Wie eine Corona-Lüge aus dem Norden um die Welt geht

Wolfgang Wodarg gehört zu den größten Verbreitern von Falschinformationen in der Corona-Pandemie.

Wolfgang Wodarg gehört zu den größten Verbreitern von Falschinformationen in der Corona-Pandemie.

Foto: picture alliance/dpa

Mär von der Unfruchtbarkeit gehört zu den hartnäckigsten Unwahrheiten der Pandemie. Ihren Ursprung hat sie in der Nähe von Hamburg.

Hamburg. An einem hellen Frühlingstag sitzt ein Hamburger Arzt vor der Kamera und lügt. Es seien „kriminelle Machenschaften“ im Gange und Impfstoffe eine Waffe. Schon bei der Tetanus-Impfung in Kenia habe die Pharmaindustrie heimlich Hormone in die Spritzen für Frauen beigemischt. „Effekt: Man kann nicht mehr schwanger werden.“ Der Moderator des YouTube-Kanals nickt ernst.

„Das klingt jetzt ganz schrecklich“, sagt der Arzt, der seit Langem gar nicht mehr praktiziert. „Aber es ist etablierte Forschung“.

Moderator und Arzt sprechen dann auch über die Politik, Medien und „Bevölkerungskontrolle“, der Interviewer wirft seinem „Experten“ brav Stichworte zu, oft entweicht ihm ein „Ui!“, wenn der Arzt seine angebliche Wahrheit präsentiert. Nutzer mit Namen wie „@thor383“ teilen das Video bei Twitter und bei Telegram. Es werde Zeit, aufzuwachen.

Aber es passiert: nicht viel. Noch nicht. Es ist April 2020.

Hamburger Gynäkologe hört die Unfruchtbarkeits-Lüge häufig

Fast zwei Jahre später hat der Gynäkologe Wolfgang Cremer, Vorsitzender des Hamburger Frauenarztverbandes, einen Handwerker im Haus. Der Mann strahlt, in ein paar Tagen wird er Vater. Die Omikron-Welle ist im Februar 2022 auf dem Höhepunkt, die Sieben-Tage-Inzidenz bei rund 2000. Die beiden Männer kommen auf das Thema Impfung zu sprechen. Nein, er sei nicht geimpft, sagt der Handwerker. Und seine Frau auch nicht. Der Mann ist stolz darauf. „Wir wollen ja auch noch ein zweites Kind.“

Wolfgang Cremer kennt diese Bemerkungen – aus seiner Praxis in Harvestehude. „Manche wollen es nicht so direkt sagen, weil man nicht in eine komische Ecke gestellt werden will.“ Aber die Sorgen seien da. Bei einigen schon zu tief verankert. „Das kann man mit Argumenten dann nicht mehr behandeln.“

Dasselbe berichten auch andere Frauenärzte. Angst vor Unfruchtbarkeit durch eine Corona-Impfung. „Der Beratungsbedarf ist da, die Sorge groß“, sagt Andreas Tandler-Schmidt aus einem Berliner Kinderwunschzentrum. Der niedersächsische Mediziner Christian Albring erzählt von einer Patientin, die zwei Nächte aus Angst vor der Spritze nicht schlafen konnte. „Andere Frauen berichten von Streit in der Familie, ob sie sich impfen lassen wollen.“

Mutter aus Ottensen zögerte lange bei der Impfung

Eine Mutter aus Ottensen ist selbst Ärztin, hat bei der Impfung lange gezögert. Das Gefühl dabei, sagt sie, könnte immer noch besser sein. Die Bekannte einer Bekannten hat sich verweigert. Kürzlich traf Corona ihre Familie hart. Ihr Mann kämpft mit „Long Covid“.

Wer „Unfruchtbarkeit und Corona-Impfung“ googelt, findet viele Faktenchecks. Nein, der Mythos stimmt nicht, sagen sie alle. Und trotzdem wirkt er.

