Prozess Hamburg

Tod an der Michelwiese: "Versehen" oder Mord aus Habgier?

| Lesedauer: 6 Minuten
Im März 2022 war ein 62-Jähriger an der Michelwiese erstochen aufgefunden worden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann gezielt ermordet wurde, um an sein Geld zu gelangen.

Im März 2022 war ein 62-Jähriger an der Michelwiese erstochen aufgefunden worden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann gezielt ermordet wurde, um an sein Geld zu gelangen.

Foto: picture alliance

Der Angeklagte im Mordprozess gibt zwar zu, sein Opfer mit einem Messerstich verletzt zu haben. Doch das sei keine Absicht gewesen.

Hamburg. Für den Mann kam jede Hilfe zu spät. Da lag er in seinem Blut, hingestreckt am Rande der Michelwiese. Es war ein grausiger Fund, den ein Passant an jenem Frühjahrsmorgen machte. Rettungskräfte konnten nur noch den Tod des Opfers feststellen. Warum musste der 62-Jährige sterben? Und wer hat dem Mann einen tödlichen Messerstich in den Hals versetzt?

Jetzt, knapp sechs Monate nach diesem Geschehen vom 28. März, steht ein Mann vor dem Schwurgericht, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, für das Verbrechen verantwortlich zu sein. Und tatsächlich leugnet der Angeklagte Simone R. zum Prozessauftakt nicht, das Opfer tödlich verletzt zu haben. Dies sei allerdings mitnichten beabsichtigt gewesen, beteuert der 47-Jährige und stellt das Geschehen vielmehr als Unglück dar. Plötzlich und aus Versehen sei das Messer dem späteren Opfer in den Hals geraten, so der Angeklagte. Nach der Tat sei er weggerannt, schildert Simone R. weiter. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war geschockt.“ Die Tat tue ihm „sehr, sehr leid“.

Prozess Hamburg: Staatsanwaltschaft geht von Mord aus Habgier aus

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft handelt es sich indes um Mord in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge. Laut Ermittlungen hat der 47-jährige Simone R. den Geschädigten in den frühen Morgenstunden jenes Tages im Bereich der Michelwiese getötet und dessen mitgeführtes Portemonnaie mit 250 Euro Bargeld geraubt. Den Ermittlungen zufolge hatten sich der gebürtige Italiener und sein späteres Opfer zunächst unabhängig voneinander in einer nahegelegenen Bar aufgehalten. Dort habe der mittellose R. mitbekommen, dass der Geschädigte eine größere Bargeldsumme bei sich trug, so die Staatsanwaltschaft.

Um an das Geld zu gelangen, soll R. dem 62-Jährigen nach Verlassen der Lokalität in die Ditmar-Koel-Straße sowie den Hohlen Weg gefolgt sein. Dort habe er dem arglosen G. aufgelauert und ihm mit einem Messer wuchtig in den Hals gestochen. G. verstarb kurz darauf am Tatort. Die Tat sei heimtückisch geschehen und aus Habgier, heißt es in der Anklage. R. habe die Absicht gehabt, das Opfer zu töten, um danach an dessen Geld zu gelangen. Er soll damit Schulden bezahlt haben — 9,60 Euro, die er in der Bar in der Kreide stand, und weitere 100 Euro, die ihm zuvor ein Bekannter geliehen hatte.

Angeklagter erzählt von schwerer Kindheit und Drogensucht

Sichtlich nervös ist der Angeklagte, als er am Morgen den Verhandlungssaal betritt. Unsicher schaut er sich um, nimmt dann zögernd Platz. Es ist ein Mann mit rundem Gesicht und fahrigen Gesten. Simone R. hat eine schriftliche Erklärung vorbereitet, die er nun abliest und die eine Dolmetscherin für ihn aus dem Italienischen übersetzt.

Er erzählt von einer schwierigen Kindheit in Palermo, von einer Mutter, die ihn oft geschlagen habe, von der Notwendigkeit, schon in jungen Jahren arbeiten zu gehen, und von einem Leben, in dem er „viele Opfer habe bringen“ müssen. Seine Ehe scheiterte, Kontakt zu seiner früheren Frau und seinen beiden Kindern habe er so gut wie nicht. Und schließlich sei er an Drogen geraten, Crack vor allem, aber auch Kokain. „Alles, was ich verdient habe, habe ich verbraucht, um Drogen zu kaufen“, erzählt der Angeklagte.

"Ich habe ein Messer herausgeholt, um ihm Angst zu machen"

Auch an jenem schicksalhaften Abend vor dem 28. März habe er Crack konsumiert und zudem in einer Kneipe Bier getrunken, zu dem ihn ein anderer Gast eingeladen habe. Als dieser schließlich die Bar verließ, habe er den Gast begleitet, so Simone R. „Ich habe ihn gefragt, ob er mir 20 Euro leihen kann.“ Zwar habe der andere daraufhin sein Portemonnaie gezückt, aber plötzlich ansatzlos angefangen, Simone R. zu schubsen. „Ich hatte Angst. Ich hatte ein Messer rausgeholt, um ihm Angst zu machen“, schildert der Angeklagte nun. „Aber er ließ mich nicht los. Wir sind auf den Boden gefallen.“

Dann sei das Messer versehentlich in den Hals des 62-Jährigen eingedrungen und dort stecken geblieben. „Ich habe es rausgezogen. Blut ist geflossen. Er ist dann gestorben. Ich bin weggerannt. Ich hatte Angst.“ Er fühle sich auch „jetzt sehr schlecht“, beteuert der Angeklagte. „Ich wollte das nicht. Ich bitte um Entschuldigung bei Gott. Der Tod steht immer vor meinen Augen.“

Prozess Hamburg: Richterin glaubt Erinnerungslücke des Angeklagten nicht

Die Vorsitzende Richterin hat etliche Nachfragen. Wieso Simone R. überhaupt ein Messer dabei hatte, möchte sie unter anderem wissen. Das habe er noch von seiner Arbeit in einer Pizzeria bei sich getragen, wo er mit dem Messer unter anderem Schachteln öffne, antwortet der Angeklagte. „Wollen Sie uns sagen, dass das Messer durch Zufall in die Kehle des Mannes geraten ist“, hakt die Richterin nach. „Ja, aus Versehen!“, versichert Simone R. „Ich schwöre!“ Zunächst habe er nicht wirklich realisiert, dass das Messer im Hals des 62-Jährigen steckte. „Ich habe gesehen, wie das Blut fließt, mir entgegen strömt. Ich glaube, er ist dann gleich gestorben.“

Ob er dem Opfer Geld weggenommen habe, fragt die Richterin weiter. „Ich kann mich nicht daran erinnern“, versetzt Simone R. „Es kann sein oder auch nicht.“ Das mag die Vorsitzende nicht glauben. Was vorher geschah, wisse er im Detail, auch die Geschehnisse danach schildere er in Einzelheiten. Und ausgerechnet ein möglicher Raub des Portemonnaies soll ihm entfallen sein? „So eine plötzliche Erinnerungslücke gibt es nicht!“ Genau so sei es aber gewesen, bestätigt der Angeklagte. „Ich habe plötzlich Dunkelheit vor mir.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

( bem )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg