Bäderland Hamburg

Einblicke in den Berufsalltag einer Schwimmmeisterin

| Lesedauer: 7 Minuten
Tanja Ehler passt am Beckenrand des Freizeitbads Bondenwald auf, dass nichts schiefgeht.

Tanja Ehler passt am Beckenrand des Freizeitbads Bondenwald auf, dass nichts schiefgeht.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Auf Badegäste aufpassen, Rasen harken, nebenbei ein Pony und ein Hund – Tanja Ehler ist ein echter Tausendsassa.

Hamburg. Überall gleichzeitig kann man nicht sein, doch kommt Tausendsassa Tanja diesem Kunststück nahe. Als Schichtleiterin des Freizeitbads Bondenwald ist die ausgebildete Schwimmmeisterin enorm in Schwung – in der Ferienzeit mehr denn je. Das Gewusel im Freibad, die lautstarke, fröhliche Urlaubsstimmung kommen dem quicken Naturell der 25-Jährigen entgegen. Wer Frau Ehler bei der Arbeit beobachtet, ahnt richtig: In ihrem Job ist kein Platz für zu viele Pfunde. Was nicht heißt, dass sie die Pommes im Bistro grundsätzlich links liegen lässt.

„Moin!“, ruft sie zur Begrüßung im Kassenraum. An diesem kuschelig warmen Sonntag stehen die Badegäste unmittelbar vor Öffnung Schlange. Von High Noon bis 20 Uhr geht’s auf dem 41.000 Quadratmeter umfassenden Areal am Niendorfer Gehege rund. Schwimmhallen, Action-Pool, japanische Saunawelt und zwei Lehrschwimmbecken zählen zu den Attraktionen dieser Traditionsanlage an der Friedrich-Ebert-Straße. Die aktuell von drei auf acht Stunden erweiterte Tageskarte kostet für Erwachsene 8,20 Euro, für Jugendliche 3,90 Euro, für Kinder 2,10 Euro. Im Schnitt bezuschusst die Stadt jeden der 4,4 Millionen Gäste pro Jahr in Hamburgs Bädern mit 4,68 Euro.

Bäderland Hamburg: Im Freibad tobt das Leben

Jetzt, in der Urlaubszeit, tobt das Leben im Freibad am lustvollsten. Natürlich. Ein 50 Meter langes Becken schafft Abkühlung. Bäume am Waldesrand spenden Schatten. Je zwei Rutschen und Sprungtürme bringen Spaß. Wer Flossen, einen Ball oder biegsame Pool-Nudeln parat hat, befindet sich auf der Siegerstraße.

Eine Liegewiese, Tischtennis, der Spielplatz, ein Dutzend Strandkörbe und das große Schachbrett mit kniehohen Kegeln machen einen Urlaubstag zum Freund. Von Bänken und Liegen haben Besucher eine prima Sicht auf das pralle Leben. Mancher verspürt im angeblich kühlen Norden einen Hauch südländischen Lebensgefühls.

Derweil Tanja Ehler bei einem Rundgang die Vorzüge des Freizeitparadieses präsentiert, gehen die ersten Vorurteile baden. Passé sind die Zeiten, in denen braun gebrannte Bademeister mit Muckis und Goldkettchen am Beckenrand auf einer Art Chefsessel chillen – und hin und wieder herrisch in ihre Pfeife pusten. Erstens haben Pfeifen ausgedient, zweitens ist Teamgeist Trumpf, drittens geben teilweise Frauen den Ton an. Im Fall Bondenwald haben als Schichtleiterinnen drei Frauen das Sagen. Als Badleiter ist An­dreas Fock im Einsatz.

Bäderland sucht dringend Mitarbeiter

Pfiff hat die Niendorfer Oase dennoch. Insgesamt besteht die Crew aus fast 30 Personen; je Schicht ist etwa ein Drittel von ihnen eingeteilt. Dass dringend Mitarbeiter gesucht werden, ist nicht nur im Bäderland ein Problem. Ein anderes stellt sich erst gar nicht: Die im Sommerloch aufgeheizte Debatte, ob in den Freibädern oben ohne erlaubt sein soll, ist im Prinzip grundlos. „Soweit ich mich erinnere, hatten wir in den letzten Jahren nur einmal eine Diskussion darüber“, sagt Tanja Ehler. Thema abgehakt.

Da sie erst in zwei Stunden das Kommando übernimmt, hat sie Zeit zum ausführlichen Klönschnack. Passend zu unserer kleinen Ferienserie. Dabei blicken wir sechs Hamburgerinnen im Job über die Schulter. Mit sommerlichem Bezug.

Tanja Ehler betreut auch eine Pony-Oma

Die Schichtleiterin, deren offizielle deutsche Dienstbezeichnung nach drei Jahren Lehre „Fachangestellte für Bäderbetriebe“ lautet, betreut eine 25 Jahre alte Pony-Oma namens Betty und übte Voltigieren als Leistungssport aus. Wenn sie ihren schwarzen Kleintransporter der Marke VW Caddy mit Bett und Küche ausgestattet hat, will sie im kommenden Monat auf große Reise gehen: Richtung Albanien, begleitet nur vom adoptierten Straßenhund Honey. In zweieinhalb Wochen möchte die abenteuerlustige Norddeutsche 5000 Kilometer zurücklegen – durch Österreich, Slowenien, Kroatien und so weiter. Ausgiebiges Schwimmen im Meer wird dazugehören.

Die Unterhaltung mit Tanja Ehler verläuft abwechslungsreich. Wie der Werdegang. Ihr Geburtsort ist San Diego in Kalifornien. Daher der deutsche sowie der US-amerikanische Pass. Ihr Vater war im Dienst der Bundeswehr in Übersee. Anschließend kehrte die fünfköpfige Familie in die Heimat zurück – nach Cuxhaven. Auf der Koppel des Elternhauses stehen heute sieben Pferde. Eines davon ist das betagte Schimmelpony Betty.

„Im Bäderland bin ich in meinem Element“

Etwa ein bis zweimal im Monat besucht Tanja die Stätte ihrer Kindheit und Jugend. Bei der Berufswahl zwischen medizinischer Fachangestellten, Sozialpädagogin oder Schwimmmeisterin gaben fünf Faktoren den Ausschlag: lebendiger Praxisbezug, sportliche Betätigung, Vielseitigkeit, Kontakt mit Menschen – und der Spaß. „Im Bäderland bin ich in meinem Element“, sagt Tanja Ehler. Begriffe wie Badeanstalt oder Bademeister sind überholt.

Nach Umzug und Ausbildung in Hamburg mit Stationen im Holthusenbad, im Bondenwald, im Festland Altona sowie in Blankenese bewarb sich der in Iserbrook lebende Single im Mai dieses Jahres bei ihrem Unternehmen als Schichtleiterin. Offensichtlich fiel ihr Auftritt überzeugend aus. „Und nun gehört der Sommer mir“, ruft sie bester Dinge und reicht einen Eistee. Ungesüßt natürlich.

Die Teamchefin ist immer auf Achse

Mit ihrer munteren, erfrischend unkomplizierten Art beschreibt sie im Sauseschritt ihr Aufgabenpaket. Die Bezeichnung „Mädchen für alles“ versteht das 25 Jahre alte Organisationstalent als Kompliment. Neben klassischen Tätigkeiten als Aufseherin ist die Teamchefin während ihrer Schicht ordentlich auf Achse. Zum Beispiel: Aushilfe an der Kasse während der Pause eines Kollegen, Fundsachen verwahren, Parkplatzkontrolle, Aufräumen, kleine Reparaturen, Desinfizieren.

Für Rasenharken oder Reinigungsarbeiten darf frau sich nicht zu schade sein. Ist sie auch nicht. Das Abschlauchen bei Feierabend, Fachbezeichnung fürs Abspritzen der Beckenränder und gefliesten Böden, bereitet mit vereinten Kräften bei lauter Musik Vergnügen. Kommt es hin und wieder zu Zoff zwischen Gästen, hilft ein freundliches, indes resolutes Wort. Feingefühl und die Kunst des Deeskalierens gehören zum Job. Devise: „Bloß nicht ärgern lassen und niemals ausfallend reagieren.“ Hat bisher geklappt. Und Wasser zum Abkühlen ist ja ausreichend vorhanden.

Bäderland Hamburg: „Schichten vergehen wie im Fluge“

„Unsere Schichten vergehen wie im Fluge“, beschreibt Frau Ehler ihren turbulenten Alltag. Begeisterung ist ihr anzumerken. Jeder Tag verlaufe anders. Und wer hat sonst schon das Glück, im Sommer im Freibad zu weilen – und dafür bezahlt zu werden? Neben dunkelblauen Shorts, einem weißen Poloshirt und Sportschuhen stellt die Firma eine blau-weiße Cap. Reichlich Sonnencreme ebenfalls. Ebenso eine modische Dienst-Sonnenbrille. Hilfreich, wenn in der Hansestadt Sommer ist.

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