Prozess Hamburg

Schikane? Kleingarten-Streit endet vor Gericht

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Sieht idyllisch aus, doch hinter den Kulissen gibt es erbitterten Streit: die Kleingartenparzelle von Cord Crasselt bei den Gartenfreunden in Marienthal.

Sieht idyllisch aus, doch hinter den Kulissen gibt es erbitterten Streit: die Kleingartenparzelle von Cord Crasselt bei den Gartenfreunden in Marienthal.

Foto: Privat

Es brodelt bei den Gartenfreunden in Marienthal. Es geht um Bienen, Dächer und Kündigungen. Über die verzwickte Situation.

Hamburg. Sie suchen Ruhe, eine friedliche Zeit auf ihrem kleinen Stückchen Erde. Ein bisschen Idylle mit selbst gezogenem Gemüse und Obstbäumen auf einer Parzelle. Doch von Entspannung und Muße kann im Kleingartenverein der Gartenfreunde in Marienthal zurzeit keine Rede sein. Es brodelt im Verein. Die Stimmung ist schlecht. So schlecht, dass sich jetzt Mitglieder des Vereins und des Vorstands vor Gericht trafen. Und es spricht einiges dafür, dass die juristische Auseinandersetzung noch lange nicht beendet ist.

In dem Kleingartenverein ist es in den vergangenen Monaten zu Unmut gekommen, zu gegenseitigen Beschwerden — sogar zu fristlosen Kündigungen. Weil bestimmte Mitglieder angeblich den Verein schädigen und sich nicht an die Regeln halten, behaupten die einen. Andere halten diese Maßnahme für eine Schikane, um diejenigen, die darauf pochen, ihre Rechte ausüben zu können, kaltzustellen. Jetzt gab es einen ersten Termin vor dem Amtsgericht Wandsbek.

Prozess Hamburg: Wahl wurde angefochten

Fast jeder Stuhl ist besetzt in Saal 211. Und vorne, schräg vor der Richterin, sitzen die Vorsitzende des Vereins, Marita Dinn, und ihr Stellvertreter Erwin Köhn auf der einen Seite. Ihnen gegenüber haben Cord Crasselt sowie Christian Gruber Platz genommen. Beide sind seit Jahren Mitglieder des Vereins, doch beiden wurde jetzt fristlos gekündigt — eine Maßnahme, gegen die sie entschieden vorgehen.

Crasselt, der auch Vorstand der Stiftung Hagenbeck ist, sieht sich sogar als Schriftführer des Kleingartenvereins, nachdem er bei einer Mitgliederversammlung am 18. Juni „mit großer Mehrheit gewählt“ worden sei, wie er vor Gericht vorträgt. Doch die Vorsitzende Dinn widerspricht: Die Wahl sei angefochten worden, weil sie „falsch“ gewesen sei. Also sei der vorherige Schriftführer weiter im Amt.

Fronten sind verhärtet

Ist Crasselt nun also als Schriftführer sogar Vorstandsmitglied im Kleingartenverein – oder nach dem Quasi-Rausschmiss vielmehr Persona non grata? Weiter auseinander können die Einschätzungen kaum liegen. Die Fronten sind verhärtet. Das wird in diesem Gerichtstermin deutlich. Deutlich wird aber auch, wie es die Richterin vorläufig einschätzt: Demnach sei Crasselt als Schriftführer Mitglied des Vorstands.

Crasselt und Gruber haben den Gerichtstermin angestrebt, weil sie per einstweiliger Verfügung durchsetzen wollen, dass sie in jedem Fall bei der kommenden Mitgliederversammlung teilnehmen und mitstimmen können. Es ist ein wichtiger Termin für den Verein. Denn hier sollen zwei Positionen eines neuen Vorstands gewählt werden.

Bienenhaltung von Vorstand genehmigt

Wer den Konflikt in dem Marienthaler Verein verstehen will, muss sich mit den Regeln für Kleingärten auseinandersetzen, ein Stück weit in die Welt der Bienen eintauchen und in der Tradition des Vereins weit zurückgehen – vielleicht sogar um vier Jahrzehnte, wie es Cord Crasselt im Gespräch mit dem Abendblatt tut. Schon damals, schildert der Diplom-Biologe, begannen seine Schwiegereltern mit der Imkerei, und zwar genau auf jener Parzelle, die Crasselt schließlich 2018 übernahm. Bereits zu jener Zeit habe er darauf hingewiesen, dass er die Bienenhaltung fortführen wolle, erzählt der Hamburger. Der damalige Vorstand habe ihm das genehmigt.

Die neue erste Vorsitzende Dinn, die vor zwei Jahren Jahren eine Parzelle nur wenige Meter von Crasselts Stück Land entfernt pachtete, nimmt Anstoß an den Bienen. Vor Gericht spricht sie von einer zu hohen Anzahl der Völker und einer „Einflugschneise“, die „verändert worden“ sei. Die Bienenhaltung sei „unrechtmäßiges Verhalten“. Dem widerspricht der Diplom-Biologe.

