Hamburg (dpa/lno). Das Spiel elektrisiert die Fans, die Vereine und eine ganze Stadt: In diesem Jahr ist das Hamburger Derby zwischen St. Pauli und dem HSV aber mehr als nur der Kampf um die Stadtmeisterschaft.

In einem Punkt sind sich Fabian Hürzeler und Tim Walter einig: Weder der Trainer des FC St. Pauli noch sein Kollege vom HSV wollen vor dem Hamburger Stadtderby einen Favoriten benennen. „In diesem Spiel gibt es keinen Favoriten“, sagte Hürzeler am Mittwochvormittag trotz der Tabellenführung seines FC St. Pauli in der 2. Fußball-Bundesliga. „Auch der HSV wird das ähnlich sehen, dass das ein 50:50-Spiel ist, dass das darum geht, das Momentum auf deine Seite zu ziehen.“ Er glaube, dass der Respekt voreinander sehr groß sei. „Unsere Aufgabe wird am Freitag ganz klar sein, die Stadtmeisterschaft wieder zurückzuholen“.

Wenige Stunden später äußerte sich Walter bei seiner obligatorischen Spieltagspressekonferenz ähnlich. „Es spielen eins gegen zwei. Im Vorhinein macht man sich keine Gedanken darüber, ob der oder der Favorit ist“, sagte der 45-Jährige vom St. Paulis ärgsten Verfolger aus der sieben Kilometer entfernten Nachbarschaft.

Es gehe nur darum, seine Mannschaft optimal einzustellen. Von daher mache er sich keine Gedanken, ob es einen Favoriten gebe oder nicht. „Das macht doch Ihr. Insofern reicht das“, sagte Walter an die Medienvertreter gerichtet. Er stellte lieber die besondere Bedeutung des Spiels heraus: „Das ist die Königsklasse der Derbys.“

Die 110. Auflage des Stadtduells am Freitag (18.30 Uhr/Sky) ist nicht nur wegen der jahrzehntelangen Rivalität der Vereine und deren Fans von Brisanz. Diesmal ist es auch das absolute Top-Spiel der 2. Liga. „Eins gegen zwei - mehr geht nicht“, sagte der 30 Jahre alte Hürzeler. Er rechnet hinsichtlich der Qualität des HSV mit einem schwierigen Gegner, der ähnlich wie sein Team „einen spielerischen Ansatz hat.“

Vor der Partie im mit mehr als 29.000 Fans ausverkauften Millerntor-Stadion steht der FC St. Pauli mit drei Punkten vor dem HSV. Ein Sieg wäre für die Gastgeber nicht nur ein Prestigegewinn, sondern würde zugleich einen der schärfsten Konkurrenten vorerst distanzieren.

Hürzelers erstes Stadtduell als St. Pauli-Cheftrainer hatte er im April in einem wilden Spiel beim HSV mit 3:4 verloren. Es war seine zweite Niederlage als Verantwortlicher an der Seitenlinie des Kiez-Clubs. Danach kassierte er in keinem weiteren Pflichtspiel eine Pleite.

Seit er als Nachfolger von Timo Schultz Ende 2022 vom Assistenten zum Chef aufgestiegen war, holte die Mannschaft in der vergangenen Rückrunde in 17 Spielen 13 Siege und zwei Remis. In dieser Saison ist der FC St. Pauli in 14 Punktspielen noch ungeschlagen bei acht Siegen.

Der HSV hat im Volksparkstadion bisher eine makellose Bilanz und noch keinen Punkt in einem Heimspiel abgegeben. In der Fremde hat das Team erst einen Erfolg, drei Remis und vor allem drei Niederlagen. Doch diese Statistik gilt beim Duell am Millerntor nicht. „Wenn wir in Hamburg spielen, geht es nicht darum, von einem Auswärtsspiel zu reden, sondern von einem Derby“, sagte Walter. „Und da ist einfach nur wichtig, dass man Emotionen und Willen zeigt - und trotzdem einen kühlen Kopf bewahrt.“

Anders als sein 18 Jahre jüngerer St. Pauli-Kollege wird Walter noch bis Freitag abwarten müssen, wer ihm zur Verfügung steht. Möglicherweise steht Kapitän Sebastian Schonlau vor einem Comeback. Doch der Trainer gab sich zurückhaltend. „Es ist wichtig, dass wir bei Bascho sehr behutsam sind“, sagte er. „Trotzdem ist er ein sehr wichtiger Spieler für uns. Er ist unser Kapitän, mein verlängerter Arm.“ Seit dieser Woche nimmt Abwehrchef Schonlau wieder am Mannschaftstraining teil. Das Derby wäre der perfekte Zeitpunkt für Schonlau, um zurückzukommen.