Wohnung Hamburg

Wohnungsbau-Debatte: Harter Kampf um das Diekmoor

| Lesedauer: 5 Minuten
Johannes Kramer
Für das Diekmoor kämpfte erst die Bürgerinitiative „Rettet das Diekmoor“, jetzt die Volksinitiative „Rettet Hamburgs Grün – Klimaschutz jetzt“.

Für das Diekmoor kämpfte erst die Bürgerinitiative „Rettet das Diekmoor“, jetzt die Volksinitiative „Rettet Hamburgs Grün – Klimaschutz jetzt“.

Foto: Andreas Laible

Die Grünfläche soll bebaut werden – doch nun gibt es heftige Proteste beim Auftaktforum zur Bürgerbeteiligung in Langenhorn.

Hamburg. Die letzten Worte waren am späten Dienstagabend einer der Jüngsten in der Versammlung vorbehalten. Die 20-jährige Gesa Marieke Biehl machte mit einem emotionalen Plädoyer deutlich, worum es bei der Debatte zur Bebauung des Langenhorner Landschaftsschutzgebietes Diekmoor im Kern geht: die Zukunft ihrer und der nachfolgenden Generationen.

„In sieben Jahren möchte ich vielleicht daran denken, mal Kinder zu bekommen. Aber dann werden wir das Ziel von einer Erderwärmung um 1,5 Grad erreicht haben. Dass zu wissen und jetzt zu sagen: ‚Wir reißen ein Naturschutzgebiet ab, um da Wohnungen hinzubauen‘, finde ich so eine Frechheit“, sagte die Tischler-Auszubildende und fügte an: „Ich würde mich schämen, wenn ich diejenige gewesen wäre, die das beschlossen hätte. Meine Generation und ich müssen ausbaden, was Sie für uns verkacken.“ Das abschließende „vielen Dank“ ging im tosenden Applaus der vielen anwesenden Umweltschützer unter.

Wohnung Hamburg: 700 Wohnungen sollen im Diekmoor entstehen

Das Auftaktforum in der Stadtteilschule Heidberg war der Beginn der Bürgereinbindung für das Projekt „Rahmenplanung Diekmoor“. Wie berichtet, sollen im Bezirk Hamburg-Nord im derzeitigen Landschaftsschutzgebiet Diekmoor 700 Wohnungen entstehen, davon über die Hälfte öffentlich gefördert. Am Dienstagabend wurden zunächst die grundsätzlichen Planungen präsentiert.

Schon im Vorfeld war die Versammlung von Projektgegnern kritisiert worden. „Die heutige Veranstaltung ist eine reine Informationsveranstaltung und keine Bürgeranhörung“, sagte Michael Heering, von „Rettet das Diekmoor“. Die Bürgerinitiative hatte sich vor Versammlungsbeginn auf dem Schulhof platziert und für den Erhalt der Moorlandschaft, die derzeit von Kleingartenvereinen genutzt wird, demonstriert.

Diekmoor: Veranstaltung auch per Livestream übertragen

Auf Unmut gestoßen war auf Seite der Umweltschützer vor allem, dass für die Teilnahme am Auftaktforum eine Anmeldung erforderlich und die 150 Plätze in der Schulaula schnell vergeben waren. Um dem großen Interesse Rechnung zu tragen, wurde die Veranstaltung auch per Livestream übertragen.

Die Regelung sei in Absprache mit dem Bezirksamt Nord getroffen worden, um den Teilnehmern eine gute Übersicht zu gewährleisten und die Pandemie-Lage zu berücksichtigen, wie Moderatorin Anette Quast vom Verein „Tollerort“, der für die Kommunikation rund um das Bebauungsplanverfahren verantwortlich ist, erklärte. Eine Aussage, die von den rund 100 Demonstranten mit Gelächter quittiert wurde.

"Wohnungsbau auch humanitäre Aufgabe"

Insgesamt herrschte während der Veranstaltung eine hitzige Atmosphäre. Die Vorträge der Redner wurden regelmäßig durch Zwischenrufe und hämischen Beifall unterbrochen. „Mir ist völlig klar, dass die geplante Bebauung vor allem für die betroffenen Kleingärtner ein harter Schlag ist“, gab Michael Werner-Boelz zu. Der Leiter des Bezirksamtes Nord betonte aber auch: „In diesen Zeiten ist Wohnungsbau auch eine humanitäre Aufgabe. Das Diekmoor ist die letzte Potenzialfläche, die wir in Hamburg-Nord haben.“

Auch zu diesem Thema wurde Gesa Marieke Biehl konkret. Sie bemängelte, dass in dem Baugebiet lediglich 60 Prozent der Wohnungen gefördert werden sollen. „Wenn Sie schon für Wohnraum sorgen, dann wenigstens für Menschen die wie ich in einer Ausbildung im Handwerk sind und dementsprechend fast kein Geld haben. Was aber wahrscheinlich passieren wird, ist, dass Sie aus den restlichen 40 Prozent Eigentumswohnungen machen werden.“

"Wohnungsbau muss nachhaltig sein"

Das grundsätzliche Vorhaben, Wohnräume zu schaffen, unterstützt auch Michael Heering. „Wir befürworten Wohnungsbau. Er muss aber nachhaltig sein.“ Wichtig sei ihm vor allem der Erhalt der Biodiversität in dem Landschaftsschutzgebiet. „Das Diekmoor hat eine hohe klimaökologische Bedeutung für das Stadtviertel. Es ist nicht so, dass wir das unter den Tisch fallen lassen wollen“, sagte Landschaftsarchitektin Franziska Brauns, die an der Präsentation beteiligt war.

Im Anschluss an die Vorträge hatten die Beteiligten für eine weitere Stunde die Möglichkeit für Wortbeiträge. „Die Frage, ob das Diekmoor bebaut werden solle, stellt sich gar nicht mehr. Das finde ich schade. Ich dachte, dafür gebe es die Bürgerbeteiligung“, sagte ein Teilnehmer. „Über das ,ob‘ gibt es aus unserer Sicht nichts diskutieren, langfristig aber über das ,wie‘“, erwiderte Maike Schwarz-Müller vom Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung“. „Wir haben zu Beginn dieses Verfahrens die Spielregeln geklärt. Die Frage, ob gebaut wird, wird nicht mehr im Bezirk entschieden, sondern auf Landesebene“, ergänzte Werner-Boelz, der den Senat für das Bauvorhaben um Weisung gebeten hatte – und dadurch zur Realisierung verpflichtet ist.

Stadtentwicklung: Bündnis strebt Volksbegehren an

„Das werden wir verhindern“, sagte Joachim Lau, Initiator der 2021 gebildeten Volksinitiative „Rettet Hamburgs Grün - Klimaschutz jetzt“. Das Bündnis, das gegen die Bebauung von mehr als einem Hektar großen Grünflächen ist, strebt daher ein Volksbegehren an. Kommen vom 5. bis 25. September 2022 mindestens 60.000 gültige Unterschriften zusammen, wäre die Voraussetzung für einen Volksentscheid erfüllt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg