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Klusmann: "Es ist nicht ganz ungefährlich beim 'Spiegel'"

| Lesedauer: 6 Minuten
Lars Haider
Steffen Klusmann ist Chefredakteur des „Spiegel“.

Steffen Klusmann ist Chefredakteur des „Spiegel“.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Chefredakteur Steffen Klusmann spricht über seine unauffällige Art, die Folgen der Relotius-Affäre – und die Gehälter bei dem Magazin.

Hamburg. Er ist einer der unauffälligsten und bescheidensten Chefredakteure, die es in Deutschland gibt. Dabei führt er mit dem „Spiegel“ eine der stärksten und wichtigsten journalistischen Marken, einige seiner Vorgänger waren und sind bis heute sehr präsent. Warum Steffen Klusmann es anders macht, erzählt er in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“. Ein Gespräch über das beste Jahr in der Geschichte des „Spiegel“, über normale Gehälter und das besondere Verhältnis zur „Bild“-Zeitung. Zu hören unter www.abendblatt.de/entscheider


Das sagt Steffen Klusmann über…

… seinen Weg an die Spitze der „Spiegel“-Redaktion:

„Ich war beim ,Manager Magazin‘ Chefredakteur, und bin, als mein Vorgänger Klaus Brinkbäumer gegangen ist, gefragt worden, ob ich mir vorstellen kann, Chefredakteur des ,Spiegel‘ zu werden. Ich habe lange darüber nachgedacht, weil ich das ,Manager Magazin‘ wirklich sehr gern mag. Außerdem ist es nicht ganz ungefährlich beim ,Spiegel‘, man weiß halt nie, wie lange es gut geht. Der Trackrecord meiner Vorgänger war so, dass ich dachte: Wenn du das drei Jahre überlebst, bist du gut.“

… die Affäre um den Fälscher Claas Relotius und die Folgen:

„Wir sind definitiv ein wenig demütiger geworden, und dabei hilft so eine Krise. Wenn etwas Derartiges passiert, dann geht es darum, das so aufzuarbeiten und zu heilen, dass alle sagen: Das durfte nicht passieren, aber nun ist es passiert, und wie wir damit umgegangen sind, war in Ordnung. Das Schlimmste ist, wenn man in solch einer Lage versucht, die Krise auch noch schönzureden, das wäre der GAU geworden. Das haben wir nicht gemacht, und dabei hat natürlich geholfen, dass ich als neuer Chefredakteur Claas Relotius gar nicht kannte, das war Glück im Unglück. Ich selbst habe mit der Einstellung der ,Financial Times Deutschland‘, bei der ich damals Chefredakteur war, schon einmal eine sehr schwierige Situation durchstehen müssen, auch das war hilfreich. Man weiß halt, dass man cool bleiben muss und wie wichtig es ist, den Leuten in der Redaktion die Wahrheit zu sagen.“

… die Gehälter beim „Spiegel“:

„Die Wahrheit ist, dass wir inzwischen relativ normale Gehälter bezahlen, die vergleichbar sind mit dem, was man bei anderen Magazinen oder Zeitungen verdienen kann. Das war früher anders, damals war der ,Spiegel‘ eher das Bayern München des Journalismus, wenn er jemanden haben wollte, hat er so viel Geld auf den Tisch gelegt, wie es sein musste. Inzwischen achten wir stärker aufs Gehaltsgefüge. Wir würden heute, wenn wir jemanden haben wollen, nicht mehr alles zahlen, das kann man nicht mehr machen, das wäre den Kolleginnen und Kollegen gegenüber auch nicht fair. Neue Mitarbeiter müssen vor allem Lust haben, zum ,Spiegel‘ zu kommen, weil sie die Marke gut finden.“

… seine zurückhaltende, unauffällige Art als ein Chefredakteur, der überwiegend im Hintergrund bleibt:

„Die Marke ,Spiegel‘ ist so stark, dass man als Person darauf achten sollte, hinter ihr zurückzubleiben. Das ist auch deswegen wichtig, weil so ein Chefredakteur irgendwann einmal weg ist, und dann wäre es schon ganz gut, wenn der Erfolg der Marke nicht mit dem Chefredakteur, sondern mit der Marke an sich verbunden ist. Man muss aufpassen, dass man sich da nichts vormacht: Es ist eine geliehene Autorität, wenn man auf der Visitenkarte stehen hat, dass man Chefredakteur des ,Spiegel‘ ist. Mein Job ist es nicht, mich zu optimieren, sondern alles dafür zu tun, dass es dem ,Spiegel‘ auch in zehn, 15 Jahren noch hervorragend geht. Ich sehe meine Rolle vor allem als Blattmacher, das ist das, was ich am liebsten mag und gut kann.“

… Olaf Scholz:

„Er wurde gewählt von den Leuten, weil sie wissen, dass er auch in schwierigsten Situationen cool bleibt. In einem Krieg muss man allerdings mehr erklären als unter normalen Umständen. Und das gilt auch für einen Bundeskanzler, der das nicht so gern macht und dem das nicht im Blut liegt.“

… die Konkurrenten des „Spiegel“:

„Von der journalistischen Prägung tickt am ehesten die ,Süddeutsche Zeitung‘ so wie wir, die ist zu einem harten Konkurrenten geworden. Und im Digitalen ist es Bild.de. Die sind ganz anders als wir, aber wir kämpfen natürlich um exklusive Nachrichten. Zumal ,Spiegel‘ und ,Bild‘ im Netz etwa gleich groß sind.“

… das besondere Verhältnis des „Spiegel“ zu Springer und „Bild“:

„Das Verhältnis hat eine lange Geschichte, die sich tief in die DNA der beiden Häuser eingebrannt hat. Du brauchst immer einen harten Konkurrenten, an dem du dich messen kannst, damit du besser wirst. Wenn du nur umgeben bist von irgendwelchen Freunden, entwickelt sich niemand mehr so richtig weiter. Ich kam mit Julian Reichelt, dem früheren Chefredakteur der ,Bild‘-Zeitung, übrigens immer ganz gut aus.“

… den Vorwurf, der „Spiegel“ sei auch nicht mehr das, was er einmal war:

„Wenn der ,Spiegel‘ immer das bliebe, was er einmal war, hätten wir ein Problem, ein bisschen Weiterentwicklung ist schon gut in Zeiten der digitalen Revolution.“

… den Krieg und die Pandemie und das beste Jahr in der Geschichte des „Spiegel“:

„Große Lagen sind immer große Zeiten für den ,Spiegel‘, ganz gleich, ob es Wirtschaftskrisen, Pandemie oder Kriege sind. 2021 war wirtschaftlich gesehen ein herausragendes Jahr in der Geschichte des ,Spiegel‘. Vor zwei Jahren hatten wir noch Angst, dass uns die Pandemie richtig zerreißen könnte, es ist ganz anders gekommen.“

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