Michael Hoppe

"War immer klar, dass ich mit Anfang 50 aufhöre zu arbeiten“

| Lesedauer: 13 Minuten
Der Geschäftsmann und Entwicklungshelfer Michael Hoppe (Steps for Children).

Der Geschäftsmann und Entwicklungshelfer Michael Hoppe (Steps for Children).

Foto: Thorsten Ahlf

Michael Hoppe verabschiedete sich mit nur 53 Jahren aus der Wirtschaft und wurde zum Entwicklungshelfer. Über seinen Weg.

Er war erfolgreicher Unternehmer und Manager, zuletzt als Deutschland-Chef des Meinungsforschungsinstituts Ipsos: Doch mit Anfang 50 verabschiedete sich Michael Hoppe aus der Wirtschaft und entschied sich, fortan nur noch unentgeltlich zu arbeiten. Entstanden sind dabei die Stiftung step for children und ein neues Unternehmen, diesmal allerdings im südlichen Afrika.

In unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ spricht der inzwischen 74 Jahre alte Hamburger über seinen Aus- und Umstieg, die Konkurrenz unter allen, die anderen helfen wollen – und über die Gelassenheit, die er in Afrika gelernt hat.

Das sagt Michael Hoppe über den Plan für sein Arbeitsleben, der mit Anfang 50 enden sollte:

„Ich war Anfang 30, saß mit einem Freund zusammen und habe eine Vision für mein Leben entwickelt. Für mich war damals völlig klar, dass ich mit Anfang 50 aufhöre zu arbeiten, um dann noch Zeit zu haben, etwas anderes zu machen.

Ich habe in den Jahren danach als Unternehmer sehr gut verdient und habe mir dann, als es so weit war und die 50 immer näher rückte, auch gar keine Gedanken mehr gemacht, ob das Geld für mich reicht, wenn ich nicht mehr arbeiten sollte.“

… seinen freiwilligen Ausstieg aus dem Berufsleben mit 53:

„Erst war es toll, zu Hause zu sitzen, sich um die Kinder zu kümmern und morgens in Ruhe Zeitung zu lesen. Das habe ich genossen. Doch dann kam die Frage, wer ich eigentlich bin, was ich auf meine Visitenkarte schreiben kann. Ich hatte mich ja lange fast ausschließlich über meinen Beruf definiert, hatte Assistenten und Sekretärinnen, war erfolgreich. Und plötzlich war ich gar nichts mehr.

Ich habe mir Visitenkarten mit der Bezeichnung „Privatier“ drucken lassen, das konnte alles und nichts heißen. Nach einer gewissen Zeit habe ich dann angefangen, jungen Leuten bei der Gründung von Unternehmen zu helfen und mittelständische Firmen zu beraten. Aber irgendwie war das das Gleiche, was ich vorher gemacht hatte, nur im kleineren Rahmen. Ich war plötzlich wieder in der Geschäftswelt, aus der ich eigentlich rauswollte. Es kam bei mir immer stärker der Wunsch auf, etwas von dem Erfolg, den ich gehabt hatte, zurückzugeben, aber nicht an Leute, denen es selbst schon gut oder sehr gut ging.“

… die vergebliche Suche nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Tätigkeit in Deutschland:

„Ich habe mich bei vielen Stiftungen und sozialen Organisationen vorgestellt, in der Hoffnung, dort ehrenamtlich mitarbeiten zu können. Das war eine interessante Erfahrung. Die hatten alle Interesse an meinem Geld, aber niemand wollte mich als aktiven Teilnehmer dabeihaben. Heute kann ich das etwas nachvollziehen, weil jeder in einer solchen Situation eine bestimmte Idee hat, wie er oder sie arbeiten möchte. Und wenn dann ein gestandener Geschäftsmann dazukommt, der vielleicht alles umdrehen will, kann das schnell als Bedrohung empfunden werden.

