Corona Hamburg

Revolverheld zieht die Reißleine – und sagt geplante Tour ab

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Johannes Strate von Revolverheld, hier im Juli 2021 auf der Gilde Parkbühne in Hannover. Die Hamburger Band gehörte zu den ersten, die im Sommer 2020 wieder auf die Bühne gingen – bei Autokinokonzerten. Doch jetzt gibt es schlechte Nachrichten.

Johannes Strate von Revolverheld, hier im Juli 2021 auf der Gilde Parkbühne in Hannover. Die Hamburger Band gehörte zu den ersten, die im Sommer 2020 wieder auf die Bühne gingen – bei Autokinokonzerten. Doch jetzt gibt es schlechte Nachrichten.

Foto: Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress

Johannes Strate meldet sich mit "extrem blöden und traurigen" Nachrichten bei Fans. Konzertbranche leidet nicht nur unter Corona.

Hamburg. 12.000 Fans bei Dua Lipa, über 20.000 Fans bei den Doppelkonzerten von Udo Lindenberg und den Fantastischen Vier, ausverkaufte Stadtpark-Konzerte von Sting, Deep Purple, Beatsteaks und Cro. Volles Volksparkstadion bei Rammstein und Harry Styles. 70.000 beim „Hurricane Festival“ in Scheeßel. Es scheint, als sei in diesem Sommer die Normalität zurückgekehrt ins Konzertgeschäft.

So liest sich auch der Anfang einer Mitteilung, die Revolverheld-Sänger Johannes Strate jetzt veröffentlichte: „Ihr Lieben, was waren das für zwei verrückte Jahre. Umso mehr ist es Balsam für die Seele, euch diesen Sommer vor der Bühne zu erleben. Wie ihr mit uns feiert, tanzt und singt ist wirklich großartig und wir wissen jetzt wieder ganz genau, warum wir das alles tun und wie sehr wir euch vermisst haben.“ Doch dann kommt das dicke Ende.

Corona Hamburg: Revolverheld sagt geplante Tour ab

„Nachdem für uns und auch für euch immer wieder alles durcheinander gewürfelt wurde und wir uns schon extrem auf die Arena-Tour im Frühjahr 2023 mit euch gefreut haben, müssen wir diese schweren Herzens leider absagen“, erklärt Strate. Das Hamburger Konzert am 16. Februar in der Barclays Arena ist damit Geschichte.

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang, sieben Monate im Voraus 15 Arena- und Hallenkonzerte zu streichen. Nach Rücksprache mit Expertinnen und Experten aus der Konzertbranche, der Medizin und der Politik sei die Band zu der Erkenntnis gekommen, „dass für die Wintermonate einfach noch nicht sicher genug geplant werden kann, so wie wir es uns alle wünschen. Die Unsicherheit in der Branche und offensichtlich auch bei euch, ist verständlicherweise noch riesengroß. Niemand kann aktuell garantieren, dass es in den kommenden Wintermonaten einen uneingeschränkten Kulturbetrieb geben kann, und wir werden wohl leider nicht die Einzigen bleiben, die darauf reagieren müssen“, bedauert Strate und ergänzt: „Unsere gesamte Branche leidet aktuell offensichtlich an Long Covid.“

Auch Grönemeyer und Metallica sagten Touren ab

Long Covid, diesen Begriff nutzte auch Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer des Hamburger Konzertveranstalters FKP Scorpio (Hurricane Festival), im Interview mit dem NDR für die derzeitige Lage der Branche: „Und wenn man genauer darüber nachdenkt stimmt das auch ein bisschen. Weil der Rattenschwanz, der da dranhängt, uns noch eine ganze Weile begleiten wird.“

Während Zehntausende in den Hallen und auf den Festivalwiesen feiern, rollt die Corona-Sommerwelle. Und erwischt es Künstler wie Herbert Grönemeyer und seine Crew, fällt eine komplette Stadiontour flach mit exorbitanten Kosten für die beteiligten Gewerke. Sowohl Giganten wie Metallica als auch kleine Bands wie die Einstürzende Neubauten und Schlagerstars wie Stefanie Hertel mussten jüngst nach Corona-Fällen im Umfeld Konzerte absagen.

Konzertbranche leidet nicht nur unter Corona

Aktuelle Erkrankungen und Personalnot machen den Bands, ihren Agenturen und ihren Mitarbeitenden auch im vermeintlich lockeren Sommer schwer zu schaffen, besonders bei internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Zudem sind derzeit Flüge und Transportlogistik schwer zuverlässig zu buchen, Kosten durch Weltkrisenpreise und Inflation steigen und es fehlt an allen Ecken und Enden an zuverlässigen helfenden Händen.

