Olaf Scholz

Bundeskanzler: Warum tut man sich diesen Job an?

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Bundes­kanzler  Olaf Scholz im Atrium  seines  Amtssitzes in Berlin. Hier warten normalerweise seine Gäste auf ihn.

Bundes­kanzler Olaf Scholz im Atrium seines Amtssitzes in Berlin. Hier warten normalerweise seine Gäste auf ihn.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der Besuch im Bundeskanzleramt bei Olaf Scholz endet für unseren Autor mit einer grundsätzlichen Frage. Über einen besonderen Job.

Hamburg. Wer zu Olaf Scholz möchte, wird von zwei ernst blickenden Polizisten empfangen, die an der Einfahrt des Bundeskanzleramtes stehen. Man muss seinen Personalausweis abgeben und in einer Schleuse wie am Flughafen die Taschen ausleeren, die Jacke ausziehen, am besten auch den Gürtel.

Alles wird durchleuchtet und überprüft, bevor man am Ausgang der Schleuse von zwei anderen Sicherheitskräften abgeholt wird, die einen ins Kanzleramt bringen. Dort ist es an diesem Tag im Dezember ungewöhnlich laut, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insgesamt sind es rund 850, haben eine Weihnachtsfeier, allerdings ohne den Bundeskanzler.

Olaf Scholz vor Interviews abgepudert

Mit einem Fahrstuhl, der sich hinter grünen, gebogenen Türen verbirgt, geht es in den siebten Stock, wo Olaf Scholz sein Büro hat. Gäste warten in dem Atrium davor, das man von vielen Bildern mit anderen Staatsgästen kennt und in dem sich der Kanzler später fotografieren lassen wird. Der Ort strahlt Größe und Macht aus, als Mensch kann man sich hier oben sehr klein vorkommen. Olaf Scholz misst 1,70 Meter.

Bevor wir Journalisten zu ihm dürfen, wird ein Maskenbildner hereingerufen, der den Kanzler abpudert, wenn er Interviews gibt, bei denen Fotos oder Filmaufnahmen gemacht werden. Das war bei Angela Merkel nicht anders, auch in solchen, nur scheinbar oberflächlichen Fragen ist man im Bundeskanzleramt maximal professionell. Alles, was im siebten Stock passiert, ist durchgeplant, und alles dreht sich um die eine Person, die 16 Jahre lang Merkel hieß und nun Scholz. Er hat nicht nur ihr Büro übernommen, es sieht auch so aus, als sei er gerade erst dort eingezogen.

Die inzwischen legendäre Aktentasche hat auch einen Platz gefunden

Das ganze Kanzleramt wirkt in einer fast sterilen Weise aufgeräumt, nirgendwo sieht man einen Fleck, eine abgenutzte Stelle auf dem Teppich, einen Ratscher an der Wand. Das Büro des Kanzlers macht da keine Ausnahme, wobei der Begriff Büro eine Untertreibung ist. Der Raum ist riesig, sicher fünfmal so groß wie Scholz’ früheres Arbeitszimmer als Bürgermeister im Hamburger Rathaus.

An den Wänden hängen Fotografien, in der hintersten Ecke steht eine Sofakombination wie ein Ausstellungsstück in einem Möbelhaus, mit dem Unterschied, dass sich offensichtlich noch nicht viele Menschen draufgesetzt haben. Schräg gegenüber befindet sich der Schreibtisch des Kanzlers, auch er ordentlich. Scholz hat seine inzwischen legendäre schwarze Aktentasche, die er überallhin mitnimmt, auf einen Schrank dahinter gestellt, sie ist einer der wenigen persönlichen Gegenstände im Raum. Das Bücherregal daneben ist für einen Mann, der bekanntermaßen gern und viel liest, erstaunlich spärlich bestückt.

„Es gibt keine Sitzordnung“

Wer Olaf Scholz besucht, wird durch ein Vorzimmer mit zwei freundlich grüßenden Damen und einen kurzen Flur in das Zentrum der Macht geführt, das sich für viele Gäste auf einen eher unscheinbaren, länglichen Tisch reduziert, der rechts in der Ecke steht und an dem acht Menschen Platz finden. Hier hat schon Angela Merkel ihre Gespräche geführt, Scholz setzt das fort. „Es gibt keine Sitzordnung“, sagt Regierungssprecher Steffen Hebestreit, „nur der Kanzler sitzt immer vorn links.“

Zufall oder nicht: Dort saß meist auch die Merkel. Seine Vorgängerin hatte die Eigenart, mindestens Journalisten schnell ein Getränk einzuschenken („Kaffee?“), damit das Gespräch ohne Verzögerung beginnen konnte und die Gäste möglichst nach einer halben Stunde wieder verschwanden. Der damalige Regierungssprecher Steffen Seibert saß mit am Tisch. Er übernahm die Rolle der personalisierten Stoppuhr und machte mehr oder weniger dezente Zeichen, wenn die Zeit sich dem Ende näherte. Das ist bei Olaf Scholz anders, obwohl er in seinem ersten Jahr deutlich mehr Interviews gegeben hat, als es bei Angela Merkel üblich war.

