Kunsthalle Hamburg

Ein Eindruck, entscheidend für das Leben und die Kunst

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Volker Behrens
 „Strand bei Neapel“ ist in der Hamburger Kunsthalle zu bestaunen.

„Strand bei Neapel“ ist in der Hamburger Kunsthalle zu bestaunen.

Foto: IMAGO / epd

Das Kunstspiel zum Mitmachen – jeden Montag im Abendblatt. Heute: Oswald Achenbach, „Strand bei Neapel“

Ein weiter Himmel dominiert dieses Bild und macht mehr als die Hälfte des Formats aus. Blaue und graue Wolken ziehen über das Firmament hinweg, an dem man auch ein paar helle Formationen entdecken kann. Im Hintergrund thront der Vesuv. Davor fällt die Landschaft zum Meer hin ab und endet dort vor einem hell bebauten, in der Sonne leuchtendem Küstenstreifen. Am linken Bildrand erstreckt sich eine Häuserfront neben einer Uferstraße. Darauf flanieren Menschen, junge und alte, manche tragen ihre Einkäufe davon, ein Mann schultert einen großen Sack. Am Ufer sieht man Fischerboote und zwei Angler. Hinter weiteren, nah am Wasser errichteten Gebäuden ragt ein Steinwall ins Meer. An dem Tag scheint eine ruhige See zu herrschen, nur flache Wellen erreichen das Ufer.

„Strand bei Neapel“ heißt dieses Bild von Oswald Achenbach (1827–1905), das er 1877 gemalt hat. Er wurde in Düsseldorf geboren, hat dort Malerei an der Kunsthochschule gelernt, wurde später ebenda Professor für Landschaftsmalerei und starb schließlich auch in der Rheinmetropole. Kein Wunder also, dass er als Vertreter der Düsseldorfer Malerschule gesehen wurde und als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler galt. In seinen späten Werken hat er sich dem Impressionismus angenähert.

Ein reisefreudiger Künstler mit starken Düsseldorf-Bezug

Achenbach hatte neun Geschwister, seine Mutter stammte aus einer künstlerisch interessierten Familie, sein Vater war Bierbrauer, Gastwirt, betrieb eine Essigfabrik und versuchte sich als Reiseschriftsteller. Schon als Achtjähriger wurde Oswald an der Düsseldorfer Kunstakademie angenommen.

Trotz des starken Bezugs zu Düsseldorf wurde er ein ungemein reisefreudiger Künstler. Die Eindrücke, die er 1843 auf einer Studienreise nach Oberbayern und Österreich gewann, resultierten in seinen ersten bekannten Ölgemälden. Gesteigert wurde seine Naturbegeisterung noch während seiner sieben Italienreisen. Die erste davon unternahm er 1845, die dritte führte ihn 1856 zum ersten Mal nach Neapel. Er war überwältigt. „Nie vergesse ich den Eindruck, den ich empfing, als ich zum ersten Mal im Hafen von Neapel landete! Der Himmel, der Strand, das Meer, der Vesuv hatten eine Färbung, die ich nirgendwo anders gesehen. Dieser Eindruck war entscheidend für mein Leben und meine Kunst.“ Neapel und Capri zählten ab dann zu seinen bevorzugten Motiven, Turner und Courbet zu seinen Vorbildern.

Lichtverhältnisse eines der Markenzeichen des Künstlers

Es ist bezeichnend, dass er hier gleich das Licht erwähnt, denn Lichtführung bei Sonnenuntergängen, im flimmernden Licht heißer Tage oder bei nächtlichen Feuerwerksszenen zählen zu seinen Markenzeichen. Am liebsten malte er in der freien Natur. Er pflegte eine für die Zeit unkonventionelle Maltechnik, arbeitete nicht nur mit dem Pinsel, sondern trug Farbe auch dick mit dem Spachtel auf und verrieb sie mit den Fingern. Auch die Leinwandstruktur setzte er mit ein. Gern setzte er Farbschichten unterschiedlicher Pigmentdichte und Pastosität übereinander. Gerade seine späteren Bilder wirken oft reliefartig. Kritiker und Händler warfen ihm vor, nicht bei allen Teilen der Gemälde die gleiche Sorgfalt walten zu lassen, ihn interessierten nicht alle Details. Er konterte: „Ausführen? Die großen Bilder will ich gar nicht ausführen, die sind fertig, die müssen so sein.“

Zusammen mit seinem zwölf Jahre älteren Bruder Andreas nannte man die Künstlerbrüder in Anspielung an die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen auch das „A und O der Landschaftsmalerei“. Aber ihr Verhältnis zueinander soll schwierig gewesen sein. Andreas konzen­trierte sich mehr auf Marinebilder. Aber Oswald Achenbach arbeitete nicht nur als Maler, war auch Bühnendekorateur, Schauspieler und Regisseur, inszenierte Shakespeares „Sommernachtstraum“. Später sagte er einmal: „Zum Oberregisseur oder Theaterdirektor hätte ich sicher am besten gepasst.“ 1851 heiratete er Julie Arnz, das Paar bekam fünf Kinder.

Kunsthalle Hamburg: Zwei Drittel von Achenbachs 2000 Bildern sind in Privatbesitz

Das Publikum schätzte seine vielfach prämierten Arbeiten. 1854 konnte er zwei Gemälde an den englischen Prinzgemahl Albert verkaufen, die der seiner Gattin Königin Victoria zu Weihnachten schenkte. Der Preis damals: 200 Pfund. Bis heute sind seine Bilder lohnenswerte Anlageobjekte geblieben. Ein vor einer Auktion auf 150.000 Euro geschätztes Bild erzielte am Ende einen Erlös von 295.800 Euro.

Manche sahen in ihm einen Künstler, der sich wenig weiterentwickelt hatte, andere schätzen an ihm, dass er eine eigene Formensprache für tradierte Techniken gefunden hat. Etwa 2000 Bilder hat er hinterlassen, zwei Drittel sind im Privatbesitz.

Achenbach starb 1905, nachdem er einen letzten Blick auf sein Lieblingsbild, ein Porträt des Papstes Pius IX., geworfen hatte. Er war ihm in der Campagna 1857 persönlich begegnet. Der Heilige Vater hatte ihn, der als Protestant geboren wurde, aber später zum Katholizismus konvertierte, bei dieser Gelegenheit gesegnet.

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