Eltern-Kind-Beziehung

Kinderbuchautorin: Elternsein ist ein Langstreckenlauf

| Lesedauer: 11 Minuten
Camilla John
Die Autorin Nora Imlau, Autorin.

Die Autorin Nora Imlau, Autorin.

Foto: Maria Herzog

Die Bestsellerautorin Nora Imlau erklärt, warum die Güte der Bindung, die ein Säugling erfährt, entscheidend für das gesamte Leben ist.

Hamburg. Quirin ist ein Känguru-Kind. Eines, das von seiner Mutter zum Aufbrechen gerufen wird, obwohl es gerade so schön spielt. In ihrem ersten Kinderbuch lässt die Bestsellerautorin Nora Imlau Quirin Blumenvasen umschmeißen, ihn zu schnell hüpfen oder am Puzzle und Straßenlärm verzweifeln. Dann wird Quirin überrollt, von seiner Wut, Überforderung, Ohnmacht – und der Kummer kommt. Schreiend lässt er seine Gefühle raus, tobt und brüllt.

Viele Eltern können jetzt wissend nickend, denn auch Menschenkinder wälzen sich mal schreiend am Boden vor der Supermarktkasse. Zum Glück hat Quirin seine bindungsorientiert agierende Känguru-Mama: „Wenn ich das nun richtig seh, ist die Welt dir grad zu hell, zu laut, zu stinkig und zu schnell“, sagt sie.

Und hat das perfekte Hideaway parat. „Komm, mach dich klein und spring in meinen Beutel rein. Dann klappe ich ihn oben zu, und du hast endlich deine Ruh.“ Wieder raus kommt der Junge, wenn die Lust auf Abenteuer neu entbrennt.

Co-Regulation von Kindern ist Aufgabe der Bezugsperson

Die Geschichte erzählt in der Essenz von der Arbeit Imlaus, der pädagogischen Sachbuchautorin. Ihr Anliegen ist es, Kinder gleichwertig beim Großwerden zu begleiten und Eltern diesen Weg aufzuzeigen. „Was Quirins Mama da macht, ist nichts anderes als Co-Regulation“, so Imlau, selbst vierfache Mutter. „Also: Dem Kind beim Runterkommen helfen.“

Der Känguru-Beutel, er stehe für die Babytrage, die Kuscheldecke oder feste Umarmung. „Wichtig ist, dass Kinder spüren: Ich bin nicht allein und auch nicht weniger liebenswert, wenn ich traurig oder wütend bin. Denn die Großen schicken mich nicht weg, bis ich wieder ruhig sein kann, sondern halten auch meine dunklen Gefühle aus und stehen die mit mir durch.“

Bekannt wurde Imlau, die in Süddeutschland lebt, unter anderem durch ihre Bestseller „Mein Familienkompass“, „So viel Freude, so viel Wut“ und „Du bist anders, du bist gut“. Ihr neuestes Werk „In guten Händen“ beschäftigt sich kritisch mit der Betreuungssituation unserer Kinder in Deutschland – zum einen beleuchtet sie die Spezifika außerfamiliärer Betreuung in Kitas, Kindergärten, bei Tageseltern oder Au-pairs, zum anderen in der Kernfamilie. Immerwährend geht es um die Bindung von Kindern – die jeder Art von Betreuung zugrunde liegt.

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“

Viel zitiert in diesem Zusammenhang ist das vermeintlich aus dem Afrikanischen stammende Sprichwort, dass „es ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen“. Wo nur finde ich dieses Idyll aus helfenden Händen in der Großstadt? Oder auch auf dem Land?, fragen sich Eltern, die dem Burnout nahe sind. Denn Fakt ist, dass Kinder großzuziehen in Deutschland Privatsache ist.

