Kriminalstatistik Hamburg

Wo der Lockdown für deutlich weniger Straftaten sorgt

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Sie stellten die Kriminalstatistik im Polizeipräsidium vor: (v. l.) Innensenator Andy Grote, Polizeipräsident Ralf Martin Meyer, LKA-Chef Mirko Streiber und Polizeisprecherin Sandra Levgrün.

Sie stellten die Kriminalstatistik im Polizeipräsidium vor: (v. l.) Innensenator Andy Grote, Polizeipräsident Ralf Martin Meyer, LKA-Chef Mirko Streiber und Polizeisprecherin Sandra Levgrün.

Foto: André Zand-Vakili

Wegen Corona sinkt die Kriminalität in Hamburg erneut: weniger Einbrüche, weniger Gewalt. Neue Regeln führen aber auch zu mehr Arbeit.

Hamburg.  2204 Wohnungseinbrüche, 1238 weniger als im Vorjahr, die Hälfte davon Versuche. Das sind Zahlen, von denen Innensenator Andy Grote (SPD) als Verantwortlicher für die innere Sicherheit in Hamburg lange nur träumen konnte. Hamburger sind in ihren vier Wänden so sicher wie seit 45 Jahren nicht mehr. Auch Taschendiebstahl, Ladendiebstahl, Autoaufbrüche oder Sachbeschädigung gehören in Hamburg zu den Deliktsbereichen, die besonders stark rückläufig im Jahr 2020 waren.

Dass diese Entwicklung mit Corona und den damit verbundenen Beschränkungen zu tun hat und dass das nicht so bleiben wird, liegt für alle Experten auf der Hand. Einige halten die Hoffnung des Innensenators, die Kriminalität nach dem Ende der Corona-Maßnahmen unter dem Niveau von 2019 halten zu können, für einen frommen Wunsch. „Die Kriminalität wird wieder zunehmen. Dazu wird alle Nase lang ein neues Fass aufgemacht und neue Straftatbestände eingeführt, die die Polizei in riesigen Mengen abarbeiten muss“, sagt Thomas Jungfer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG).

Kriminalstatistik Hamburg: Weniger Straftaten dank Lockdown

Wie die Entwicklung verlaufen kann, hat sich schon im vergangenen Jahr in Hamburg ausgerechnet bei den Tötungsdelikten gezeigt. Deren Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr signifikant von 43 auf 76 Fälle angestiegen. „Ursache dafür sind die Taten, bei denen es beim Versuch blieb“, sagt LKA-Chef Mirko Streiber. Diese machten 67 der 76 Tötungsdelikte aus. Besonders viele Taten gab es im öffentlichen Raum. Zwei Drittel der Fälle ereigneten sich laut Streiber dort.

Eine ähnliche Entwicklung hatte es zwischen Ende des Lockdowns Ende Mai bis zum Ende der Schönwetterperiode im Oktober gegeben. Auffallend: Es waren viele Taten dabei, bei denen Gruppen gegen ein Opfer vorgingen. Ähnlich sieht es bei den schweren und gefährlichen Körperverletzungen aus, die im Jahr 2021 mit 5055 leicht über der Zahl der Taten des Vorjahres lagen. Auch hier wurde ab Ende Mai ein deutlicher Anstieg verzeichnet.

Zahl der Sexualdelikte ist rasant angestiegen

Mehr Fälle gab es im vergangenen Jahr auch bei den Bedrohungen. Die Polizei verzeichnete 979 mehr als noch 2020. Dieser Bereich ist eines der „aufgemachten Fässer“. Der Straftatbestand wurde verschärft. Musste man früher noch mit einem Verbrechen drohen, Beispiel „ich bringe dich um“, wäre jetzt schon der Satz „wenn du mich nicht in Ruhe lässt, bekommst du einen Backs“ eine Straftat.