Die Bundesregierung spricht von einer „großen Zahl von Falschmeldungen“. Noch immer hängt im Kampf gegen Corona viel von der Impfquote ab. Bundesweit sollte sie bis Ende Januar bei 80 Prozent sein. An diesem Ziel ist die Regierung gescheitert, auch noch Ende Februar. Die Sorge bleibt: Sind nicht genug Menschen geimpft, verbreiten sich neue Virusvarianten besser. Und könnten das Land erneut in die Enge drängen.

Vorbehalte gegen die Impfung sind stark

Doch die Vorbehalte gegen die Impfung sind stark. Und ihre Gegner geschickt. Sie haben das emotionale Thema des Kinderwunsches, berechtigte Sorgen und gezielte Falschinformation gemischt, alles zusammen in den Durchlauferhitzer der digitalen Sphäre gekippt. Das Ergebnis wurde auch in der realen Welt zu einem der hartnäckigsten Gerüchte. Das Robert-Koch-Institut stellt nach seiner jüngsten Befragung zum „Impfmonitoring“ fest: Mindestens 51 Prozent der Menschen zweifeln daran, dass die Impfung bei Kinderwunsch sicher ist. Die Lüge wirkt. Wer sich auf die Suche macht, wo sie entstand und welche Folgen sie hat, muss an einem unscheinbaren Ort beginnen, nicht weit von Hamburg – und erlebt ein Lehrstück über „Fake News“, ihre Macher, aber auch den vergeblichen Kampf des Staates dagegen.

Impf-Mythos: Wie alles anfing

Die Dorfstraße schlängelt sich in sanftem Auf und Ab durch den Ort, Lücken zwischen den Häusern und Hecken geben den Blick auf den großen See frei.

Wikipedia sagt: „Warder ist eine Gemeinde im Kreis Rendsburg-Eckernförde“, 685 Einwohner, Google spuckt ein Bild von drei glücklichen Schweinen aus, die über einen Pfahlzaun lugen. Im Dorf sagen sie: Man solle mal im Dezember vorbeikommen, wenn sie den großen Weihnachtsbaum auf den Seeponton wuchten. An Corona nervt sie vor allem, dass man sich kaum noch sieht.

Ein Mann will nicht gefunden werden, jedenfalls nicht so leicht. Auf seiner Website nennt Dr. Wolfgang Wodarg eine Kontaktadresse. Doch dort steht sein Name nicht auf dem Klingelschild, seine echte Adresse liegt ein Stück weiter. Wodarg ist Lungenarzt, war SPD-Bundestagsabgeordneter, Leiter eines Gesundheitsamtes und Vorstand von Transparency International. Ein Mann mit silbernem Haar und weisem Blick.

Wodarg verbreitete Corona-Falschinformation

Im Frühjahr 2020 hat Wodarg das Gefühl, etwas tun zu müssen. Er hält Corona für einen „Hype“. Erst erscheint ein Gastbeitrag im „Flensburger Tageblatt“, dann befragt ihn die „Bild“ zum Thema „Panikmache oder Vorsichtsmaßnahmen?“. Er wird es sein, der die Lüge über die Unfruchtbarkeit entscheidend voranbringt und sich dabei selbst verwandelt.

Die „Querdenker“ stempelt die Politik damals oft noch als Spinner ab. Bei Wodarg geht das nicht. Karl Lauterbach lädt ein selbst gedrehtes Handyvideo hoch, in dem er auf die Thesen Wodargs reagiert. Er wolle nicht unfair sein, „denn ich schätze Wolfgang Wodarg sehr“. Dann redet sich Lauterbach doch in Rage. „Was Wolfgang hier vorträgt (...) ist eine abwegige (...) falsche Sicht der Dinge.“ Und noch deutlicher: „Das ist blanker Unsinn.“

Das Verhältnis der beiden Politiker geht über Corona zu Bruch, Parteigenossen werden rätseln, was Wodarg antreibt, und es irgendwann aufgeben. Als das Abendblatt ihn ausfindig macht, sagt Wodarg selbst: „Ich habe die Panikmache bei der Schweinegrippe und bei der Vogelgrippe doch hautnah erlebt. Als dann Corona kam, dachte ich ehrlich gesagt nur: ‚Nicht schon wieder.‘ Und ich fragte mich: ,Wo ist die Evidenz, dass es schlimmer ist als die Grippe?‘“ Er bleibt bis heute dabei, dass es sie nicht gebe.