Mehr noch: Mamas Ding. „Tatsächlich haben wir in Deutschland einen unglaublich starken Mutter-Mythos“, weiß Imlau. „Es ist tatsächlich so, dass es kaum eine Kultur gibt, in der Mütter so überhöht werden wie in Deutschland.“ Da spiele die christliche Prägung rein, die der Mutter eine madonnenhafte Rolle zuschreibe. „Spezifisch aber hat in Deutschland unter der Diktatur von Hitler die extreme Überhöhung der Mutter stattgefunden, als Teil der Propagandamaschinerie.“

Gleichzeitig sei das auch eine Reduktion von Frauen auf diese Rolle gewesen. Aber: „Dadurch haben wir in unserer Gesellschaft verinnerlicht, dass Mütter von Natur aus dazu gemacht sind, besonders gut für Kinder sorgen zu können.“ Aus Sicht der Bindungsforschung ist das jedoch komplett widerlegt. „Kinder fragen weniger danach ,Wer hat mich geboren und ausgetragen?‘“, weiß Imlau, „sondern ,Wer kümmert sich um mich? Wer reagiert auf mich?‘“ Wer Bindungsperson Nummer eins für ein Kind werde, habe mit Kultur, nicht mit Biologie zu tun.

Mütter kümmern sich 12 Stunden am Tag ums Baby

Trotzdem sei es in vielen Familien unserer Kultur weit verbreitet, dass das erste Lebensjahr, die Elternzeit, von Müttern gestemmt werde: „Zehn bis zwölf Stunden am Tag kümmern sich die Mütter um ihre Babys, werden dann natürlich zu Spezialistinnen für ihre Kinder, fuchsen sich da ein und wissen genau, was sie brauchen. Und von außen komme dann: ,Ja, habe ich es nicht gesagt, die Mutter kann das am besten!’“

Dass „die Mama“ als primäre Bindungsperson zustande kommt und das Familienbusiness wuppt, sei nicht vorgegeben. „Wir müssen uns klarmachen, dass das eine Wahl ist, eine Entscheidung. Das ist nicht biologisch determiniert. Auch Väter können diese primäre Bindungsperson sein.“ Bindungsfähigkeit korreliere nicht mit Geschlecht oder Gender, „die Fähigkeit, mit kleinen Kindern in eine sichere Bindungsverbindung einzutreten, hat mit Feinfühligkeit zu tun“. Auch hier sei nicht Perfektion gefragt, denn kein Mensch könne jedes Babysignal immer lesen. „Aber es geht im Großen und Ganzen darum, mit dem Kind mitzuschwingen und zu fühlen, was es gerade braucht.“

Familien-Kind-Beziehung: Wie entsteht „sichere Bindung“?

Was charakterisiert eine sogenannte sichere Bindung? „Die Bindung aus Sicht der Forschung ist ein unsichtbares Band, das zwei Menschen miteinander verbindet und dem anderen das Gefühl gibt, nicht allein auf der Welt, sondern gehalten zu werden und geborgen zu sein. Zu wissen, da ist jemand, der kümmert sich um mich und er fühlt sich verantwortlich, egal was passiert“, sagt Imlau, die in ihren frühen 20ern erstmals Mutter wurde. „Diese Sehnsucht nach Bindung ist in unserer DNA verwurzelt.“

Denn: Anders als viele Tierkinder kommen Menschenkinder völlig unselbstständig zur Welt und sind auf externe Hilfe angewiesen. Säuglinge beginnen sofort nach der Geburt, Bindungssignale auszusenden, auf die Erwachsene ansprechen und emotional stark reagieren. „Babyweinen ist tatsächlich eines der Geräusche, von dem nachgewiesen ist, dass erwachsene Menschen das kaum ertragen können – und zwar reagieren auch Erwachsene, die nicht Eltern sind oder keine Kinder geboren haben, darauf.“

Babys binden sich sofort an den Menschen, der da ist. Agiere dieser verlässlich zugewandt, freundlich und feinfühlig, entstünde die sogenannte sichere Bindung. Erfahre das Baby jedoch Bezugspersonen, die mal emotional verfügbar, im nächsten Moment zurückweisend oder ignorant oder sogar gewalttätig sind, wird es „unsicher gebunden“ sein. „Diese erste Blaupause, wie Bindung funktioniert, wirkt bis ins Erwachsenenleben nach“, sagt Imlau.

