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Mit 51 Jahren an die Uni – ein großes Abenteuer

| Lesedauer: 9 Minuten
Katrin Behrmann (51) studiert Ökotrophologie.

Katrin Behrmann (51) studiert Ökotrophologie.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Zweifel, Sorgen, Stress – aber auch neues Glück: Katrin Behrmann fing als Studentin neu an. Was sie in ihrem ersten Semester erlebte.

Hamburg. Vier Prüfungen noch und eine Hausarbeit, dann hat sie es geschafft. Ihr erstes Semester als Studentin. Im Oktober hat Katrin Behrmann an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ein Studium der Ökotrophologie begonnen. Sie ist eine der Ältesten in ihrem Jahrgang – mit 51 Jahren hat sie noch einmal von vorne begonnen. Für das Abendblatt führte Katrin Behrmann ein Protokoll ihres ungewöhnlichen Studentenlebens.

1. Tag an der HAW: Es gibt eine Verbündete

Nur nicht auffallen! Ich kann an nichts anderes denken, als ich das erste Mal das Gebäude betrete. Habe Angst, dass mich alle anstarren werden – so wie ein Kalb mit zwei Köpfen. Und dann ist alles total entspannt, niemand guckt – außer mir vielleicht. Denn ein paar Reihen vor mir sitzt eine Frau, die eindeutig noch älter als ich sein muss. Und da hinten ist noch eine andere, die etwas älter als die meisten Studierenden wirkt. Puh! Bin total erleichtert! Immer wieder werfen wir uns verstohlene Blicke zu und lächeln uns an, das sieht man sogar unter der Maske.

Wir sind Verbündete, ein paar Oldies unter den jungen Leuten. In der Pause gehen wir gemeinsam in die Mensa und verstehen uns auf Anhieb. Lydia ist 54, also fast gleich alt. Vita ist die Jüngste von uns, erst 35. Sie könnte beinahe meine Tochter sein – aber gehört hier unter lauter Leuten Anfang bis Mitte 20 wie wir zum alten Eisen. Das Alter – und dass wir alle Kinder haben – schafft eine Verbundenheit unter uns. Und die Chemie stimmt einfach. Gemeinsam werden wir es schaffen. Denke ich.

Nach zwei Wochen: Zweifel sind verflogen

Unglaublich, wie schnell sich Normalität eingeschlichen hat. Morgens aufstehen und zur Uni fahren statt Frühstück machen, Haus aufräumen, Gartenarbeit, Wäsche und so ein Kram. Die ersten Zweifel sind verflogen. Ich bin eine ganz normale Studentin. Nur wenn es in einer Vorlesung mal um was Historisches geht, fällt auf, dass ich nicht nur in einem anderen Jahrzehnt geboren wurde – sondern für viele sogar in einem anderen Jahrhundert.

O Gott, wie das klingt! In Chemie muss ich ganz schön kämpfen. Das meiste davon habe ich noch nie gehört. Oder es ist so lange her, dass ich es einfach wieder vergessen habe. Bei der letzten Vorlesung meinte eine Studentin, dass sie das alles zuletzt vor zwei Jahren gehört hat – und sie es deshalb vergessen hat. Ich musste ein bisschen grinsen. Bei mir ist es etwa 33 Jahre her.

Der Zusammenhalt in unserem Jahrgang ist groß. Wir haben eine WhatsApp- Gruppe, in der wir uns austauschen, gegenseitig helfen. Und nahezu jeder hat irgendwo Probleme. Ich hätte nie gedacht, dass so viele verschiedene Aspekte zu Ökotrophologie gehören. Wir haben Humanbiologie und Chemie/Chemie-Praktikum, BWL/Rechnungswesen, Grundlagen der Sozialwissenschaften und Rechtliche Grundlagen. Außerdem Lebensmittel- und Ernährungslehre und Fachpraxis Kochen und Backen. Wenigstens das kann ich – sogar ziemlich gut.

Drei Wochen später: "Ich bin total lost"

Die Anfangseuphorie ist verflogen. Ich habe einen totalen Dämpfer bekommen. Humanbiologie! Unser Dozent ist ein Mediziner, ein wandelndes Lexikon, ein Buch mit sieben Siegeln. Ich verstehe nichts – dabei habe ich mich immer für medizinisch belesen gehalten. Ich bin total lost – um es mal im Jargon meiner Kollegen zu sagen. Soll heißen: Ich verstehe nichts, kein Wort. In den ersten Stunden habe ich noch gehofft, dass ich irgendwann Fuß fasse – doch langsam schwindet die Hoffnung. Warum habe ich bloß Biologie nach der 10. Klasse abgewählt?

25. Oktober: Arbeitsaufwand höher als gedacht

Schluss! Aus! Vorbei! Ich geh da nicht mehr hin! Ich habe überall Defizite. Jeden Tag tauchen neue Probleme und neue Wissenslücken auf. Das ist kein Berg, den es zu erklimmen gibt. Das ist der verdammte Mount Everest. Für jede Stunde, die ich habe, benötige ich die gleiche Zeit für die Vor- und Nachbereitung. Allein für Chemie sind das drei Stunden in der Woche. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das drei Jahre durchhalte.