Wodarg ist unter den "Querdenkern" ein Held

Im Netz der „Querdenker“ wird Wodarg zum Helden. Und er nimmt den Applaus an, zeigt sich mit einem Verschwörungsideologen, lässt sich von der früheren Nachrichtensprecherin Eva Hermann interviewen. Aber, das betont Wodarg heute, er sei keiner für Spinnereien. Sein Ruf ist ihm wichtig. Er will einer sein, der dem Virologen-Mainstream mit sauberen Argumenten entgegentritt.

Während die Impfstoffe im Spätsommer 2020 noch erprobt werden, wird etwa bei Twitter schon gewarnt. Es gehen vermeintliche Nachrichtenartikel darüber viral, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits 2014 bei der Tetanus-Impfkampagne in Kenia „gezielt Frauen sterilisiert habe“. Hier kommt auch der IT-Milliardär Bill Gates ins Spiel, der gesagt haben soll, Impfungen seien „die beste Art der Bevölkerungsreduktion“.

Der Vorwurf an die WHO ist erfunden. Und die Worte von Bill Gates aus dem Kontext gerissen. Gates, so etwas wie ein Erzdämon für Verschwörungsideologen, sprach über Kindersterblichkeit – und meinte: Wenn diese durch Impfungen sinke, würden Eltern auch weniger Kinder bekommen.

Wodarg hat einen Mitstreiter

Wolfgang Wodarg will sich mit diesen Thesen später nicht gemein machen, sie nicht einmal gekannt haben. Im Herbst 2020 wälzt Wodarg die Unterlagen der ersten klinischen Studien zu den Corona-Impfstoffen. Er hat einen Mitstreiter: Michael Yeadon, Pharmakologe und ehemaliger Vorstand des Pharmariesen Pfizer. Die beiden haben sich in einem Querdenker-Forum, dem „Corona-Ausschuss“, kennengelernt.

Wodarg und Yeadon haben vorher schon keinen Nutzen in der Corona-Impfung entdeckt. Jetzt sehen sie auch Risiken. Eine davon: Ein Corona-Protein ähnele dem Stoff Syncytin-1, der bei Schwangerschaften entscheidend für die Ausbildung der Placenta ist. Und nach einer Impfung dagegen massenhaft Antikörper zu bilden, könne gefährlich sein.

Beide Schreiben Petition an Europäische Arzneimittelagentur

Die beiden Männer schreiben eine Petition an die Europäische Arzneimittelagentur EMA. An keiner Stelle behaupten Yeadon und Wodarg ausdrücklich, dass die Impfung unfruchtbar mache. Tatsächlich ist die Ähnlichkeit von Corona-Protein und Syncytin so minimal, dass Experten eine Kreuzreaktion ausschließen (siehe Artikel auf der rechten Seite). Wodarg und sein Mitstreiter fordern aber eben weitere Studien. Bis dahin solle die EMA die Impfstoffzulassung sofort stoppen.

Das reicht aus. Wodarg und Yeadon haben einen Blasebalg auf eine glimmende Lunte gerichtet. Auch sie verlieren im Dezember 2020 die Kontrolle.

Wie der Mythos Angst schürte

Der Knall lässt keine 24 Stunden auf sich warten. International greifen vermeintliche Nachrichtenseiten die Petition auf. Verlinkungen, Kommentare, Posts auf Facebook und Co. erledigen den Rest.

„Chef der Pfizer-Forschung: Covid-Impfstoff ist weibliche Sterilisation“, titelt die US-amerikanische Seite „Health and Money News“, dazu ein Bild von Wodarg und Yeadon. Dabei schied Letzterer bereits 2014 bei Pfizer aus. Es sei kein Zufall, dass bei den ersten Impfungen in Großbritannien Schwangere ausgeschlossen seien, mutmaßt ein englischer Querdenker-Blog.

