Geflüchtete in Hamburg

„Wir sind hier, unsere Gedanken in der Ukraine“

| Lesedauer: 8 Minuten
Tanja Yuferieva
Tanja geht mit ihrer Tochter Rita gern an den Kanälen der Stadt spazieren. Das Plätschern des Wassers wirkt auf sie beruhigend.

Tanja geht mit ihrer Tochter Rita gern an den Kanälen der Stadt spazieren. Das Plätschern des Wassers wirkt auf sie beruhigend.

Foto: THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Tanja ist mit ihren Kindern vor dem Krieg geflüchtet. Hier schreibt sie, wie es ist, sich ein neues Leben aufbauen zu müssen.

Hamburg.  Stellen Sie sich vor, Sie müssen Ihre Wohnung verlassen, in der Sie seit zehn Jahren leben, und jeder darf nur einen Rucksack mitnehmen, weil Koffer zu viel Platz einnehmen würden. Eine Freundin, die drei Tage zuvor aus Winnyzja floh, warnt mich, dass Koffer auf dem Bahnsteig stehen gelassen werden, weil die Züge stark überfüllt sind.

Als wir den Bahnhof in Lwiw erreichen, stehen wir in einer unvorstellbar langen Schlange. Sie ist fünf Meter breit und reicht 150 Meter weit. Alle drei bis fünf Stunden rückt die Schlange zehn bis 15 Meter vorwärts – immer wenn ein Zug zum Einstieg bereitsteht. Freiwillige Helfer aus der Stadt versorgten die Wartenden mit Essen und Trinken, bringen gelegentlich Familien mit kleinen Kindern an den Kopf der Schlange. Endlich, nach fünf Stunden Anstehen, dürfen auch wir nach vorn – meine neunjährige Tochter Rita, mein 17 Jahre alter Sohn Maksym und ich.

Flüchtlinge in Hamburg: Alle wollen gen Westen

Im Zug finden wir einen Sitzplatz. Andere bieten an zu stehen, schließlich kann die Reise ins 90 Kilometer entfernte Polen nicht so lange dauern. Doch am Ende werden es 20 Stunden Fahrt. Einige Menschen schlafen im Stehen. Alle Menschen wollen gen Westen, die Evakuierungszüge stehen im Stau.

Wieder werden wir von Freiwilligen im Zug versorgt. Ihre Freundlichkeit gibt uns nicht nur Nahrung für den Magen, sondern auch für die Seele! Sie sind nicht gleichgültig gegenüber menschlicher Not, sondern helfen einfach – ohne Gegenleistung oder Berechnung, einfach nur, weil sie die Not sehen. Das berührt mich sehr und macht mich dankbar.

Freiwillige unterstützen ankommende Flüchtlinge

Als wir endlich die polnische Grenzstadt Przemysl erreichen, helfen wieder Freiwillige, unsere Rucksäcke zu tragen, führen uns zur Zollkontrolle und versorgen uns mit heißen Getränken und nützlichen Informationen. Sprachbarrieren gibt es hier nicht. Denn die Sprache des ehrenamtlichen Engagements ist international und machtvoll. Gestärkt steigen wir in den nächsten Zug nach Prag und dann weiter über Berlin nach Hamburg. Dieser letzte Zug heißt bei uns „Zug nach irgendwo“, denn wir haben keine Vorstellung von unserem Ziel.

Wir wissen nur, dass wir nach Deutschland wollten, in die ursprüngliche Heimat meiner Urgroßmutter Berta Avgustovna Rozin, einer gebürtigen Deutschen. Berlin als größte deutsche Stadt hat bereits viele Kriegsflüchtlinge aufgenommen und ist mir zu laut und hektisch, so entscheiden wir uns für Hamburg. Aber wir wissen nicht, was uns erwartet.

Junges Paar in Hamburg gewährt Unterkunft

Die Unsicherheit wächst, die Nerven sind gespannt. Wo werden wir schlafen? Ich sage mir: Bleib ruhig, nette Menschen werden uns helfen. Und genau so kommt es. Ich suche in Internetforen etwas, wo wir unterkommen können. Und so kommen wir in Kontakt mit einem jungen Paar aus Hamburg, das bereit ist, uns seine Türen zu öffnen.

Ich kann es kaum glauben: Fremde sind bereit, sich von der Arbeit freizunehmen, uns am Bahnhof abzuholen und uns eine Unterkunft anzubieten. Ich bin voller Bewunderung über die Größe der Seele ganz normaler Menschen. Andreas und Isa haben ihr Arbeitszimmer zu einer Unterkunft für uns drei umgestaltet. Hier könnten wir endlich friedlich schlafen.