Olaf Scholz ist konzentriert und immer höflich

Er nimmt sich gut eine Stunde Zeit für Fragen, ist dabei konzentriert und immer höflich. Die Stimme ist noch leiser, als sie es zu seinen Zeiten als Bürgermeister oder Vizekanzler war, die Mimik noch kontrollierter. Man sagt oft, dass Olaf Scholz in sich ruhe, beziehungsweise, dass er nie die Ruhe verliert, was eine Stärke in unruhigen Zeiten sei. Aber seine Körperhaltung und seine Bewegungen haben sich verändert, man glaubt, ihm die Last des Amtes anzusehen.

Als Scholz nach dem Ende des Gesprächs zu dem bereits erwähnten Fototermin schreitet, tut er das so langsam, als würde jemand neben ihm hergehen, der ihm immer und immer wieder einflüstert: „Vergiss nicht: Du bist der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.“

Olaf Scholz wurde auf seine Rolle vorbereitet

Dieses Gefühl ist hier im Bundeskanzleramt allgegenwärtig, und es wird Olaf Scholz verändert haben, auch wenn er selbst nicht darüber reden will. Das sollen andere tun, findet er, später die Historiker oder Leute, die Bücher schreiben. Scholz sagt, dass er gewusst habe, was auf ihn zukomme, dass all das, was er erlebe, keine Überraschung sei, aber das sind die Dinge für ihn bekanntlich nie. Er benutzt in diesem Zusammenhang gern die Parabel von dem Frosch, der aus einem Topf, in dem kochend heißes Wasser ist, sofort wieder herausspringen würde.

Setzt man ihn aber in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt das langsam, hält es der Frosch darin aus, solange es geht. Auf Scholz übertragen heißt das, dass er durch die Jahrzehnte, in denen er in verschiedenen Ämtern Politiker war, auf die Rolle als Bundeskanzler vorbereitet, dafür gestählt wurde. Es heißt aber auch, dass er sich jetzt in brodelnder Hitze befindet, viel heißer geht es kaum. Und es stellen sich, bei ihm wie bei seinen Vorgängern und anderen Spitzenpolitikern, zwei Fragen: Wie lange hält man das aus? Und, vielleicht noch wichtiger: Warum tut man sich das überhaupt an? Weil man kein Frosch ist?

Man muss kein Mitleid mit Olaf Scholz haben

Zumindest mich hat die Frage beschäftigt, als ich das Kanzleramt wieder verlassen musste (und mir Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht mit schnellen Schritten und ernsten Gesichtern entgegenkamen). Warum arbeitet man rund um die Uhr, weitestgehend fremdbestimmt, lässt sich wie eine Figur von Termin zu Termin schieben („der Bundeskanzler wäre dann so weit“), wird im Vergleich mittelmäßig bezahlt, dafür aber von allen Seiten kritisiert und beschimpft.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Olaf Scholz wollte genau dorthin, wo er jetzt ist, spätestens seit 2018 hatte er einen exakten Plan, wie er in die siebte Etage des Bundeskanzleramtes kommen würde. Man muss kein Mitleid mit ihm haben, das ist sowieso keine Kategorie, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Aber wenn man ihn jetzt in der Rolle sieht, von der er geträumt hat, fragt man sich trotzdem: Warum? Und ist irgendwie dankbar, dass es Menschen gibt, die einen solchen Job übernehmen, obwohl sie wissen, dass sie ihn nie wieder loswerden.

Olaf Scholz in Rolle reingerutscht

Olaf Scholz soll, bevor er Kanzler geworden ist, seine Frau Britta Ernst gefragt haben, ob sie wirklich damit einverstanden ist, dass sie den Rest ihres Lebens bei jedem Schritt außerhalb der eigenen vier Wände von Sicherheitsbeamten begleitet werden. Die Antwort auf diese Frage ist bekannt, die auf die generelle Frage nach dem Warum würde Olaf Scholz wahrscheinlich damit beantworten, dass er es als seine Pflicht ansehe, etwas für das Land und seine Menschen zu tun, und dass er einen Plan habe, wie deren Leben besser werden könne.

Natürlich ist er auch Kanzler geworden, aber das würde er so nicht formulieren, weil er überzeugt ist, dass er es kann. Und ein stückweit ist er in die Rolle reingerutscht, er, der als Jungsozialist die Welt verändern wollte, dann als SPD-Generalsekretär Gerhard Schröders Agenda-2010-Politik verteidigte, in Hamburg die Elbphilharmonie baute und jetzt mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin über Krieg und Frieden sprechen muss.

Zeit zur persönlichen Reflexion nicht vorgesehen

Es hätte mehrere Momente in Scholz’ Karriere geben – das Aus als Bundesarbeitsminister, das G20-Desaster, die Niederlage bei der Wahl des SPD-Parteivorsitzenden –, bei denen er in seinen alten Beruf als Rechtsanwalt hätte zurückkehren können. Nur weil er sich bewusst entschieden hat, in der Politik zu bleiben, so wie der Frosch im Topf, ist er heute dort, wo er ist.

Halb zog es ihn, halb sank er hin, und die Zeit, all das zu reflektieren, wurde von Amt zu Amt knapper. Jetzt gibt es sie gar nicht mehr, das Bundeskanzleramt verlangt, dass der Namensgeber wie eine Maschine funktioniert. Zeit zur persönlichen Reflexion und Bewertung ist nicht vorgesehen, vielleicht überlässt sie Scholz auch deshalb gern anderen.

„Politiker bekommen permanent gespiegelt, dass sie bedeutsam sind"

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Stephan Lamby, der den Kanzler und Teile der Ampel-Regierung seit seiner Wahl im Herbst des vergangenen Jahres mit der Kamera begleitet, hat noch eine andere Antwort auf die Frage nach dem Warum: „Politiker bekommen permanent gespiegelt, dass sie bedeutsam sind. Dieses Gefühl lässt sie Verletzungen ertragen, die mit ihrem Amt einhergehen, und es kann sie abhängig, ja süchtig machen.“

Bei Olaf Scholz kommt hinzu, dass sein Leben die Politik ist und umgekehrt. Wenn man ihn fragt, was es denn daneben noch gebe, sagt er zwar, dass er sehr glücklich verheiratet sei, und das stimmt auch. Aber die Frau mit der er verheiratet ist, heißt Britta Ernst, ist zum zweiten Mal Bildungsministerin, erst war sie es in Schleswig-Holstein, jetzt in Brandenburg. Soll heißen: Selbst das Privatleben des Kanzlers hat eine starke politische Seite.

Stephan Lamby erzählt von einem ganz besonderen Scholz-Moment

Warum tut man sich das an? Die Frage lässt sich schließlich nicht beantworten, ohne über Eitelkeiten zu sprechen. Natürlich seien alle Bundeskanzler wahnsinnig eitel gewesen, da mache der eher bodenständige, leise und unaufdringliche Scholz keine Ausnahme, sagt Lamby. Auch wenn man ihm nicht vorwerfen könne, sich ins Scheinwerferlicht gedrängt oder eine große Freude daran zu haben, interviewt und fotografiert zu werden, siehe oben.

„Seine Eitelkeit bezieht sich auf die eigene politische Bedeutung und Situationen, in denen er bemerkt, dass er mit dem, was er tut, wirklich etwas bewirken kann“, sagt Lamby und erzählt von einem Moment, den er durch Zufall miterleben durfte: „Ich war dabei, als Olaf Scholz mitbekam, dass der chinesische Staatspräsident Xi Jiping nach seinem Besuch in Peking erklärt hatte, dass Wladimir Putin eine rote Linie überschreiten würde, wenn er eine Atomwaffe zündet. Als Scholz das erfuhr, strahlte er über das ganze Gesicht. Das war ein großer diplomatischer Erfolg, der all die langen Arbeitstagen aus Sicht des Kanzlers rechtfertigt.“

Olaf Scholz braucht sich für Eitelkeit nicht schämen

Wenn man sich also nach einem Besuch bei Olaf Scholz auf die Suche nach der Antwort auf die Frage begibt, warum sich Menschen wie er einen solchen Job antun, landet man genau bei solchen Momenten. Und bei der Erkenntnis, dass diese Art der Eitelkeit eine ist, für die man sich nicht zu schämen braucht.

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