Analyst: „Wer Mythen verbreitet, baut auf Ängsten auf“

Deutsche Websites wie „Vitalstoff. Blog“ ziehen angebliche Experten heran und zitieren sie in Großbuchstaben: „SORGEN VOR UNFRUCHTBARKEIT SIND BERECHTIGT“.

AfD in Bayern verwies auf die Ärzte

Die AfD in Bayern verlangt Mitte Dezember 2020 per Eilantrag auch unter Verweis auf die von Wodarg und Yeadon vorgebrachten Sorgen, die Impfstoffzulassung auszusetzen.

Die rechtsextreme Zeitschrift „Compact“ titelt online unter Berufung auf Wodarg: „Corona-Impfung führt voraussichtlich zu Unfruchtbarkeit“.

Aus einer Warnung wird ein Urteil. „Compact“ bemüht sich, in seinem Text viele biologische Begriffe unterzubringen, schreibt über das Syncytin, erklärt richtig die Ausbildung der Placenta. Die Impfung aber sorge dafür, dass der Körper das Syncytin „sofort zerstört“. Dann heißt es: „Hier liegt der verborgene Schlüssel zu den Plänen Bill Gates’, der nach eigenem öffentlichen Bekunden (...) eine Bevölkerungskontrolle über die Nachkommenschaft (...) erreichen will.“

Einschlag bei Telegram besonders stark

Beim abgründigen Messengerdienst Telegram ist der Einschlag besonders stark. Ein Link eines Artikels über Wodargs Petition wird allein in 270 Gruppen und Kanälen geteilt. Einmal wird der Post mehr als 80.000 Mal gesehen, ein anders mal fast 50.000 Mal, selten sind es unter 1000 „Views“. Das zeigt eine Auswertung des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), die unserer Redaktion vorliegt.

Wer sich um Wahrheit nicht schert, erhält in diesem Dezember 2020 ein riesiges Geschenk zur rechten Zeit. Die Infektionszahlen steigen, das Land ist grau, und der Frust groß wie die Unsicherheit. Wann wird die Impfung beginnen? Ist sie genügend erprobt? Zwar werden schon Impfzentren geplant, aber eine Aufklärungskampagne gibt es noch nicht.

Die Lüge hat einen Vorsprung

Am 12. Dezember steigt eine „Stern“-Journalistin in Dresden in ein Taxi. „Taxifahrerin weigert sich, Maske zu tragen, nennt angereiste Beamte aus Berlin ,Gestapo‘ und erzählt, dass mich jede Covid-Impfung unfruchtbar machen wird“, twittert sie danach. „Auf die Frage, bei welchen Medien sie sich informiert: verächtliches Lachen.“

Auch anderswo kommt das Gerücht im echten Leben an. Eine Google-Auswertung durch das Abendblatt zeigt: Die Zahl von Suchanfragen nach den Schlagworten „Unfruchtbarkeit“ und „Impfung“ steigt so steil an wie später nur die Infektionszahlen in der Omikron-Welle.

Internetriesen wie Facebook gehen bereits verstärkt gegen „Fake News“ vor. Für eine schnelle Reaktion in allen Fällen ist die Masse aber zu groß. Videos mit Falschmeldungen werden erst nach mehreren Zehntausend Aufrufen gesperrt – und sind anderswo oft wiederzufinden. Auch die Fakten-Checker reagieren, aber sind noch in der Minderheit.

Ein falsches Video führt zum nächsten

Wer den falschen Link, das falsche Video klickt, bekommt gleich das nächste serviert.

Deutschland diskutiert über die Priorisierung der Impfungen und das Versäumnis, genügend Dosen zu beschaffen.