Vom gordischen Knoten moderner Elternschaft

Hier offenbare sich ein Kernkonflikt, in dem sich die moderne Elternschaft aktuell befindet. Imlau nennt es den „gordischen Knoten“, also ein schier unüberwindbares, schwieriges Problem: „Was wir wissen, ist, dass es Menschen relativ leicht fällt, diese sichere Bindungserfahrung zu geben, wenn sie selbst in ihren Emotionen viel Halt erfahren haben, dann ist das etwas, was sie mit ihren eigenen Kindern nur noch reproduzieren müssen.“ Für einen Großteil derer, die heute Eltern sind, ist das jedoch nicht der Fall.

„Viele von uns haben unsichere Bindungserfahrungen gemacht als Kinder. Das bedeutet, wir wurden teilweise liebevoll behandelt, im nächsten Moment dann bestraft. So entstand da eine große Ambivalenz in unserer Bindung.“Im Versuch, es jetzt besonders gut zu machen, verletzten die heutigen Eltern jedoch ihre eigenen Grenzen permanent und sind nach einigen Jahren ausgebrannt. In dieser Ausgebranntheit könne kaum noch feinfühlig agiert werden. „Das ist die große Krux moderner Elternschaft“, sagt Imlau.

„Viele Eltern haben hohe Ambitionen und wissen viel über den Wert von Bindung, doch sie starten mit leeren Tanks. Bräuchten selbst Nähe, Liebe und Rückversicherung, geben diese jedoch nicht sich selbst, sondern investieren nur in ihre Kinder.“Um daraufhin auszubrennen, infolgedessen wütend zu werden, ihre Kinder anzuschreien und sich abends mit Selbstvorwürfen zu zermürben.

Heutige Eltern versuchen, die Verletzungen ihrer Kinderzeit zu vermeiden

„Das ist die Wiederholung der Ambivalenz, die wir ja vermeiden wollen“, erklärt Imlau. „Der Weg da raus geht über Selbstfürsorge.“ Freiräume schaffen, Auszeiten erkämpfen. „Elternsein ist ein Langstreckenlauf. Wir müssen über Jahre emotional verfügbar sein. Das können wir nur, wenn es uns selbst gut geht.“ Pausen nehmen, andere ins Beziehungsnetz mit hineinnehmen. Nachbarn, die Sportfreundin, bezahlte wie unbezahlte Bindungspersonen.

„Elternzeit ist Schwerstarbeit, der schwerste Job der Welt. Es gibt jeden Grund, da erschöpft zu sein. Auf einer körperlichen Ebene, aber auch emotionale Arbeit, wir co-regulieren einen anderen Menschen und gleichzeitig uns selbst und heilen unsere wunden Punkte.“ Nora Imlau bricht eine Lanze dafür, dass die Partner, die über die Berufstätigkeit viel nicht zu Hause sind, den oder die andere entlasten: „Egal, wie herausfordernd meine Berufstätigkeit ist, ich kann in Ruhe essen. Ich kann in Ruhe auf Toilette gehen. Das sind keine Selbstverständlichkeiten, wenn ich mit einem oder mehreren Kindern zu Hause bin.“

Familie: Es muss ein Paradigmenwechsel passieren

Dringend müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden, was in vielen Familien noch längst nicht so sei. Junge Mütter mailten ihr verzweifelt, ihre Partner müssten sich am Abend und Wochenende vom Job ausruhen. Sie selbst bekämen nie Pausen gestattet. Imlau findet dafür direkte Worte: „Derjenige, der die Care-Arbeit leistet, hat den schweren Job und braucht Entlastung.“

Noch lange sei dies nicht in allen Gesellschaftsschichten angelangt, dazu kämen Probleme mit den Schwiegermüttern, Müttern und Omas, die, vor 20, 30 oder 40 Jahren Kinder geboren haben und kritisieren, warum die Wohnung unaufgeräumt und das Essen nicht gekocht seien. „Die anderen Generationen wünschen sich natürlich auch Validation für ihren Weg“, weiß Imlau. Damals glänzte die gute Stube, der Bürgersteig war gefegt und die Hemden gebügelt.

Aber ein aufgewühltes Kind wie Quirin? Musste ohne Känguru-Beutel groß werden.

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