Kriminalität Hamburg

Gefährliche Waffen: Die Wahrheit ist der beste Krimi

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Ein erfolgreiches Autorengespann: Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher und der Gerichtsmediziner Prof. Klaus Püschel.

Ein erfolgreiches Autorengespann: Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher und der Gerichtsmediziner Prof. Klaus Püschel.

Foto: Mittelacher/Püschel

Rechtsmediziner Püschel und Gerichtsreporterin Mittelacher blättern in ihrem neuen Buch Kriminalfälle mit Schussverletzungen auf.

Hamburg.  Von den eher allgemein gehaltenen Titeln der Anfangszeit („Tote lügen nicht“, „Tote schweigen nicht“, etc.) hat das schreibwütige Autoren-Duo Abschied genommen, es ist eine Art Evolution zu beobachten: Professor Klaus Püschel, fast 30 Jahre Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE, und Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher setzen jetzt auf thematische Ausgliederungen, neu-deutsch „Spin-Offs“.

In „Spin-Offs“ bekommt ein Story-Pfad, ein Aspekt der Erzählung oder ein Charakter der Ursprungsgeschichte eine eigene Bühne. Der Begriff ist zwar auf Serien und Filme gemünzt – hier passt er aber auch.

Kriminalität Hamburg: Meist liegt ein Verbrechen zugrunde

Denn das große Sujet von Püschel und Mittelacher ist und bleibt: der Tod. Der feine Unterschied liegt darin, dass die beiden jetzt Todesarten, Tatwerkzeugen oder Tatorten ganze Bücher widmen. War schon ihr im Mai erschienener Titel „Tod beim Golf“ eine Art Panoptikum von Möglichkeiten, wie man auf dem Grün ums Leben kommen kann, serviert auch „Tod durch Schuss“ Morbides monothematisch: Es geht um Schussverletzungen jedweder Art und Provenienz.

Häufig liegt den im Buch vorgestellten Fällen ein Verbrechen zugrunde. Mal geht es um durch eher exotische Waffen wie Armbrust, Bogen oder selbstgebastelte Geräte verursachte Tode. Wesentlich häufiger drehen sich die Kapitel aber um die Klassiker Pistole und Revolver oder auch deren destruktive Verwandtschaft wie die schnellfeuernde Uzi. Alle Waffen – kein Zweifel – sind hochgefährlich, ob sie nun bewusst zum Einsatz kommen oder nicht. So mancher starb, als sich beim Herumhantieren mit dem Gewehr ein Schuss löste. Im Buch beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit tödlichen Jagdunfällen.

Gerichtsmediziner Püschel sah 200.000 bis 300.000 Leichen

Ein Buch mit Püschel als Autor führt zwangsläufig zur Frage, welche Zerstörungen Schusswaffen im und am Körper anrichten. Soviel sei verraten: Allzu viel Raum lässt er der Fantasie nicht. Püschel hat in seinem Berufsleben rund 40.000 Leichen selbst obduziert und insgesamt 200.000 bis 300.000 Tote gesehen. Kaum eine Schuss-, Stich- oder Schlagwaffe dürfte ihm fremd sein, das gilt auch für die Verletzungen, die sie hinterlassen. So sei etwa für Pfeile eine „glatte und oft schlitzartige Wundmorphologie“ typisch. Püschels Tipp: Wer vom Pfeil getroffen wird, belässt ihn besser im Körper. Das schützt vor dem Verbluten.

So befremdlich und abstoßend die Welt der Rechtsmedizin auf Laien wirken mag, so zentral ist sie für die Aufklärung von (gewaltsamen) Todesfällen. Ohne sie wäre es oft nicht möglich, ein „Totenpuzzle“ zu lösen. Des Professors populärwissenschaftlichen Exkurse knüpfen meist an die im Buch vorgestellten Kriminalfälle an. Die Autoren drehen dabei munter das Zeitrad. Zwar spielt die Musik im Norddeutschland der Jetzt-Zeit, doch bleibt auch Raum für Schlenker zu historischen Persönlichkeiten, deren Tod ein Schuss besiegelte. Zu ihnen gehört Richard Löwenherz, König von England, dem ein Armbrustbolzen das Leben raubte.