Auch der Hamburger Frauenarzt Wolfgang Cremer weiß nicht, was ihn erwartet. „Ich hätte mir noch mehr Bemühungen der Politik gewünscht, Sorgen proaktiv zu begegnen und sie zu entkräften“, wird er sagen. „Das hat uns Ärzte später viel Kraft gekostet.“

Tatsächlich sind die Erkenntnisse über spezifische Impfreaktionen bei Frauen damals noch dünn (siehe auch Interview unten). Wolfgang Wodarg nutzt das. Er tritt im YouTube-Kanal des „Corona-Ausschusses“ auf, sein Ton ist drastischer geworden. Er verweist darauf, dass den Probandinnen aus den Zulassungsstudien „verboten“ worden sei, schwanger zu werden. Das ist richtig.

In Großbritannien empfehlen die staatlichen Stellen allen Frauen mit akutem Kinderwunsch, noch mit der Impfung zu warten. Das ändert sich im Frühjahr 2021. Die Kliniken behandeln immer mehr Schwangere mit schwerem Covid-19-Verlauf. 99 Prozent von ihnen sind ungeimpft.

Die Ständige Impfkommission in Deutschland zögert noch, gibt schließlich nur eine Impf-Empfehlung für Schwangere „mit besonderem Expositionsrisiko“ ab. Was das heißen soll, wird vor allem den Impfärzten überlassen.

Die einschlägigen Seiten der Corona-Verharmloser legen mit neuen „Fake News“ nach. Diesmal ziehen sie eine Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC heran, nach der Corona-Impfungen angeblich zu einer stark steigenden Zahl von Fehlgeburten geführt hätten. Eine weitere Unwahrheit, die sich verbreitet.

Sommer 2021. In vielen Praxen ist die angebliche Unfruchtbarkeit eher ein blasses Gespenst, nicht wirklich ein großes Thema. In anderen dagegen schon Alltag. Nun gibt es auch in Deutschland endlich genug Impfstoff für alle. Aber nicht alle wollen ihn.

Eine studierte Juristin aus Bremen wartet lieber ab. Sie hat von der Unsicherheit bei Kinderwunsch gehört.

Viele junge Frauen lassen sich fehlleiten

Eine Profi-Sportlerin aus Nordrhein-Westfalen hält sich für gesund und die Impfung für wenig effektiv. Von Verschwörungsmythen hält sie nichts. Aber sie sagt auch, dass „Massenmedien die Wirklichkeit nicht unbedingt abbilden“.

Die junge Idres aus Niedersachsen sagt noch heute, sie wolle sich nicht impfen lassen. Die Vakzine seien „ja nicht lange getestet worden“.

In Hamburger Stadtteilen wie Harburg und auf der Veddel, wo viele Menschen mit Mi­grationsgeschichte leben, ist die Impfquote besonders gering und es für den Staat schwer. „Da läuft dann etwa auch nur das Heimat-Fernsehen – und es wird befolgt, was dort gesagt wird“, sagt die Chefin des Kennedyhauses im Harburger Phoenixviertel.

Politik hechelt den Vorhalten hinterher

Die Politik hechelt den Vorbehalten in solchen Quartieren etwas unbeholfen hinterher. In Harburg etwa wundern sich auch Vertreter des Staates darüber, dass verkleidete Stelzenläufer für die Impfung werben. Die Menschen erreiche man so jedenfalls kaum.

Der Arzt Wolfgang Cremer muss in seiner Praxis in Harvestehude selbst feststellen, dass nicht alles nach Plan läuft. Mehrere Patientinnen werden nach der Impfung mit Nebenwirkungen vorstellig. „Angeschwollene Lymphknoten in einer Größe, wie wir sie noch nicht vorher gesehen haben“, sagt er. Das entpuppt sich als ungefährlich und klingt wieder ab. „Aber es jagt natürlich einen Schreck ein“, sagt Cremer.

Eine Hamburgerin, die hier Nicola Schmidt heißen soll, hat gerade ihre zweite Impfung erhalten. Sie ist Ärztin, ihr Mann ist Arzt, viele Freunde ebenfalls. „Man muss sehen, dass es hier eine neue Impfstoffart ist, dass man einfach nicht das Gefühl haben kann, das ist zu 100 Prozent sicher“, sagt sie.