„Was uns wirklich Sorgen macht, ist der Mangel an Fachkräften und technischem Equipment. 2020 und 2021 gab es eine starke Personal-Abwanderung“, erklärte Dieter Semmelmann, Chef von Semmel Concerts, im Hamburger Abendblatt. Rapper Jan Delay sprach es noch direkter aus: „Vor allem das Roadie- und Bühnengame wurde übel gebumst und viele haben sich Alternativen gesucht“. Von der Gastronomie über Tontechnik bis zu Aufbau und Sicherheit haben viele aufgegeben. Die, die noch da sind, sind heiß begehrt, können sich die attraktivsten Aufträge aussuchen und die Höhen der garantieren Gagen diktieren.

Festivals müssen Segel streichen: Zu hohe Produktionskosten

Und so werden „aufgrund unvorhergesehener Produktionsprobleme“ viele Konzerte abgesagt, sogar von Superstars wie Alicia Keys in Hamburg. Matt Schwarz, Organisator von „Rock am Ring“ und „Rock im Park“, rechnet im „Diffus“-Magazin“ für dieses Jahr mit einem Produktionskostenanstieg von 25 bis 30 Prozent für Festivals.

Wer das und die Personalnot nicht stemmen kann, sagt ab: „Helene Beach“ (Frankfurt/Oder), „Wireless Festival Germany“ (Frankfurt/Main), „Rock of Ages“ (Stuttgart), „Bang Your Head“ (Balingen) und weitere Festivals und Open-Air-Raves streichen für 2022 die Segel. Andere wie das „Wacken Open Air“ feilen laufend am Programm, weil gebuchte Künstler wie Rammstein-Sänger Till Lindemann und weitere Bands ohne Crews keine Festivalsaison auf die Beine stellen und ihre eigentlich zugesagten Auftritte nicht wahrnehmen können.

Bereitschaft, in neue Konzertkarten zu investieren, sinkt

Das Publikum ist entsprechend verunsichert. Mit diversen Tickets für mehrfach verschobene Konzerte an den Kühlschränken, unklarer Corona-Zukunft, drohender Energiekrise und schmaler werdendem Geldbeutel sinkt auch die Bereitschaft, in neue Konzertkarten zu investieren, sei es für den Sommer und Herbst 2022 oder das Frühjahr 2023.

Vor allem kleine und mittelgroße Bands haben derzeit unter deutlichem Nachfragemangel zu leiden, aber auch die Stars der Rock- und Pop-Branche müssen kämpfen. Dass es für das Open-Air-Konzert der Toten Hosen am 14. Juli im Volkspark oder für Die Ärzte im August auf der Trabrennbahn jetzt noch Karten gibt, wäre 2019 undenkbar gewesen. Nur ganz oben auf der Pyramide, bei Rammstein, Harry Styles und Red Hot Chili Peppers im Volksparkstadion freut man sich über maximalen Zuspruch. Das Bruce Springsteens Konzert im Juli 2023 im Stadion war sofort ausverkauft.

Revolverheld kündigt neue Termine für Sommer 2023 an

Die Lage in diesem Sommer ist nicht einfach für die Konzertbranche und sie wird im kommenden Winter vielleicht erneut dramatisch: „Am Ende steht die Sicherheit und die Gesundheit an erster Stelle, und diese wollen wir gewährleisten, können es aber ohne Rückhalt aus der Politik leider nicht“, sagt Johannes Strate über die Absage, von der auch Konzertveranstalter River Concerts betroffen ist: „Eine Absage über ein halbes Jahr im Voraus mit den genannten Gründen ist ein Einzelfall“, sagt River-Sprecherin Annika Bruns. „Auch wenn äußere Widrigkeiten wie der Personalmangel die Branche vor Herausforderungen stellen, blicken wir grundsätzlich zuversichtlich in das laufende Veranstaltungsjahr.“

Aber die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre deuten darauf hin, dass die Planung von Großveranstaltungen im Winter trotz ausgeklügelter Hygienekonzepte und nach allen Impfkampagnen ein erhebliches finanzielles Risiko birgt. Konzerte dieser Größe sind zumindest für Revolverheld auch 2023 realistischer in den wärmeren Monaten. Ihre Fans können bereits gekaufte Tickets zurückgeben und wohl schnell reinvestieren: „Bald gibt es News zu etlichen neuen Terminen“, verspricht Johannes Strate für den Sommer 2023, „wir kommen in jede Ecke, die ihr euch vorstellen könnt.“

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