Hamburg

Ältester Paternoster der Welt am Rödingsmarkt entdeckt

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Cordes
Kunsthistoriker Robin Augenstein in einer Kabine des wohl ältesten Paternosters der Welt in Hamburg.

Kunsthistoriker Robin Augenstein in einer Kabine des wohl ältesten Paternosters der Welt in Hamburg.

Foto: Marcus Brandt/dpa

Kunsthistoriker Robin Augenstein stieß auf den vergessenen Fahrstuhl – bald kann der historische Aufzug wieder fahren.

Hamburg. Die Geschichte um die Wiederentdeckung des wohl ältesten Paternosters der Welt beginnt fast wie ein „Indiana Jones“-Abenteuerfilm: Vor vier Jahren entdeckt ein junger Kunsthistoriker mehr oder weniger zufällig bei Recherchen zu einer Uni-Vorlesung ein Stück imposanter Fahrstuhlkultur. Der Doktorand Robin Augenstein stößt in einer Publikation auf einen alten Bauplan des Hamburger Flüggerhauses am Rödingsmarkt, eines historistischen Kontorbaus mit Jugendstilanklängen von 1908. Und entdeckt damit auch einen seit mehr als vier Jahrzehnten hinter einer Verschalung versteckten uralten Paternoster wieder.

Aufgeregt sucht der damals 28-Jährige sofort Kontakt zum Mieter des Gebäudes und zum Denkmalschutzamt – und kann die zuständigen Leute von seiner Idee überzeugen. „Dann sind wir mit Taschenlampen runter in den Keller gestapft und standen plötzlich vor diesen Zahnrädern“, erinnert sich Augenstein mit noch immer spürbarer Begeisterung.

Weltweit ältester Paternoster befindet sich in Hamburg

Denn allein die urige Mechanik im Sechs-Etagen-Haus in Hafennähe wirkt geradezu sagenhaft. Durch sein Engagement ist ein vergessener Paternoster aus seinem Dornröschenschlaf geweckt worden. Und der gilt nun nach seiner Instandsetzung und Restaurierung als der wohl weltweit älteste original erhaltene Personen-Umlauf-Aufzug.

Stets schön in Schwung zu bleiben ist der Daseinszweck eines Personen-Umlauf-Aufzugs. Ohne Unterlass über die Stockwerke eines Gewerbe- oder auch Amtsgebäudes zu rotieren, damit Nutzer jederzeit problemlos zu- und aussteigen können. Geschmeidig gleiten soll dieser Aufzug wie ein Rosenkranz über die Hand von Gläubigen – darum nennt man ihn auch Paternoster („Vaterunser“).

Circa 20 Paternoster in ganz Hamburg

Zehn elektrobetriebene Zahnräder aus massivstem Stahlguss, eines davon gut 1,50 Meter hoch, bilden die Grund­lage für ein System mit zwei dicken, bis ins Obergeschoss parallel laufenden Ketten. An ihnen hängen 14 Kabinen für je zwei Personen aus auf Mahagoni gebeiztem Weichholz. Daraus bestehen auch die dezent ornamentierten Zugangsumrahmungen auf den Etagen.

„Hier handelt es sich eher um ein Standardmodell, aber es ist ein besonders schönes und in der Bauform in Deutschland einmaliger Paternoster“, erklärt Augenstein, dessen Promotionsthema der Denkmalwert alter Aufzüge ist. Und er merkt an: „Die meisten der etwa 20 Paternoster, die in Hamburg noch lauffähig sind, haben nicht mehr ihren ursprünglichen Zustand. Oft wurde massives Holz wie Eiche, Mahagoni oder auch Weichholz durch Kunststoff ersetzt. Wodurch Charme und Denkmalwert verloren gehen.“

Kosten: mehrere Hunderttausend Euro

Als ältester erhaltener Paternoster der Welt läuft der Aufzug des Flügger­hauses nun dem des Wiener Hauses der Industrie von 1910 den Rang ab. Da fügte es sich, dass inzwischen ein Investor, Signa Real Estate, das alte Kontorgebäude gekauft hatte und renovieren ließ. Die Firma war bereit, in Zusammenarbeit mit Behörden und Prüfinstituten auch die Wiederherstellung des Paternosters zu veranlassen. Und die Kosten von einigen Hunderttausend Euro zu tragen. So können künftige Mieter, Mitarbeiter und Besucher im Haus nicht nur ein urtümliches Fahrgefühl, sondern auch die Schönheit des mit Majolika-Fliesen ausgekleideten Treppenhauses genießen.

Für die Arbeiten wie den im Januar durchgeführten Ausbau der Kabinen, ihren Wiedereinbau sowie die Restaurierung aller Teile holten die Hamburger eine Spezialfirma aus der Nähe von Stuttgart mit ins Boot. „Zunächst haben wir die Holzverkleidungen ausgebaut, um Verschleiß, Korrosion und schlecht reparierte Teile festzustellen“, sagt deren junger Chef Patric Wagner. „Bei der Gelegenheit haben wir dann doch sämtliche Kabinen herausgenommen. Fünf Mann waren dafür notwendig – mit elektrischen Kettenzügen und viel Präzisions- und Gefühlsarbeit.“

Um etwa die vernieteten Gusskränze der hölzernen Gondeln zu entfernen, habe man selbst die teuersten kobaltbeschichteten Bohrer stumpf werden lassen. Ein 40-Tonner beförderte die Kabinen anschließend nach Stuttgart, wo sie auf die Richtbank gestellt wurden.

Fachkräfte korrigierten, was sich im Laufe der Zeit verzogen hatte, und stellten die Fahrgastzellen in ein chemisches Entlackungsbad. Unter vielen Farbschichten kam dabei noch eine Gebrauchsmusternummer des Deutschen Patent- und Markenamts zutage. Dann wurden die Kabinen sandgestrahlt, nachgeschweißt, grundiert und neu lackiert.

Paternoster-Fans müssen auf besonderen Tag warten

Ihr Wiedereinbau in Hamburg begann Ende Februar, nachdem die Zahnräder und Ketten vor Ort generalüberholt waren. „Die sind unglaublich kompakt und massiv gebaut. Und bei regelmäßiger Wartung auch in Zukunft nicht kaputt zu kriegen“, schwärmt Wagner, ein gelernter Maschinenbauer. Im September wird dann alles fertig sein.

Heute sind in Deutschland noch rund 200 der 1875 in London erfundenen Paternoster in Betrieb. Der im Flügger­haus wird aber nicht zum Hotspot für Paternoster-Fans werden. Allein Fahrten an einem „Tag des offenen Denkmals“ stellt der Eigentümer in Aussicht. Aufgrund amtlicher Bestimmungen müsste sich jeder Benutzer dann eine Einweisung in das richtige Fahrgastverhalten gefallen lassen. Dabei dürfte jedoch kaum noch gelten, was ein Metallschild an der Holzverkleidung besagt: Die Geldstrafe bei Zuwiderhandlung müsse in Goldmark gezahlt werden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg