Hamburger Zuhör-Kiosk

Gegen die Einsamkeit: Diese Bänke laden zum Schnacken ein

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Christoph Busch ist Gründer des Zuhör-Kiosks, der die „Geselligen Bänke“ ins Leben gerufen hat.

Christoph Busch ist Gründer des Zuhör-Kiosks, der die „Geselligen Bänke“ ins Leben gerufen hat.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Auf den „Geselligen Bänken“ im Eimsbütteler Park können Menschen Platz nehmen, die nicht alleine sein wollen. Über das Projekt.

Hamburg.  Wer an diesem Donnerstagvormittag durch den Park am Weiher läuft, erlebt einen Hamburger Frühlingstraum. Die Sonne strahlt, die Temperaturen sind mild, überall blüht und gedeiht es. Im Park gibt es aber auch etwas Neues zu sehen – die „Geselligen Bänke“. Aktuell gibt es zwei Exemplare. Die Bretter sind moosgrün lackiert. Auf der Lehne steht in großen weißen Buchstaben: „Setzen sie sich gerne dazu.“

Die „Geselligen Bänke“ sind ein Projekt vom Hamburger Zuhör-Kiosk. Gegründet wurde der gemeinnützige Verein von Christoph Busch: Der Drehbuchautor hatte 2018 den leer stehenden Kiosk in der U-Bahn-Station Emilienstraße gemietet, um dort an seinen Geschichten zu schreiben.

Eimsbüttel: Neue Bänke laden zum Schnacken ein

Weil er sich In­spirationen von den vorbeilaufenden Passanten erhoffte, brachte er ein Plakat mit der Aufschrift „Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal“ an. Das Angebot erfreute sich schnell so großer Beliebtheit, dass der 75-Jährige bald nur noch mit Zuhören statt mit Schreiben beschäftigt war.

„Als Autor habe ich immer nach Informationen gesucht. Dann habe ich gemerkt, dass auch das reine Zuhören ziemlich spannend ist“, sagt er. „Mit den Besuchern entsteht meistens eine besondere Nähe. Dann ist man wie ein fremder Freund.“ Die Geschichten handeln laut Busch oft von Sorgen und Nöten, manchmal aber werden auch nur kleine Anekdoten erzählt. Mittlerweile verfügt der Zuhör-Kiosk über ein Team aus 15 ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die immer ein offenes Ohr für die Besucher haben.

Idee entstand durch Gespräch im Kiosk

Auch die Idee für die „Geselligen Bänke“ hatte sich bei einem der Gespräche im Kiosk ergeben. „Eine Besucherin erzählte, dass sie gerne mit Menschen ins Gespräch käme. Wenn sie aber auf einer Parkbank Platz nehme, würde sich meist niemand dazu setzen, um nicht aufdringlich zu wirken“, erklärt Initiatorin Beate Brockmann.

Mit Genehmigung des Bezirksamts Eimsbüttel wählte die Mitarbeiterin des Zuhör-Kiosks die Bänke aus und ließ sie von der Malerabteilung des Berufsförderers Alraune gGmbH lackieren und beschriften. Für die Grundfarbe Moosgrün entschied sich Brockmann in Anlehnung an die Farbe des Zuhör-Kiosks.

"Gesellige Bänke": Gespräche sind nicht verpflichtend

Sich auf die Bank zu setzen, bedeute aber nicht zwangsläufig, mit anderen Personen reden zu müssen, betont Christoph Busch: „Die Einladung steht nur auf der rechten Hälfte der Banklehne. Wer allein bleiben möchte, setzt sich einfach vor die Schrift. Wer sich aber neben die Einladung setzt, signalisiert so die Bereitschaft, mit anderen die Bank zu teilen. Nach einem freundlichen Nicken ergibt sich vielleicht ein kleines Gespräch.“

Einen großen Unterschied zu den Besuchen im Kiosk sieht Busch vor allem in der Spontanität: „Die Menschen, die in den Kiosk kommen, bereiten sich meistens auch darauf vor. Wenn sich zwei Personen auf einer Parkbank treffen, kann es auch ein absolut unverfängliches Gespräch sein.“

"Einsamkeit herrscht in allen Altersgruppen"

Eine genaue Zielgruppe für das Projekt gibt es nicht. Jung und Alt sind auf den Bänken willkommen. „Es ist ein Klischee, dass sich zumeist alte Menschen alleine fühlen. Statistiken zeigen, dass Einsamkeit in allen Altersgruppen herrscht“, sagt Busch.

Könnten die „Geselligen Bänke“ womöglich auch eine Alternative zu Internet-Dating-Apps wie Tinder sein? Busch: „Ich finde, das ist ein interessanter Vergleich. Bei Tinder muss man allerdings keinen Mut haben, um auf eine Person zuzugehen und ein Match zu bekommen. Hier sollte man schon ein bisschen entschlossener sein und sich ein Herz fassen.“

Hamburger Zuhör-Kiosk: Gespräche sind anonym

Wünschen würde er sich, dass es irgendwann mehrere „Gesellige Bänke“ in Hamburg gäbe und dass Menschen durch das Projekt lernen, öfter einfach mal aufeinander zuzugehen: „Man könnte auch sagen, dass es eine Ermutigungsbank ist. Wenn sie wirklich dazu beitragen sollte, dass Leute, die normalerweise alleine gesessen hätten, ein Gespräch anfangen, wäre das toll.“

Der Zuhör-Kiosk in der U-Bahn-Station Emilienstraße hat an Werktagen von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Gespräche sind kostenlos und können anonym geführt werden. Informationen gibt es unter: zuhör-kiosk.de

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