Unglück in Hamburg

Tödlicher Badeunfall in Elbe: Neue Strategie gegen Ertrinken

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Mit einer neuen Strategie will die HPA schnellere Hilfe bei der Rettung von Ertrinkenden ermöglichen. (Symbolbild)

Mit einer neuen Strategie will die HPA schnellere Hilfe bei der Rettung von Ertrinkenden ermöglichen. (Symbolbild)

Foto: Marcelo Hernandez

Der 13-Jährige starb im Wasser. Nun sollen neue Schilder dabei helfen, dass die DLRG Menschen in Not schneller finden kann.

Hamburg. Rettungspunkte entlang der Elbe sollen in Zukunft schneller Hilfe bei Ertrinkungsunfällen bringen und eine wichtige Orientierungshilfe bei der Einweisung von Rettungskräften sein. Die Hamburg Port Authority (HPA) setzt damit einen weiteren Baustein bei der Wasserrettung.

Erst am Sonnabend hatte es an der Elbe einen Einsatz gegeben, nachdem ein 13-Jähriger am Anleger Teufelsbrück untergegangen war. Der Junge konnte nicht schwimmen, die Retter konnten nur noch seine Leiche bergen. Dass Kinder Nichtschwimmer sind, ist laut Heiko Mählmann, Präsident der DLRG in Hamburg keine Ausnahme. Nur etwa die Hälfte aller Grundschüler in der Hansestadt haben am Ende der vierten Klasse das bronzene Schwimmabzeichen.

Elbe: Neue Strategie für Rettung von Ertrinkenden

„Die Fähigkeit zu schwimmen und die soziale Herkunft hängen bei Kindern in Hamburg eng zusammen“, sagt Mählmann. Erhebungen an Grundschulen hätten gezeigt, dass Kinder, die in sozial gefestigten Gegenden eingeschult werden, in der Regel bereits schwimmen können. Das zeigen auch eindrucksvoll die Zahlen der Behörden, die für das Schuljahr 2019/2020 erhoben worden waren. In der Gorch-Fock-Schule in Blankenese hatten über 90 Prozent der Abc-Schützen zur Einschulung bereits das bronzene Schwimmabzeichen. Im Bezirk Mitte, zu dem auch Billstedt und Wilhelmsburg gehören, gab es sechs Schulen, in denen kein einziger Erstklässler über diese Schwimmfähigkeit verfügte.

Dieses Problem hat sich durch Corona weiter verschärft. Zwei Jahre waren die Schwimmbäder praktisch geschlossen, und jetzt gibt es einen enormen Bedarf. Bäderland, das im großen Stil Schwimmkurse für Anfänger anbietet, ist ausgebucht. Beim DLRG, der auch Schwimmkurse anbietet, ist die Situation vergleichbar. „Wir haben teilweise Wartezeiten von ein bis zwei Jahren“, so Mählmann.

Ertrinkende sind oft älter

Nicht richtig schwimmen zu können, ist nur eine Ursache für Ertrinken. Ein plötzlicher Krampf, ein Herzinfarkt oder auch Selbstüberschätzung sind Ursachen für weitere Badeunfälle. Hinzu kommt auch das plötzliche Verlieren des Bodens unter den Füßen, was vor allem in den vielen künstlichen Badeseen in Hamburg eine Rolle spielt. Hier gibt es sogenannte Abbruchkanten, wo abrupt tiefes Wasser beginnt. Kinder und Jugendliche bis 20 Jahre ertrinken vergleichsweise selten. Von den 173 im Vorjahr bundesweit gezählten Ertrunkenen sind 47 unter 20 Jahre alt gewesen. 139 Opfer waren älter als 56 Jahre.

Passiert etwas, sind vor allem DLRG und Feuerwehr gefragt. Die Feuerwehr hat rund um die Uhr eine fünfköpfige Tauchergruppe im Einsatz, die in Billstedt stationiert ist. „Unsere Taucher sind nach einer Alarmierung innerhalb von zwei Minuten auf dem Weg“, sagt Feuerwehrsprecher Tim Spießberger. Im April 2014 holten Feuerwehrtaucher an den Landungsbrücken ein fünfjähriges Mädchen aus der Elbe, das eine halbe Stunde unter Wasser war. Das Mädchen lag im Koma, aus dem es sogar erwachte – das kalte Wasser hatte seinen Stoffwechsel so weit heruntergefahren, dass so ein „Wunder“ möglich ist.

Im Sommer, wenn das Wasser wärmer ist, ist es anders. Dann zählt wirklich jede Sekunde. Die DLRG ist daher an den stark frequentierten Bade- und Wassersportorten in Hamburg im Einsatz. Am Oortkatener See, wo Rettungsschwimmer der DLRG erst am letzten Wochenende drei kleine Mädchen retteten, am Finkenrieker Hauptdeich, am Anleger Wittenbergen und an der Alster hat die DLRG Stationen eingerichtet. „Von Mai bis September sind sie freitags, 18 Uhr, bis sonntags 20 Uhr, von unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern besetzt“, so Mählmann. Am Falkensteiner Ufer ist die DLRG aus Altona im Einsatz. Sie hatte selbst Spenden generiert, um ein Kleinboot samt Trailer und Quad als Zugfahrzeug zu finanzieren.

Mählmann hält vor allem die Elbe für besonders gefährlich. „In der Elbe zu schwimmen, ist wie auf einer Autobahn spazieren zu gehen“, sagt der DLRG-Mann. „Es ist die am meisten befahrene Wasserstraße in Deutschland.“ Die Elbvertiefung habe die Situation noch einmal verschärft. „Die Strömungsverhältnisse haben sich so geändert, dass es weitere gefährliche Strudel gibt.“ Die seien selbst für sehr gute Schwimmer eine große Gefahr. „Es gibt dort regelmäßig Beinahe-Ertrinkungsunfälle“, so Mählmann.

Hamburg: Acht Menschen starben 2021 bei Badeunfällen

Deswegen sollen auch an den viel frequentierten Strandabschnitten der Elbe die Rettungspunkte eingerichtet werden. Es sind nummerierte Schilder. Ist ein Anrufer, der Hilfe rufen will, sich nicht ganz sicher, wo er ist, kann er die Nummer, deren Standort bei Polizei und Feuerwehr hinterlegt ist, durchgeben. Die Rettungskräfte wissen dann genau, wie sie am schnellsten zum Unglücksort kommen.

Trotzdem gibt es immer wieder Tote. In Hamburg starben im vergangenen Jahr acht Menschen bei Badeunfällen. Für besondere Schlagzeilen hatte der Tod eines 15-Jährigen gesorgt, der im Juni vergangenen Jahres am Falkensteiner Ufer von der Strömung mitgerissen wurde und ertrank. Sein älterer Bruder hatte kurz darauf einen Freund des Opfers niedergestochen, der als Sündenbock herhalten musste. Der 19-Jährige wurde Mitte Mai dieses Jahres zu sieben Jahren Haft verurteilt.

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