Frauen erzählen sich von ihren Erfahrungen

Einige Wochen nach der Impfung klagt Nicola Schmidt über extrem starke Regelblutungen, ihr Zyklus hat sich zudem verschoben. Sie erzählt einer Freundin am Telefon davon. Der geht es genauso. Auch einer Reihe von anderen Frauen im gemeinsamen Bekanntenkreis.

Das Land diskutiert darüber, wie die Impfgegner doch noch überzeugt werden können. Die PR-Kampagne rollt und hat doch nur mäßigen Erfolg. Die Kurve der Google-Suchen nach „Unfruchtbar und Corona“ zuckt immer wieder nach oben.

Eine Hamburger Gynäkologin wird sagen: „Bei Themen, die sich schnell emotional aufladen, haben Sie ja nur ganz früh eine Chance mit Argumenten, wenn überhaupt.“ Was danach passiert, sei keine Sache mehr der Wissenschaft.

Wie der Kampf ablief

In den USA erfinden Impfgegner eine neue Kryptowährung, ein digitales Zahlmittel, sie nennen es „Unvaxxed Sperm“, ungeimpftes Sperma. Mit den Erlösen wollen die Macher Dating-Plattformen für Ungeimpfte aufbauen.

Im Herbst platzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der Kragen. „Herrgott, Leute, bleiben wir doch bei der Wahrheit“, ruft er bei einer Wahlkampfveranstaltung. „Wann akzeptieren Sie endlich: All das, was da (...) behauptet wird, von der Unfruchtbarkeit bis dahin, dass Bill Gates und Jens Spahn Ihnen irgendwelche Chips einpflanzen wollen – nichts davon ist passiert.“

Der Stand der Medizin lautet: Regelbeschwerden sind eine häufige Nebenwirkung der Impfung bei Frauen. Das könne auch durch den mentalen Stress einer Impfung hervorgerufen werden, wenn die Frau Angst davor hatte, sagt ein Arzt. Tatsächlich gibt es aber keine Berichte über steigende Unfruchtbarkeit. Gleichzeitig helfe auch ein einfacher Blick in die Geburtenstatistiken, sagt die Frauenärztin Bettina Schultz, die in Schleswig-Holstein auch ein Impfzentrum leitet. „Da gibt es keinen Rückgang.“

Delta-Variante trifft Ungeimpfte hart

In Großbritannien steigt der Anteil der schwangeren Frauen unter den Covid-19-Intensivpatienten auf knapp ein Drittel an. Die Delta-Variante trifft Ungeimpfte hart.

Deutschland versucht mit Restriktionen, den Druck auf sie zu erhöhen. „Compact“ veröffentlicht einen Auszug aus einem Jahresrückblick mit dem Titel „verheimlicht, vertuscht, vergessen“. Schlagzeile: „mRNA-Impfstoffe: Eine tödliche Gefahr für die Babys“. Allein im Frühjahr 2021 sei es zu 400 Fehlgeburten in den USA nach Impfung gekommen. Kommentarschreiber bei Facebook sprechen von 400 Prozent mehr Fehlgeburten, etwa unter einem Artikel des MDR.

Der Kampf um das Ansehen der Impfung ist in vollem Gange. Aber es gibt keinen klaren Sieger.

Viele warten lieber ab

Nicola Schmidt hat bei ihrem Sohn nicht lange überlegt. Die Infektionszahlen steigen zu stark, um ein Risiko einzugehen. Bei ihrer Tochter ist es nicht so leicht. Was ist, wenn sich der Impfstoff in Jahrzehnten doch noch als schädlich für die Fruchtbarkeit von Frauen entpuppt? Die Mutter recherchiert selbst, fragt Mediziner aus ihrem Bekanntenkreis, auch in WhatsApp-Gruppen mit ihren Freundinnen ist es ein großes Thema. Und sie wartet lieber noch.