Außerdem habe ich festgestellt, dass es in Deutschland so viel Unterstützung für bedürftige Menschen gibt, dass ich mich nicht auch noch in diesem Bereich engagieren musste. Da hatte niemand auf mich gewartet. Im südlichen Afrika war das ganz anders.“

… eine Reise durch Afrika und das Schutzengel-Programm:

„Ich habe eine Rundreise durch Kenia, Südafrika und Namibia gemacht und mir dort viele Projekte angesehen, die allesamt am Tropf von Spendern hingen. Als Unternehmer wollte ich deshalb etwas entwickeln, das langfristig unabhängig wird vom fremden Geld. Das war der Anfang von steps for children. Heute haben wir 170 Jugendliche in unserem Schutzengel-Programm in Namibia, die wir so lange unterstützen, bis sie mit der Ausbildung oder dem Studium fertig sind und selbst Geld verdienen können.“

… die Gelassenheit der Menschen in Afrika:

„Wir können ganz viel von den Menschen in Afrika lernen, weil sie wirklich im Hier und Jetzt leben. Das bedeutet natürlich auch, dass die Menschen viel mehr in den Tag hineinleben als wir und man Geduld haben muss, wenn man Projekte umsetzen will. Aber grundsätzlich bewundere ich diese Gelassenheit. Früher hätte mich das wahnsinnig gemacht. Inzwischen habe ich gelernt, afrikanisch zu denken und zu handeln, das heißt: Was heute nicht klappt, klappt dann vielleicht morgen.“

… den zunehmenden Einfluss Russlands und Chinas in Afrika:

„Es ist fürchterlich zu sehen, wie etwa chinesische Unternehmen dem Staat Gebäude schenken, um im Gegenzug etwa Lizenzen für den Bergbau zu erhalten. Diese Korruption ist schrecklich, Russland und China agieren völlig unmoralisch. Reiche Menschen machen sich die Taschen voll, und für die armen Menschen wird nichts getan. Und diese armen Menschen nehmen das einfach so hin, nach dem Motto: Das war schon immer so. Diesen Gleichmut kann man nur durch Bildung bekämpfen.“

… der Konkurrenzkampf zwischen Wohltätigkeitsorganisationen:

„Die jährliche Spendensumme ist begrenzt und relativ stabil. Die großen Organisationen wie das Rote Kreuz, SOS Kinderdorf oder Plan International greifen den Löwenanteil davon ab, und um den Rest konkurrieren Tausende von kleinen Organisationen wie wir. Es gibt da schon eine Art Gerangel, und ich merke jetzt, dass die Zeiten härter werden. Wir erhalten teilweise 30 Prozent weniger Spenden als im Vorjahr, und damit sind wir nicht die Einzigen. Dadurch wird der Konkurrenzkampf noch einmal stärker.“

… das Comeback als Unternehmer, der selbst kein Geld verdient:

„Inzwischen habe ich wieder 60 Mitarbeiter, wir haben sieben Projekte an sechs Standorten, und ich arbeite mindestens so viel wie zu meiner Zeit als Unternehmer, allerdings ohne dafür Geld zu bekommen. Das ist aber auch gut so, ich habe genug verdient in meinem Leben. Dafür habe ich jetzt eine Arbeit mit mehr Sinn.“

Fragebogen an Michael Hoppe: Der wertvolle Tipp eines US-Priesters

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Straßenbahnfahrer. Ich bin am Leinpfad Nähe Maria-Louisen-Straße aufgewachsen. Da fuhr die Linie 9, und ich habe häufig stundenlang zugeschaut, wie der Fahrer an seiner Kurbel drehte und die Bimmel betätigte. War schon als kleiner Junge immer sehr an Technik interessiert.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Nie aufgeben. Durchhalten. Konsequent weiter machen. Keine Angst zu haben.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Natürlich in unterschiedlichen Lebensabschnitten jeweils andere. Als Jugendlicher fand ich die Beatles toll, später und nachhaltiger aber Mohandas/Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. Wie sich beide trotz vieler Jahre im Gefängnis so nachhaltig für Frieden und Verständigung einsetzen konnten und wesentlich dazu beigetragen haben, ihr Land aus der Kolonialisierung herauszuführen.

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

In der Schule war ich eher ein bisschen frech und manchmal faul. Wenn was passierte, hieß es häufiger: Du schon wieder, Hoppe?

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Es ist ja jetzt eher mein zweiter Beruf nach meiner 30-jährigen Tätigkeit als Unternehmer. Und jetzt würde ich es eher als „Berufung“ bezeichnen. Ich habe die Stiftung und die Projekte 2006 angefangen, um etwas zurückzugeben von den vielen Dingen, die ich in meinem Leben erhalten habe. Meine Kompetenzen für andere, denen es nicht so gut geht im Leben, einsetzen. Und helfen, nachhaltig etwas zu verändern, was den Menschen im südlichen Afrika hilft, ihre Würde zu erhalten/zu erlangen

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Ich hatte das Glück, relativ früh nach Gründung der Stiftung Andreas Thümmler kennenzulernen, der ein M&A-Unternehmen führte und nicht nur selbst viel spendete, sondern auch viele seiner Kunden, die mit seiner Hilfe ihre Unternehmen für viel Geld verkaufen konnten, nach dem „deal“ zu Spenden an steps „verpflichtete“. Viele diese (ehemaligen) Unternehmer unterstützen uns noch heute

Auf wen hören Sie?