Schreckliche Videos aus der Ukraine

Doch daraus wird nichts. Vor dem Insbettgehen lese ich Nachrichten über den Krieg zu Hause, diese Hölle, und ich verstehe, dass es immer schlimmer wird in der Ukraine. Ich schaue mir schreckliche Videos an. Die Bilder bleiben hängen, ich weine ins Kissen und ermahne mich selbst, ruhig zu sein, weil ich morgen fit sein muss, um den Alltag zu bewältigen, die Kinder zu versorgen und unter den neuen Bedingungen ins Leben zurückzufinden. Immerhin ist der Himmel hier friedlich.

Hamburg ist sehr gut zu uns. Wir schauen uns um, lassen uns registrieren. Am Tag vor meinem Geburtstag bekomme ich die erste finanzielle Unterstützung ausgezahlt – es ist wie ein Geschenk der Stadt an mich. Jetzt haben wir Muße zu sehen, wie schön Hamburg ist mit seinen vielen Kanälen. Wir spazieren stundenlang an den Ufern entlang und über Brücken. Ich höre das Plätschern des Wassers und die Schreie der Möwen. Die beeindruckende Stadtlandschaft wirkt beruhigend, öffnet die Tore zu Frieden und Harmonie.

Hamburg öffnet sein Tor zur Welt

Aber das ist nicht das Wichtigste, um mich zu erholen. Das sind die freundlichen Menschen, unsere ersten Gastgeber Isa und Andreas und ihren Freunde, Nachbarn und Verwandten. Eine Frau von nebenan bringt uns selbst gemachtes Gebäck und Geschenke für Rita. Das Nachbarkind Nora malt ihr ein Bild mit der ukrainischen Flagge und einem Willkommensgruß. Wir gehen mit dem Hund unserer Gastgeber spazieren, helfen im Haushalt – ich bin so dankbar, dass ich ihnen etwas zurückgeben möchte.

Balu, ein Freund von Andreas, kommt zu Besuch und schenkt den Kindern Sweatshirts mit der Aufschrift „Hamburg“ und Geld für Turnschuhe. Auf einer Karte dazu schreibt er: „Ihr sollt wissen, dass Ihr nicht allein seid! Wir sind an Eurer Seite. Inga, Dorian, Balu.“ Meine Gefühle fließen über. Danke für eure große Freundlichkeit! Hamburg öffnet sein Tor zur Welt, die Bewohner ihre Herzen für die Menschen, die gezwungen sind, vor dem Krieg zu fliehen.

Junge Frau aus Odessa suchte Unterkunft

Nachdem wir zehn Tage bei diesem Paar in Altona leben, wird es in dem Zimmer, das wir uns zu dritt teilen, etwas eng. Und wieder gibt es einen Wendepunkt in unserem neuen Leben. Er bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass Gutes, das man gibt, wie ein Boomerang zu einem zurückkommt. Wir sind im Ankunftszentrum in Rahlstedt; es ist voll, viele Menschen warten.

Ich spreche mit einer jungen Frau aus Odessa, die keine Unterkunft für sich und ihr Kind hat und die Nacht in einem überfüllten Aufnahmelager verbringen muss. Ich will ihnen unbedingt helfen, durchsuche das Internet nach Angeboten, und zwei Stunden später kommen ihre neuen Gastgeber und holen sie ab. Nachdem ich ihr geholfen habe, kommt ein Mann auf uns zu und bietet uns zwei geräumige Zimmer mit eigenem Bad in der Wohnung seiner Familie an.

Flüchtlinge in Hamburg: Gedanken sind bei der Familie

So finden wir uns wenig später bei einer neuen Familie, bei Insa und Stefan wieder. Vom ersten Tag an fühlen wir uns zu Hause. Deutsche wissen wenig über meine Heimat, und ich will ihnen zeigen, wer wir Ukrainer sind. Alle Mitglieder unserer neuen Familie sind sehr beschäftigt, Insa als Journalistin, Stefan als Geschäftsmann. Also übernehme ich das Kochen und versuche, mich so nützlich zu machen, wie es geht. Ich will, dass meine neuen Freunde unsere traditionellen ukrainischen Gerichte kennenlernen – von rotem über grünem Borschtsch bis zu Fleischbällchen und Kuchen.

Heute fühlen wir uns in Hamburg beschützt, sicher. Menschen, die einander vor zwei Wochen noch nicht kannten, sind zu einer großen Familie zusammengewachsen, wo sich jeder um den anderen kümmert und sorgt. Abends tauschen wir uns aus über die Werte unserer Länder, unsere Gedanken und Erfahrungen. Wir teilen nicht nur die guten Ereignisse, sondern auch die schlechten Nachrichten aus der Ukraine. Wir sind hier. Aber unsere Gedanken sind dort – bei unseren Familien und Freunden.

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