessen Assistenten Julian Hübner und Filip Tapalovic mit sofortiger Wirkung freigestellt.

„Die Freistellung von Tim ist eine Entscheidung, die mir definitiv nicht leichtgefallen ist“, sagte Boldt. „Zuletzt haben wir aber festgestellt, dass die Stabilität und Überzeugung ein Stück weit verloren gegangen sind. Daher sehen wir uns zum Handeln gezwungen.“

Die Entscheidung kam nicht unerwartet. Drei Tage zuvor war der Sportvorstand nach dem wilden 3:4 im Nordduell gegen Hannover 96 schon von Walter indirekt abgerückt. Die Führung traute dem Trainer nicht mehr zu, das Projekt Aufstieg erfolgreich umzusetzen.

Walter war von Boldt persönlich informiert worden. Der Trainer zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung. „Ich hätte gerne weiter dazu beigetragen, gemeinsam unser Saisonziel zu erreichen“, sagte er in der HSV-Mitteilung. „Ich bedanke mich beim HSV, bei der Geschäftsstelle und bei den außergewöhnlichen Fans für mehr als zweieinhalb Jahre tolle Zusammenarbeit.“

Sein bisheriger Assistent Polzin habe die neue Aufgabe mit „strahlenden Augen und einem völlig klaren Ja“ übernommen, berichtete Boldt. Polzin habe direkt eine Idee vermittelt, „"wie wir jetzt hier die Dinge anpacken"“. Unterstützt wird der langjährige Assistent von Daniel Thioune und ehemalige Jugendtrainer des VfL Osnabrück von Loic Favé, der in der Winterpause als sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums verpflichtet worden war. Zudem bleibt Sven Höh Torwart-Trainer.

Die Hoffnung ist, dass Polzin oder möglicherweise doch noch ein anderer Cheftrainer das vollendet, was Walter seit 2021 versagt geblieben war. In den vergangenen beiden Saison blieb er mit der Mannschaft jeweils in der Relegation hängen. In dieser Spielzeit brachten regelmäßige Ausschläge nach unten das Vorhaben immer wieder in Gefahr. Der sechsmalige deutsche Meister HSV scheiterte schon fünfmal bei dem Versuch, in die erste Liga zurückzukehren.

Vor Weihnachten stand Walter schon einmal infrage. Er erhielt nach einer Analyse der Hinrunde von Sportvorstand Boldt und Sportdirektor Claus Costa aber noch einmal den klaren Auftrag, sein Team in der Defensive zu stabilisieren. Doch acht Gegentore in den ersten beiden Heimspielen des neuen Jahres gegen den Karlsruher SC (3:4) und Hannover 96 (3:4) machten deutlich, dass die Mannschaft eher Rück- statt Fortschritte gemacht hatte. Boldt sah nach Gesprächen mit den Spielern eine wachsende Verunsicherung.

Auch wenn Walter das große Ziel Aufstieg nicht schaffte, hat er in den zweieinhalb Jahren viel bewirkt. Er identifizierte sich mit dem Verein, der Stadt, den Fans. Für ihn war das Amt beim HSV vor allem Herzensangelegenheit. „Er hat den Verein mit Haut und Haaren gelebt“, sagte Boldt.

Dies übertrug Walter auch auf seine Spieler. Gemeinsam mit ihnen bildete Walter eine Einheit. Die Fans nahmen Walter als ihren Trainer und die Spieler als ihre Spieler an. In den sozialen Medien äußerten viele Anhänger Verständnis für die Entscheidung des Vereins, zugleich bedankten sie sich bei Walter.

Regelmäßig war und ist das Volksparkstadion mit 57 000 Zuschauern ausverkauft. Das sorgte mit dafür, dass der Verein aktuell wirtschaftlich besser da steht. Die Zuschauer begeisterten sich an Walters Spielstil, der mit einer für Zweitliga-Verhältnisse überragenden Offensive unter anderem mit Spielern wie Torjäger Robert Glatzel oder Laszlo Benes Spektakel lieferte. Doch zugleich konnten die Fans an der bisweilen naiven Defensivarbeit der Spieler auch verzweifeln. Walter rückte von seinem Stil aber nicht ab.

Als Tabellendritter ist der HSV noch mitten im Aufstiegsrennen. Mehr Stabilität und weniger Spektakel - das ist jetzt Aufgabe und Chance für Polzin.