Rasant gestiegen ist auch die Zahl der Sexualdelikte. 2565 Fälle bearbeitete die Polizei im vergangenen Jahr. Das sind 31 Prozent mehr als 2020. Grund ist das Delikt „Verbreitung pornografischer Schriften“. Es ist um 183 Prozent oder 793 auf 1227 Fälle in 2021 angestiegen. Aus den USA werden mittlerweile automatisch erhobene Verdachtsfälle massenhaft nach Deutschland gemeldet, die jetzt bei den Landeskriminalämtern und nicht wie vorher zentral beim Bundeskriminalamt bearbeitet werden. Dazu kommen viele Fälle, bei denen Kinder und Jugendliche ins Visier der Kripo geraten, weil sie unbedarft Kinderpornografie über Chats bekommen und an Freunde geschickt haben.

Soko „HHammer“: Erstmals Einblicke in schwerkriminelles Milieu

Solche Fälle können von der Staatsanwaltschaft nicht einmal mehr schnell eingestellt werden, weil die Wertigkeit im Strafrecht angehoben wurde. Massenhaft fallen auch Fälle von „Hasskriminalität“ an. „Sie stehen stark im Fokus, seit Politiker in sozialen Medien immer wieder Ziel werden“, sagt ein Beamter. So hat Innensenator Andy Grote selbst den aufsehenerregendsten Fall geliefert, als er vergangenes Jahr im Internet mit dem Begriff „Pimmel“ in Verbindung gebracht wurde. Umfangreiche Ermittlungen samt Razzia folgten.

Andererseits hat man mit der Soko „HHammer“ erstmals einen Einblick in das schwerkriminelle Milieu bekommen, wo im großen Stil mit Drogen und Waffen gedealt wird. 176 Verfahren gegen hochkarätige Rauschgiftdealer wurden allein im Jahr 2021 geführt. Dabei sind sämtliche Verfahren Ausfluss von Chatverläufen aus lediglich drei Monaten in einem verschlüsselten, aber geknackten System, die zu den herausragenden Ermittlungserfolgen führten. „Und diese Daten als Ansatz für die Ermittlungen sind noch von französischen Sicherheitsbehörden zugänglich gemacht worden“, sagt Thomas Jungfer.

Kriminalstatistik: Überdurchschnittlich viele Fahrraddiebstähle

„Die Polizei, vor allem die Kripo bekommt immer neue Betätigungsfelder, wobei gleichzeitig die Verfahren selbst immer komplexer werden“, sagt der Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BdK) in Hamburg, Jan Reinecke. Gleichzeitig werde die Personaldecke immer dünner. „Es wird immer nur nach Köpfen gezählt“, so Reinecke. Da stehe man gut da. „Es sind aber mittlerweile viele Kollegen und Kolleginnen in Teil- oder Elternzeit“, so Reinecke. Da habe man zwar mehr Köpfe, die aber weniger Arbeitszeit ableisten. Werden noch EU-Richtlinien zu Bereitschaftsdiensten umgesetzt, wird sich die Lage noch einmal deutlich verschärfen.

2021 wird in Sachen Kriminalitätsentwicklung ein historisches Jahr bleiben. Die Gewaltkriminalität ist mit 6799 Fällen auf dem niedrigsten Stand seit 1989. Die Zahl der Raubtaten ist mit 1462 so niedrig wie seit 1976 nicht mehr. Dazu kommt, dass sich ein großer Teil der Fälle im Drogen- und Randständigenmilieu in St. Georg oder am Wochenende auf dem Kiez ereignen. Kriminalität, die den „Normalbürger“ direkt betrifft und die von vielen Menschen als besonders bedrohlich wahrgenommen wird, ist in Hamburg auf einem niedrigen Niveau.

Eine Ausnahme ist der Fahrraddiebstahl. 14.300 Fälle wurden 2021 bei der Polizei angezeigt. Das sind zwar 277 Fälle weniger als 2020, angesichts der zeitweisen Ausgangsbeschränkungen aber immer noch überdurchschnittlich viele. Befeuert wurde dieses Delikt nach Einschätzung von LKA-Chef Streiber im vergangenen Jahr auch durch Lieferengpässe bei Rädern und Ersatzteilen.

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