Erziehungstipps

Wieso Schamgefühle bei Doktorspielchen nichts verloren haben

| Lesedauer: 6 Minuten
Hajo Schumacher und Katrin Hinrichs sprechen in ihrem Podcast „Ich frage für einen Freund“ über Sex.

Hajo Schumacher und Katrin Hinrichs sprechen in ihrem Podcast „Ich frage für einen Freund“ über Sex.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Sexualtherapeutin Hinrichs über falsche Tabus, die Sex Revolution und weshalb Sie die eigene Scham für Ihre Kinder überwinden sollten.

Hamburg. Bei dem einen geht es um Rechtsmedizin und Kriminalfälle, bei dem anderen um unser aller Sexualleben. Immer im Wechsel finden Sie an dieser Stelle das Beste aus zwei unserer erfolgreichsten Podcasts. Heute das Thema bei „Ich frage für einen Freund“, dem Sex-Podcast für Erwachsene: die Aufklärung junger Menschen.

Moderator Hajo Schumacher und die Hamburger Sexualtherapeutin Katrin Hinrichs haben das Thema auf die Agenda gesetzt, weil sich offenkundig viele Erwachsene in sexueller Hinsicht nicht als richtig aufgeklärt erweisen. „Das Internet ist wahrscheinlich die größte Aufklärungsmaschine, die die Menschheit jemals erlebt hat“, sagt Schumacher, der selbst noch Zeiten kennt, in denen Aufklärung vorrangig durch Jungs- und Mädchen-Gespräche auf dem Schulhof stattgefunden hat.

Erziehungstipps: Schamgefühl solle nicht vererbt werden

„Im Web ist doch alles mit drei Klicks zu erfahren, warum kommt das bei den Menschen denn nicht an?“ Hinrichs antwortet: „Ich habe ja oft mit einer Generation zu tun, die jung war, als es das Internet noch nicht gab. Früher wurden Schamgefühl und Sexualität schon sehr stark von der Familie geprägt, da hat sich manches von einer Generation in die andere vererbt.“

Doch komme noch etwas hinzu, nämlich die Frage, wann und wie man mit Kindern der heutigen Generation über Sexualität rede. Wenn die schon haufenweise Pornos im Netz geguckt haben, sei es eigentlich zu spät, denn dann setze sich bereits ein völlig falsches Verständnis und Rollenbild im Kopf fest, betont Hinrichs. „Schon einen Tag nach der Geburt ist der Mensch ein sexuelles Wesen. Berührungen, Emotionen, Liebe – das hat alles etwas mit Aufklärung zu tun. Und auch Eltern sind sexuelle Wesen, die sollten sich nicht immer vor ihren Kindern verstecken, wenn sie sich küssen.“

Kindern fehle oft die Aufklärung

„Das heißt in deiner Wahrnehmung also: Hast du nie frühe Berührungen erlebt, die natürlich noch nicht sexuell waren, hast du auch nie gelernt, Nähe und Zärtlichkeit zuzulassen?“, fragt Schumacher. Hinrichs bestätigt und ergänzt: „Ich merke Menschen, die in meine Praxis kommen, schnell an, ob bei denen zu Hause früher gleich umgeschaltet wurde, wenn im Fernsehen mal eine Sexszene kam, und ob dort über Sexualität mal gesprochen wurde oder nicht.“

Dabei sei es das Natürlichste der Welt, Kindern nicht nur zu erklären, wofür ein Ohr gut ist oder eine Nase, sondern auch, was den Penis von der Vulva unterscheidet. „Aber das passiert oft nicht.“

„Frühsexualisierung“ als Kampfbegriff

Er und Hinrichs seien aufgewachsen in einer Zeit der sexuellen Revolution und der freien Liebe, sagt Schumacher, der nicht ganz nachvollziehen kann, wo das Problem überhaupt herkomme. Er stelle aber tatsächlich nun vermehrt fest, dass insbesondere Rechtskonservative das Schlagwort „Frühsexualisierung“ zum Kampfbegriff erhoben haben, nicht nur bei uns, sondern auch in Amerika zum Beispiel.

„Sex ist da plötzlich schamhaft und schmutzig.“ Ihr mache das Angst, sagt die Sexualexpertin, „ich finde das schrecklich“, wenn in der Schule höchstens mal über Kondome und die Hydraulik des Penis geredet werde und ansonsten verschreckte Biologielehrerinnen mit rotem Kopf auf altbackene Schnittzeichnungen der Anatomie verweisen.

Appell an die Eltern: Kinder richtig ans Thema Sex heranführen

„Ich kann Eltern nur sagen: Bitte die rosarote Brille vom Kopf nehmen. 95 Prozent der Jugendlichen gucken sich Pornografie an“, sagt Hinrichs. „Warum lässt man dann Kinder nicht frühzeitig gut gemachte Aufklärungsfilme gucken, mit denen sie wirklich etwas lernen können?“

Dann kommt Hinrichs auf die verschiedenen Epochen der Sexualisierung zu sprechen. Nach der Verbotsmoral und der sexuellen Revolution der 1968er kam die Verhandlungsmoral und nun die Gebotsmoral, die sie mit Sorge betrachte. „Kinder sehen im Internet, was sie angeblich sexuell bringen sollten. Junge Mädchen fragen mich dann, ob sie es sich wirklich gefallen lassen müssen, dass sie beim Sex gewürgt werden oder geschlagen, ob sie Analsex zulassen dürfen oder nicht.

Höchstleistungsklischee vs. persönliche Realität

Darüber reden wir heute, Hajo – nicht über Dr. Sommer von der ,Bravo‘ oder nackte Brüste in der ,Praline‘ wie früher.“ Schumacher verweist darauf, dass ja auch andere Bilder im Internet mit der persönlichen Realität oft wenig gemein haben, etwa beim Fußballgucken oder manchen Stunts.

Wenn man dann trotzdem versuche, einem Höchstleistungsklischee gerecht zu werden, seien Enttäuschungen und Blockaden programmiert. Hinrichs: „Manche Jungs kommen deshalb zu früh oder gar nicht, und viele Mädchen haben Schmerzen statt Spaß.“

Erziehungstipp: Keine Tabus für Doktorspiele

Umso wichtiger findet Hinrichs, dass Kinder nicht durch Tabus davon abgehalten werden, schon in der Kita mal Doktorspiele zu machen, wenn keine Erwachsenen in der Nähe sind, nur so würden sie herausfinden, was sich gut anfühle und was nicht.

„Eltern, die sofort aufschreien, wenn sie so was mitkriegen, betrachten das aus der Sicht der Erwachsenensexualität – und verkennen, dass Kindersexualität etwas ganz anderes ist und auch ganz natürlich.“ Im Übrigen seien Kinder, die so aufwachsen, auch besser in der Lage, zu erkennen, wenn mit pädophilen Erwachsenen plötzlich etwas „komisch“ läuft.

( HA )

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