Bienenbestand stark gewachsen

Er habe seine drei Völker, wie es Vorschrift ist, bei der Behörde angemeldet. Nachdem er im vergangenen Jahr besonders erfolgreich sogenannte Ableger gezogen hat, ist sein Bestand auf neun Völker angewachsen. Auch diese habe er angemeldet, betont der Hobby-Imker und verweist zudem auf die Zeitung des Bundesverbands der Kleingartenvereine, den „Gartenfreund“. Darin werde häufiger darauf hingewiesen, wie sinnvoll und ökologisch wertvoll Bienenhaltung sei.

In einem Schreiben der ersten Vorsitzenden an Crasselt sind die Bienen nur ein Kritikpunkt auf einer „Mängelliste“. Wie Dinn auch vor Gericht betont, habe Crasselt darüber hinaus nicht, wie es die Verordnung verlangt, ein Drittel der Fläche seiner Parzelle „kleingärtnerisch“ genutzt. Dies sei bei einer Begehung festgestellt worden. Dazu sagt Crasselt in der Verhandlung, es sei „unangekündigt seine Parzelle betreten“ worden. „Das ist so, als wenn ein Vermieter beim Mieter durch das Fenster einsteigt.“

Gruber hielt auf seiner Parzelle Hühner

Bei dem anderem Mitglied, Christian Gruber, kam es unter anderem zur Kritik, weil er auf seiner Parzelle Hühner hielt und darüber hinaus die überdachte Fläche einer Hütte zu groß sei, so der Vorwurf. Die Hühner hat Gruber mittlerweile weggegeben. Der Streit wegen des Daches ist indes noch nicht beigelegt.

Im Juli spitzte sich die Situation im Verein weiter zu. Beiden Mitgliedern, sowohl Crasselt als auch Gruber, wurde mitgeteilt, man beabsichtige, sie wegen nicht beseitigter Mängel auf ihren Parzellen aus dem Verein auszuschließen. In der Folge seien ihnen jeweils Termine für eine Anhörung angeboten worden, so Dinn. Doch sie hätten diese nicht wahrgenommen. „Wenn jemand nicht erscheint, ist das Sache des Mitglieds.“

Crasselt und Gruber erhielten Kündigungen

Crasselt und Gruber argumentieren dagegen, die Anhörungen seien viel zu kurzfristig anberaumt worden, um sie wahrzunehmen. Gegen beide, Crasselt und Gruber, erhebt die Vorsitzende Dinn noch weitere Vorwürfe. Sie beruft sich auf ein sogenanntes Minderheitsbegehren, das diese mit initiiert haben. Darin fordern zahlreiche Mitglieder eine außerordentliche Mitgliederversammlung für eine Neuwahl des Vorstands. Dies sei ein „vereinsschädigendes Verhalten“, argumentiert Dinn. Zudem sei dieses Minderheitsbegehren fehlerhaft, weil es zu wenig Unterschriften gebe, so die erste Vorsitzende bei der Verhandlung.

Mittlerweile erhielten beide Mitglieder, Crasselt und Gruber, fristlose Kündigungen. Bei Crasselt datiert diese auf den 23. August, „mit sofortiger Wirkung“. Dazu sagt dessen Rechtsanwalt Mike Meseke: Es gebe im Kleingartenverein eine „große Opposition. Diesen Mitgliedern wird gekündigt. Nur weil man Kritik äußert, kommt man in Schwierigkeiten. Das ist keine Demokratie“.

Termin für Mitgliederversammlung abgesagt

Den Ausschluss aus dem Verein wollen weder Cord Crasselt noch Christian Gruber hinnehmen. Sie haben sich entschieden, die Schlichtung anzurufen, also die nächst höhere Organisationsstufe für Kleingartenvereine, in diesem Fall die Bezirksgruppe Wandsbek. Auf diesen Umstand stützt nun in dem Gerichtstermin auch die Richterin ihre Entscheidung, dass die Anträge der beiden Männer, bei der Mitgliederversammlung teilnehmen und mitstimmen zu können, abzulehnen sei. Die Juristin beruft sich dabei auf die Satzung des Vereins, nach der während des Schlichtungsverfahrens die Mitgliedschaft ruht.

Noch bevor diese Entscheidung bekannt geworden ist, ist der Termin für die Mitgliederversammlung von der ersten Vorsitzenden abgesagt worden. Ein „Mitglied des Vereins“ wolle die Rechtmäßigkeit der Vorstandswahlen verhindern, heißt es in einem Schreiben von Marita Dinn. Man werde die Versammlung in wenigen Wochen nachholen. Der Streit geht also in die nächste Runde.

Prozess Hamburg: Aufgabe keine Option

So viel Ärger und Unruhe wegen einer Parzelle! Wäre eine Aufgabe des Stückchen Kleingartens eine Option? Nicht für Crasselt und Gruber. „Man hängt da mit dem Herzen dran“, erklärt Crasselt. „Und wir machen die Arbeit mit den Tieren, weil es Spaß macht. Eigentlich haben wir ja eine gute Nachbarschaft. Außerdem: Die Ungerechtigkeit, die im Verein geschieht, möchten wir nicht weiter ertragen — sondern zu dem kleingärtnerischem Zusammenleben zurückfinden, wie wir es kannten.“

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