Es ist das, was auch Menschen wie Anna Balatsan erleben. Sie ist Gesundheitsfachkraft in Bremen. Verunsicherung spürt sie bei allen Nationalitäten. „Sogar auf Seniorentreffs interessieren sich ältere Menschen für die Frage, ob die Corona-Impfung unfruchtbar macht.“ Manche fragen aus Neugier, andere für ihre Enkelkinder.

Bremen hat im Kampf gegen Impfmythen viel Geld in die Hand genommen, schickt Sozialarbeiter los, lässt „Impf-Trucks“ in den ärmeren Vierteln vorfahren, richtet mobile Impfzentren ein. Die Behörden kooperieren mit Schulen, Kitas, Kirchen, Moscheen, Kulturvereinen. Für den Stadtstaat lohnt es sich. Bremen hat bundesweit die höchste Impfquote. Lügen haben es hier schwer.

Ärztin lässt nur ihre Tochter impfen

Auch in Ottensen lässt Nicola Schmidt nun ihre Tochter impfen. Für ihren Ehemann stand das nie zur Debatte. Auch die anderen Ärzte aus ihrem Bekanntenkreis haben Schmidt überzeugt.

Andere sind es nicht. Anfang 2022 gehen wöchentlich Zehntausende Querdenker auf die Straße.

Insgesamt, sagt Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), sei die Impfkampagne ein Erfolg. Eine Gynäkologin aus einem Stadtteil im Hamburger Süden sagt: „Wir sind froh, dass immerhin die Mehrheit der Patientinnen jetzt geimpft ist.“ Eine weitere Medizinerin aus dem Hamburger Osten hat es bei den Verweigerern aufgegeben. „Das sind jetzt Kreise, in denen man sich rechtfertigen muss, geimpft zu sein.“

Bundesgesundheitsministerium ist machtlos

Das Bundesgesundheitsministerium teilt auf Anfrage mit, man kämpfe weiter gegen eine große Zahl von „Fake News“. „Wer die Falschmeldungen zu verantworten hat, ist uns nicht bekannt.“

Das Ministerium schickt auch Links zu Kacheln, mit denen man dem Mythos der Unfruchtbarkeit bei Facebook entgegengetreten ist. Eine davon wurde seit dem Hochladen am 31. Januar 2021 1300 Mal „geliked“, 155 Mal geteilt und 2000 Mal kommentiert. In der Spalte wimmelt es von Impfgegnern, die warnen, man solle sich keine „Chemie reinknallen“. Die Mitarbeiter des Ministeriums rufen zu einer sachlichen Debatte auf.

Das Video des Hamburger Arztes aus dem Frühjahr 2020 steht bei 337.000 Aufrufen und ist weiterhin verfügbar.

Omikron entspannte die Lage

Die Omikron-Kurve entspannt die Lage. Aber zwei Fragen bleiben: Was passiert im angespannten Gesundheitswesen, wenn die Impfpflicht greift und Verweigerer nicht beschäftigt werden dürfen? Und was im ganzen Land, wenn es wieder Herbst wird?

Frauenarzt Christian Albring sagt, seine Kollegen in Niedersachsen und er würden mitbekommen, wie die Nachfrage nach Impfungen „gerade rapide sinkt“. Und er sagt: „Wer nun noch an Verschwörungsmythen der Corona-Leugner glaubt, den bekommen wir auch nicht mehr überzeugt.“ Diese Menschen gingen nicht mehr in seine Praxis. Sein Kollege Wolfgang Cremer sieht ebenfalls, dass sich die Fronten verhärten.

Wolfgang Wodarg sagt, er mache sich nicht viel aus den sozialen Medien. Und es sei anstrengend, sagt er, „diese Flut von Lügen“. Ständig bekomme er Zuschriften mit Hinweisen, die er prüfen müsste. „Da sind auch Fälschungen dabei, die gefährlich sind, wenn man auf einer soliden Basis bleiben will.“

Wodarf verweist auf seinen Lebenslauf

Wodarg ist ruhig im Gespräch mit dem Abendblatt, aufgeschlossen. Immer wieder verweist er auf seinen Lebenslauf, als kenne man ihn nicht. Erzählt von Dienstreisen mit der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), und von seiner Tätigkeit bei Transparency International.

