Hamburg

Wenn Ärzte sich alles teilen: Ist das die moderne Medizin?

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Timo Rodi und Maximilian Waldmann präsentieren eines der Ärztezimmer auf ihrer Fläche im Kaufmannshaus, wo ein Coworking Space für Ärzte in der Hamburger Innenstadt entstanden ist.

Timo Rodi und Maximilian Waldmann präsentieren eines der Ärztezimmer auf ihrer Fläche im Kaufmannshaus, wo ein Coworking Space für Ärzte in der Hamburger Innenstadt entstanden ist.

Foto: FUNKE Foto Services/ Michael Rauhe

Im Kaufmannshaus ist eine Großpraxis entstanden, die auf neue Modelle setzt. Eterno-Gründer versprechen großen Nutzen für Patienten.

Hamburg. Einzelpraxis oder Medizinfabrik? Für Patienten und Ärzte in Hamburg öffnet sich gerade ein dritter Weg zur Behandlung, der nichts mit der überkommenen Vorstellung von Diagnose, Therapie und dem Apparat dahinter zu tun hat. Er kommt aus der „sharing economy“, der wirtschaftlichen Vorstellung, dass man teilt. Der neue Praxisanbieter am Markt heißt Eterno und verspricht nicht viel weniger als eine „Revolution“ in der Grundversorgung. Gesetzlich Versicherte, Privatpatienten und Selbstzahler können hier im Kaufmannshaus in der City zwischen Neuem Wall und Großen Bleichen Termine bei Hausärzten, Internisten, Gynäkologen und anderen Fachleuten machen, kleine Eingriffe planen und Physiotherapie auf demselben Stockwerk buchen.

Eterno ist eine Art Co-Working Space (Gemeinschaftsarbeitsraum) für Ärztinnen und Ärzte. Nur: Anmeldung, Wartebereich, Praxiszimmer, Kraftraum und Mini-Labor sind extrem geräumig, farbig, hell und gleichen einem Hotel-Spa.

Es gehe nicht nur ums Wohlfühlen für Ärzte, Mitarbeiter und Patienten, sagte Eterno-Gründer Maximilian Waldmann im Abendblatt-Gespräch. Die Atmosphäre solle unter Berücksichtigung psychosomatischer Erkenntnisse zur Genesung beitragen.

Ärzte in Hamburg: Eterno verspricht neues Konzept der Patientenversorgung

Auch niedergelassene Psychotherapeuten können sich hier einmieten – in einem eigenen Bereich. Zur offiziellen Eröffnung am Mittwoch registrierten die Gründer bereits 100 Patientinnen und Patienten pro Tag, die einen der bislang zehn Ärzte und sechs Physiotherapeuten über das Internet gebucht haben. In Zukunft werden es nach der Vorstellung der Betreiber mehrere Hundert sein.

Um die Termine, die Räume, die Vernetzung der Menschen und die Digitalisierung aller Prozesse sowie die Abrechnung kümmert sich das Team um Waldmann. Die Ärzte sollen sich auf die Arbeit „am Patienten konzentrieren“.

In bisherigen Gemeinschaftspraxen teilen sich Ärzte ebenfalls die Infrastruktur. Hierbei ist es wichtig zu fragen: Wer ist der wirtschaftlich Berechtigte? Steuern Ärzte als Berufsgemeinschaft eine Praxis? Steckt ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) dahinter, das von einem Krankenhaus betrieben wird? Oder sind es Privatkapitalgeber, die mit angestellten Ärzten arbeiten und natürlich eng auf die Profitabilität schielen? Diese Praxen breiten sich gerade in Hamburg aus. In einigen Fachrichtungen wie der Augenheilkunde ist der Trend längst Normalität.

Kassenärztliche Vereinigung fordert Praxen zur Transparenz auf

In allen diesen Modellen können sich Patientinnen und Patienten auf die Qualität der Medizin verlassen. Allerdings erbringen nicht alle Angebote auch alle Leistungen, die Kranke brauchen. Seit Langem fordert unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KV) mehr Transparenz, wer überhaupt eine Praxis betreibt (das Abendblatt berichtete). Auch in der Bürgerschaft gibt es Initiativen, die sich das auf die Fahnen geschrieben haben. Gleichfalls beklagt die KV, dass sich von Private-Equity-Firmen betriebene Praxen nur die „Rosinen rauspicken“ und nicht in den ländlichen Raum oder an den Stadtrand gehen, wo vor allem „Grundversorger“ wie Hausärzte, Kinderärzte und Internisten gefragt sind.

Eterno hat angekündigt, auch nach Harburg gehen zu wollen, wenn der Standort und das Modell in der City laufen. Gründer Waldmann, der aus der Start-up-Szene kommt und weitere Investoren an seiner Seite hat, steckte rund vier Millionen Euro in die zweite Etage im Kaufmannshaus. Plump gesagt, ist seine Truppe hier Vermieter und Hausmeister. Positiv formuliert: Er nimmt keinen Einfluss auf die Medizin oder kann seinen ärztlichen Partnern Umsatzziele vorschreiben.

Was einen Arzt zu Eterno bringt

Die Ärzte brauchen alle ihre eigene Zulassung und einen Arztsitz. Warum sollte ein Hamburger Mediziner mit eigener Praxis oder Praxisgemeinschaft zu Eterno gehen und dort seine Patienten behandeln? Über die naheliegenden Gründe hat das Abendblatt mehrfach berichtet: Die Ärzteschaft ist überaltert. Wer seine Praxis an Nachfolger abgibt, möchte vielleicht noch tageweise Patienten „sehen“ und könnte sich für Eterno entscheiden, weil hier die Infrastruktur ist, er von der Bürokratie befreit wird und sich weder um die Technik noch um die Motivation der zuletzt arg gebeutelten Medizinischen Fachangestellten kümmern muss.

Andere können sich Innenstadtmieten nicht mehr leisten, wollen nur drei Tage in der Praxis und vielleicht zwei Tage in anderen Projekten arbeiten. „Die Work-Life-Balance“ spielt eine immer größere Rolle“, sagt Waldmann. Das gelte inzwischen für alle Altersgruppen. Junge Mediziner scheuen wegen der finanziellen Risiken nach langer Ausbildung den Gang in die eigene Praxis. Ein Mix aus Gemeinschaftspraxis und Eterno könnte für sie ein Weg sein.

Wie alle neuen Versorgungsformen schaut sich die KV das Eterno-Modell nach Abendblatt-Informationen genau an. KV-Chef John Afful scheint neuen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen. Wie sich Eterno etabliert, werden Ärzte und Patienten entscheiden. Die neue Wirtschaft des Teilens bedeutet in einem ihrer Slogans auch, dass man sich um sich und andere kümmert. Oder auf Englisch: Sharing means caring.

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