Auftragsmörder Wolfgang „Mucki“ Pinzner sticht heraus

Dem Meuchler des weltberühmten Gletschermanns, der nach seinem Fundort in den Ötztaler Alpen „Ötzi“ getauft wurde, kamen Forensiker mit der Multislice-Computertomografie auf die Schliche. Bei der Untersuchung der gefrorenen Mumie kam heraus, dass jemand vor mehr als 5000 Jahren hinterrücks einen Pfeil auf „Ötzi“ abfeuerte und eine Verletzung der linken Unterschlüsselbeinarterie verursachte. Ötzi fiel hin und erlitt ein wohl tödliches Schädelhirntrauma.

Auch wenn nur zwei bis drei Prozent der Sektionen in der Hamburger Rechtsmedizin auf Schussverletzungen zurückgehen, könnten die spektakulären Fälle der Hansestadt Dutzende, sogar Hunderte Bücher füllen. „Tod durch Schuss“ konzentriert sich indes auf Geschichten von besonderem kriminalhistorischem Gewicht. Die um den Auftragsmörder Wolfgang „Mucki“ Pinzner sticht heraus, auch wenn sie schon oft erzählt wurde. Allerdings gehört die Tat auch mit zum Abgefeimtesten und Brutalsten, was die Stadt bisher erleben musste. Pinzner erschoss 1986 im Polizeipräsidium mit einem von seiner Anwältin eingeschmuggelten Revolver den Staatsanwalt Wolfgang Bistry, seine eigene Frau, dann sich selbst.

Leiche wurde im Boden einbetoniert

Pinzner hatte die Tat durchchoreographiert, das Paar den Tod fest eingeplant: Bei der Obduktion kam heraus, dass beide zuvor hochgiftige Quecksilber-Kügelchen geschluckt hatten.

Weniger bekannt dürfte die Ermordung des Glücksspielers Bahri Berisha sein, der von zwei Mafiosi aus Sizilien 1993 auf dem Kiez mit vier Schüssen hingerichtet wurde. Gerade mal sieben Jahre zurück liegt ein weiterer Leuchtturm-Fall, der sich im Restaurant „Casa Alfredo“ (St. Georg) abspielte. Der Betreiber Alfredo M. hatte am 30. September 2015 den Schutzgelderpresser Ercan D. erschossen und dessen Leiche im Boden des Lokals einbetoniert, keine fünf Meter vom Speiseraum entfernt. Ein Jahr später sprach das Gericht Alfredo M. vom Totschlagsvorwurf frei. Grund: Der Gastronom habe in Notwehr gehandelt.

Ex-Mann feuert zwei Magazine aus einer Maschinenpistole ab

Von unfassbarer Brutalität zeugt indes das Blutbad, das ein 48 Jahre alter Zahnarzt in Dänischenhagen und Kiel anrichtete: Zuerst feuerte der Mann im Mai 2021 auf seine Ex-Frau und ihren neuen Partner aus einer Maschinenpistole zwei volle Magazine (50 Schuss) ab. Dann fuhr er nach Kiel und schoss aus Rache für seine Indiskretion einem Bekannten viermal ins Gesicht. Er bekam vor fünf Monaten lebenslänglich.

Im neuen Buch bleibt das Autoren-Duo seinem bewährten True-Crime-Rezept treu: (Wahrer) Krimi trifft (populäre) Wissenschaft. Wer Interesse an der Rechtsmedizin mitbringt, kann sicher einiges lernen. Etwa dass Forensiker, je nach Richtung des Schusskanals, von Tangential-, Prell-, Winkel-, Kontur-, Ringel- oder Gellerschüssen sprechen. Wer weiß das schon?

Kriminalität Hamburg: Wie Gerichtsmediziner eine Leiche „lesen“

Es ist schlicht spannend zu erfahren, wie Rechtsmediziner einen Tathergang rekonstruieren, indem sie eine Leiche „lesen“. Und wie all die Details zusammen – die Beschaffenheit der Wunden, der Verlauf der Schusskanäle, Gewebe-Rückstände, Schmauchspuren – oft einen großen Teil der ganzen Geschichte erzählen.

Und das ist fast wie Kunst.

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