In erster Linie auf meinen Bauch und meine Intuition. Aber viel Rat und Unterstützung bekomme ich auch von meinem Vorstandskollegen und hole mir häufig Hilfe bei externen Fachleuten und Beratern. Und zunehmend höre ich auch auf unsere beiden jüngeren Mitarbeiterinnen, die eine andere Generation vertreten und besonders im Bereich von Social Media Kenntnisse haben, die ich nicht besitze, genauso auch wie auf die anderen Kolleginnen. Und auch gerne auf meine Töchter …

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Früher war es mir wichtig, ausreichend Geld zu haben, um meinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und meine Vision, mit 50 Jahren aufhören können zu arbeiten, zu realisieren. Heute ist mir Geld nicht mehr wichtig für die eigene Zufriedenheit.

Duzen oder siezen Sie?

In der Stiftung sieze ich neue Mitarbeiter erst einmal, biete aber nach kurzer Zeit das Du an. Neue Spender werden anfänglich auch gesiezt, aber häufig bildet sich schnell ein gutes Vertrauensverhältnis, und wir gehen über ins Du.

Was sind Ihre größten Stärken?

Verlässlichkeit und die Fähigkeit, schnell das Vertrauen meines Gegenübers und Menschen für mich zu gewinnen. Zuzuhören und zu motivieren. Empathie. Strategien und Visionen entwickeln und die zusammen im Team umzusetzen. Vorausschauend mögliche Konsequenzen des Handelns einzuschätzen.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Manchmal bin ich zu ungeduldig mit mir selbst, teilweise auch mit anderen. Ich engagiere mich zu viel für andere und denke zu wenig an mich selbst und übernehme mich dabei gerne mal.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Mache täglich Fehler. Mal kleine, wie den Tee zu lange ziehen zu lassen, mal größere. Das gehört irgendwie zum Leben, sonst wären wir nur perfekt. Finde es aber wichtig, diese Fehler sich einzugestehen, ohne sich darüber zu ärgern, und sie auch anderen gegenüber zuzugeben. Wichtig ist für mich, die Fehler zu erkennen, aus ihnen zu lernen.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Am Anfang von steps for children traf ich in Kenia einen amerikanischen Priester, der ein erfolgreiches soziales Projekt gegründet hatte. Er sagte mir: Gucke nicht links oder rechts, sondern gehe nur den einen Weg, den du dir vorgenommen hast. So habe ich konsequent nur das gemacht, was meiner Vision entsprach. Und mich nicht verzettelt.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Zu viele. Ich hatte als Unternehmer unter anderem aufgehört, um weniger zu arbeiten. Jetzt arbeite ich mehr als früher, dafür ohne Bezahlung

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Gerne mindesten sieben Stunden, lieber acht. Und ein Power Nap am Nachmittag.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Früher habe ich viel über extremen Sport ausgeglichen und kompensiert. Das mache ich heute weniger, dafür mal zurücklehnen und abschalten, eine Runde Fahrrad an der Alster oder Spaziergang im Park und abends Meditation.

Wie kommunizieren Sie?

Offen und ehrlich. Am liebsten persönlich. Das hat leider durch Corona stark abgenommen und ist geringer geblieben. Sehr viel über Telefon, mit Mitarbeitern in Deutschland und Namibia verstärkt auch über Zoom. Stark zunehmend auch über Kurznachrichten. Am meisten aber per Mail.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Zu viel. Zum Glück sagt mir meine Apple Watch nach jeder Stunde, dass ich aufstehen soll. Dann gehe ich eine Runde oder mach aus meinem Schreibtisch zumindest einen Stehtisch.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Verbiege dich nicht, nur um anderen zu gefallen oder Karriere zu machen. Mache das, für das du wirklich brennst, und habe Mut.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Habe jeden Tag ein bisschen Spaß und Lebensfreude.

( HA )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg