Deutsches Springderby

Wie Stefan Aust im Norden einen Reiterhof vom Feinsten schuf

| Lesedauer: 9 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Vorbereitung fürs Deutsche Springderby: Josch Löhden trainiert auf dem Gestüt von Stefan Aust in Armstorf mit Balena. Im Hintergrund schaut Derbylegende Achaz von Buchwaldt (Mitte) zu.

Vorbereitung fürs Deutsche Springderby: Josch Löhden trainiert auf dem Gestüt von Stefan Aust in Armstorf mit Balena. Im Hintergrund schaut Derbylegende Achaz von Buchwaldt (Mitte) zu.

Foto: Michael Rauhe / Funke Foto Services

Der frühere „Spiegel“-Chefredakteur bereitet in Armstorf ein Derbypferd vor. Alles begann 1962 – mit den Folgen der verheerenden Flut.

Armstorf. Pulvermanns Grab schafft Balena locker. Respekt. Fast spielerisch überwindet die zehnjährige Stute jenes tückische Hindernis, dem beim Deutschen Springderby viele Reiter zum Opfer fallen. Traditionell, seit mehr als einem Jahrhundert. Auch den Graswall passiert Josch Löhden mit seinem Pferd fehlerfrei. Da könnte was gehen am kommenden Sonntag im Wettstreit um das Blaue Band.

„Ganz stark“, befindet Stefan Aust mit Kennerblick. Der Journalist, Buchautor und langjährige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ versteht eine Menge von Pferdestärken. Ebenso wie die anderen Experten an diesem Maimorgen neben ihm auf der Koppel: Volker Wulff, seit 2000 Turnierchef in Klein Flottbek, sowie der zweifache Derbysieger Achaz von Buchwaldt aus Blankenese, eine höchst vitale Legende des Springreitsports. Das Trio eint ihr Faible für Pferde.

Deutsches Springderby steht bevor – Besuch bei Stefan Aust

Von Hamburg-Blankenese, auch Austs Wohnort, zum Gestüt nach Armstorf im Landkreis Cuxhaven sind es 76 Kilometer, über Autobahnen und Landstraßen, in eineinhalb Stunden gut zu schaffen. Oder man kommt mit dem Boot über die Elbe. Hin und wieder steuert Stefan Aust seine sieben Meter lange, offene „Quick Quack“ aus den Elbvororten flussabwärts. Die Anfahrt lohnt sich in jedem Fall: Rund um ein altes Forsthaus im Wald der Lamstedter Börde hat sich Pferdenarr Aust binnen 50 Jahren einen Reiterhof vom Feinsten geschaffen. „Nach und nach entwickelte sich ein Paradies für Pferde“, sagt Rittmeister Achaz von Buchwaldt. Beide sind Freunde, seit Jahrzehnten.

Und jetzt, da das 91. Deutsche Derby am kommenden Sonntag ansteht, ist seine Grünanlage ein idealer Standort für finale Testsprünge. Nach Vorbild des Flottbeker Parcours sind neben Pulvermanns Grab und dem meterhohen Wall weitere Hürden wie in der Holsteiner Natur errichtet: Bahnschranken oder Birkenoxer zum Beispiel. Mal sehen, vielleicht schafft Josch Löhden im Sattel von Balena in den beiden Qualifikationen für das Derby ja den großen Sprung – ohne Abwurf.

Derbychef Wulff: „Wir sind heiß auf das Turnier“

„Wir sind heiß auf das Turnier“, betont Veranstalter Volker Wulff. Nach Ausfällen in den beiden vergangenen Jahren soll das sportliche Spitzenereignis, das am Mittwoch begann, noch bis Sonntag für Furore sorgen. Insgesamt werden mehr als 90.000 Zuschauer auf der Traditionsanlage unter den uralten Eichen im Flottbeker Derbypark erwartet. Die entscheidenden Prüfungen werden im Fernsehen sowie im Internet übertragen. In 44 Wettbewerben reiten mehr als 500 Pferde und Reiter aus 30 Nationen in den Parcours und ins Dressurstadion. Der Etat beträgt 3,8 Millionen, das Preisgeld 1,4 Millionen Euro.

Volker Wulff, Inhaber der Agentur En Garde in Uthlede nördlich von Bremen, ist über die Dörfer angereist, ließ Bremervörde rechts liegen. In puncto Derbyleidenschaft ziehen Wulff und Aust an einem Zügel. Man kennt und schätzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten. Als der Eventveranstalter vor 15 Jahren seinen 50. Geburtstag feierte, war Aust zur Stelle. Selbstverständlich. Umgekehrt weilte der Derbychef gut und gerne zwei Dutzend Mal auf dem 70 Hektar umfassenden Gelände des Zucht- und Ausbildungsstalls Aust. Drei fest angestellte Mitarbeiter und mehrere Aushilfen kümmern sich um aktuell 29 Pferde. Die Anlage ist picobello in Schuss.

Das Forsthaus von anno 1902 wurde gefühlvoll restauriert und erweitert. Eine 840 Quadratmeter große Reithalle, ein Sandplatz und stallnahe Paddocks und Weiden stehen für Spring- und Dressurtraining zur Verfügung. „Geerbt habe ich nichts“, sagt Stefan Aust, „sondern nach und nach Landstücke hinzugekauft.“

So schuf Stefan Aust einen Reiterhof vom Feinsten

Alles begann 1962 mit einer Kleinanzeige im „Stader Tageblatt“. Drei junge Stuten waren zu verkaufen. Stefan Austs Vater, ein Landwirt aus der Region Stade, griff zu. Während der verheerenden Sturmflut waren die fünf Kühe der Familie ertrunken. Da die Wiesen sich rasch erholten, dienten die Pferde auch zum Abgrasen. Die Scheune war in Mitleidenschaft gezogen. Die Kronen der Apfelbäume hingen voll Reet, mitgeschleppt von der Flut. Zumindest der Trecker sprang wieder an. Es ging vorwärts.

Zehn Jahre später bezogen die Austs ein in die Jahre gekommenes Forsthaus bei Lamstedt. Neuer Grund, neues Glück. In jeder Beziehung. Ein Fohlen kam krummbeinig zur Welt. „Es sah aus, als sei ein Auto seitlich reingefahren“, erinnert sich Stefan Aust. Der Name war geboren. Das Pferd hieß „Blechschaden“. Alles wuchs sich prima zurecht: Auf der Eliteauktion in Verden wurde Blechschaden später für 25.000 Euro verkauft. Daraus wuchs die Erkenntnis: Mit gut gezogenen Pferden lässt sich Geld verdienen.

Allerdings bekennt Stefan Aust heutzutage, das Ziel eines rentablen Pferdebetriebs bisher nur zweimal erreicht zu haben: durch den Verkauf eines besonders teuren Vierbeiners. Unter dem Strich bleibt es ein illustres, kostspieliges Hobby. Andererseits hat er festgestellt: „Begeisterung lässt sich mit Geld nicht bezahlen.“

Dass die Passion Pferde eint, so und so, kann Katrin, geborene Hinrichs, bestätigen. Sie stammt gleichfalls aus dem Landkreis Cuxhaven. Bei einer Jagd lernte der junge Stefan das Mädchen kennen. Es saß auf einem weißen Pony. Ein Traum. Zehn Jahre später sah man sich bei einem Tierarzt wieder. Beide sind seit einem Vierteljahrhundert verheiratet. Tochter Emilie (24) bestand in Berlin just das erste juristische Staatsexamen. Ihre sechs Jahre ältere Schwester Antonia ist in Hamburg als Filmemacherin aktiv. Beide teilen das Steckenpferd der Eltern. Sie reiten mit Leidenschaft.

Deutsches Springderby: Chef Wulff steigt nicht mehr in den Sattel

Derbychef Wulff schaut lieber zu. Seit ein paar Jahren steigt der Agrarwissenschaftler und frühere Landwirt nicht mehr in den Sattel. Zur Siegerehrung am Sonntag mit Übergabe des Blauen Bands wird er mit einer Kutsche vor die Haupttribüne gefahren. Das geübte Auge für ein gutes Pferd hat Wulff sich bewahrt. Auf der Koppel bei Aust in Armstorf wird inbrünstig gefachsimpelt. Dabei sind auch Tim-Uwe Hoffmann aus Rhade, ein Ausbilder für junge Pferde, der auch am Derbywochenende mit einem Aust-Vierbeiner an den Absprung geht, der Züchter Nico Tomfohrde aus Lamstedt sowie der selbstständige Bereiter Florian Woitscheck aus Hemmoor.

„Der Rasen federt wunderbar“, stellt Achaz von Buchwaldt am Einritt zu Pulvermanns Grab mit prüfendem Tritt fest. „Gelocht und gesandet“, sagt Stefan Aust. Seit 1968 hat der 75-Jährige kein Derby verpasst. In jüngeren Jahren gewann er im Derbypark ein Profi-und-Amateur-Springen. In der Neuzeit pflegt er „wild“ durch den Wald zu reiten. „Hört sich gut an“, befindet Volker Wulff – mit Blick auf das federnde Gras.

Mit Balena hat Aust eine Kandidatin fürs Derbyfinale

Und mit Fingerzeig auf Balena meint Aust: „Ich glaube, die kommt ins Derby­finale.“ Während Pferdebetreuerin Petra die Stute zurück Richtung Transporter führt, öffnet Pferdewirtschaftsmeisterin Traudl das Gatter zur großen Koppel backbords der Reithalle. Diese ist aus Douglasien gezimmert, die auf dem Grundstück stehen. Die Samen der Bäume wurden vor mehr als einem Jahrhundert gesät. Aus Kanada importiert, mit als Erste hierzulande.

Aust und Wulff weiden sich am Anblick der natürlichen Idylle. Die sattgrüne Weide wird eingerahmt von Holzzäunen. Gestütschef Aust legte mit Helfern selbst Hand an. Vor sechs Jahren wurde dahinter ein zwei Meter hoher Maschendraht 50 Zentimeter tief ins Erdreich gegraben. Kilometerlang. Grund sind Wölfe in der Börde. Ein großes Tier lauerte vor dem Forsthaus. Im Wald nebenan wurde eine Wölfin mit drei fast ausgewachsenen Jungen gesichtet. Besonders zum Schutz der Pferde und Fohlen musste man zur Tat schreiten.

Austs Zucht basiert auf Hannoveranern. Zwei Pferde sind besonders neugierig. Die vierjährige Schimmelstute Cornelie und die ein Jahr ältere Camaara nähern sich im Trab, kommen schließlich im Schritt näher. Interessiert schnüffeln sie an den Jackenärmeln der Besucher. Vertrauen basiert auf Instinkt. Und, wer weiß, vielleicht gewinnt einer ihrer Abkömmlinge eines Tages das Deutsche Derby in Klein Flottbek. Die Abstammung aus dem Gestüt Aust in Armstorf bürgt für Qualität.

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