Morgen hat mein Mann Geburtstag. Es ist das erste Mal, dass ich ihm keinen Kuchen gebacken habe.

Im November: "Ich will es allen zeigen"

Der Stress frisst mich auf. Ich mache mir einfach zu viel Druck. Früher habe ich gedacht, es reiche, eine Prüfung zu bestehen – jetzt will ich gut bestehen. Aber bei jeder Wissenslücke habe ich Angst, dass die anderen das auf mein Alter zurückführen könnten. Der Stolz hat mich gepackt. Ich will es allen zeigen. Ich schlafe wenig, habe kaum noch Appetit. Manchmal schaffe ich es den ganzen Tag nicht, etwas zu essen. Ich bin am Limit. Ich will hinschmeißen. Als ich meinem Mann davon erzähle, lächelt er. Er weiß, dass ich das nie tun würde.

Zum Glück habe ich meine Mädels. Wir bauen uns gegenseitig auf, spornen uns an. Weiter, einfach weitermachen. Das ist unsere Parole.

Im Dezember: Vorlesungen finden online statt

Ich frage mich manchmal, wie es wohl gewesen wäre, direkt nach der Schule zu studieren, als man noch keinen eigenen Haushalt hatte? Ich habe es nicht mal geschafft, Weihnachtsdeko aufzustellen oder was zu backen. Mein Sohn ist derjenige, der den Tannenbaum schmückt. Er studiert jetzt auch – und führt ein ziemlich entspanntes Leben. Er meint, wenn er so viel Stress wie ich hätte, hätte er keine Lust auf das Studium.

Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich schlechter von mir denke, als ich eigentlich bin. Bei jedem neuen Thema denke ich erst mal „Das kann ich nicht.“ Wie in der Schule früher. Ich hoffe, dass ich das noch loswerde. Meine Studienfreundin Birgit hat mir vier Sorgenpüppchen geschenkt, die einer Legende in Guatemala nach Kummer vertreiben sollen.

Ab dem 20.12.2021 finden die Vorlesungen nur noch online statt. Das Risiko, sich so kurz vor Weihnachten und den Prüfungen zu infizieren, ist einfach zu groß. Aus diesem Grund gehe ich jetzt auch nicht mehr zum Sport. Dabei brauche ich die Bewegung als Ausgleich. Ich habe einen Lernplan aufgestellt. Unglaublich, wie sich mein Leben innerhalb von drei Monaten geändert hat. An meinem einstigen Horrorfach Chemie finde ich sogar langsam Gefallen! Das intensive Lernen trägt Früchte, und ich habe in den drei Monaten mehr gelernt als in vier Jahren in der Schule.

Silvester: Die Pause tat gut

Die vorlesungsfreie Zeit über Weihnachten hat gutgetan. Ich habe alles auf ein Minimum reduziert, fast gar nichts gemacht. Es war wie ein Reset im Kopf. Jetzt geht es mir wieder besser.

Im Januar: Sechs Klausuren und eine Hausarbeit

Ich habe über die letzten Monate sechs Kilo abgenommen. Fühle mich leicht wie eine Feder und zehn Jahre jünger. Wenigstens dafür war der ganze Stress gut! Insgesamt sechs Klausuren stehen an, dazu eine Hausarbeit. Die Chemieprüfung war schwieriger als gedacht, und ich war total nervös. Bestanden habe ich hoffentlich, aber ob die Note einigermaßen gut ist, werde ich bald erfahren.

Im Februar: Alle Prüfungen an der HAW nur noch online

Alle Prüfungen finden ab jetzt nur noch online statt. Rechtliche Grundlagen mit dem Thema Grundrechtsverletzungen war nicht ohne. Nach fast vier Stunden brummte mir der Schädel.

Humanbiologie ist eine echte Herausforderung. Man möchte ja meinen, Multiple Choice ist nicht so schwer – aber von wegen! Ist nun das eine oder das andere richtig? „Die Ventilation wird unter physiologischen Bedingungen vornehmlich durch die Schwankung des Sauerstoffpartialdrucks an O2-Sensoren des Glomus caroticum an der Bifurkation der inneren und äußeren Halsschlagader gesteuert.“ Oder: „Die Ventilation wird unter pathologischen Bedingungen vornehmlich durch die Schwankung des Sauerstoffpartialdrucks an O2-Sensoren des Glomus caroticum an der Bifurkation der inneren und äußeren Halsschlagader gesteuert“. Übrigens: Antwort eins ist richtig.

Aber wie auch immer es ausgeht – ich blicke optimistisch auf das nächste Semester. Ich bin entspannter geworden – und selbstbewusster. Ich denke nicht mehr reflexartig: „Das schaff ich nicht“, sondern traue mir mehr zu. Ich werde das schaffen!

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