Sie alle wollen aber nichts mehr von ihm wissen. Es sei ihnen „schwer gefallen“, aber es bliebe keine Wahl, schrieb der Transparency-Vorsitzende Hartmut Bäumer, als sie ihn bereits im Jahr 2020 wegen seiner Äußerungen zu Corona von seinem Vorstandsamt beurlaubten.

Ob Wodarg es bereue, wo sich auch Rechtsextreme nun auf ihn berufen? Ob er sich nicht abgrenzen müsse?

Wodarg: Kritik sei "Tüdelkram"

„Das sind Verleumdungen, das ist Tüdelkram“, sagt Wodarg. „Ich habe gar keine Zeit, mich damit zu beschäftigen.“

Ob er nicht einräumen müsse, dass die Warnung vor der Unfruchtbarkeit unbegründet war?

Unfruchtbar nach Impfung? Experten sehen keine Gefahr

Wodarg verweist auf Studiendaten, die Pfizer habe geheim halten wollen, nach der bei geimpften Frauen häufig Fehlgeburten aufgetreten seien. Das Recherchezentrum Correctiv und andere Faktenchecker bezeichnen solche Behauptungen aber als eindeutig falsch.

Wodarg kann kaum Belege nennen

Weitere Belege kann Wodarg nicht nennen. Je mehr man nachfragt, warum kein Frauenarzt von vermehrten Fehlgeburten berichte und wie es sein könne, dass die überwältigende Mehrheit der Wissenschaft seine Thesen als falsch bezeichne, desto unkonkreter wird Wodarg. Er spricht von einer „PR-Maschine“ und mächtigen Interessen.

Zwei Beiträge von Wodarg haben im Netz zuletzt wieder Wellen geschlagen. Der erste ist ein Video, er sitzt mit Gitarre vor schwarzem Hintergrund, sein Gesicht ernst. Wodarg trägt eine Art Gedicht vor. „Verbrecher seid ihr. Verbrecher seid ihr“, sagt er an die Adresse von Pharmariesen und Politik. Seine Stimme zischt vor Verachtung. „Mit heißer Nadel fuchtelt ihr und sagt, es müsse sein.“

Wodarf verbreitet weiter krude Theorien

Das zweite ist ein Bild von der Münchener Sicherheitskonferenz mit Karl Lauterbach und Bill Gates. Dazu fragte Wodarg, ob sie dort „über eine neue Waffe zur Abschaffung der Demokratie“ sprechen. „Ihre derzeit milliardenfach verwendeten ,Biowaffen‘ verlieren klar an Akzeptanz.“

Er ist jetzt tief drin, wie die Lüge, der er zur Welt verhalf.

Als das Abendblatt zum Schluss fragt, warum er das überhaupt noch mache, antwortet Wodarg: Es bedeute für Menschen ein großes Glück zu wissen, dass sie für andere wichtig seien. Ihnen Angst nehmen zu können.

Nachbarn wissen von Wodarg

In Warder informiert die Bürgermeisterin auf einer Infotafel über die Corona-Lage. Im nächsten Winter, wenn sie den großen Weihnachtsbaum aufstellen, soll alles wieder normal sein.

Das echte Ferienhaus von Wolfgang Wodarg grenzt eng an das Nachbargrundstück an. Dort wohnt eine fröhliche ältere Dame mit einem Sticker an der Gartenpforte: „Omas gegen Rechts“. Wie die meisten in Warder weiß sie grob von den Thesen ihres Nachbarn. Sie selbst sieht das anders und ist geimpft.

Die Nachbarin und Wodarg treffen sich öfter am Zaun. Und sie sprächen, über Pflanzen und Arbeit im Garten, über Gott und die Welt. Nur bloß nicht über Corona.