Eppendorfer Baum

Aldi-Kassierer gewinnt beim Poker und endet als Drogenkurier

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Bettina Mittelacher
Vom Kassierer zum mutmaßlichen Drogenkurier: Der Angeklagte Tim O. mit Verteidiger Dennis Schuchna vor dem Landgericht Hamburg.

Vom Kassierer zum mutmaßlichen Drogenkurier: Der Angeklagte Tim O. mit Verteidiger Dennis Schuchna vor dem Landgericht Hamburg.

Foto: Bettina Mittelacher

Nach einem großen Gewinn soll für den 29-Jährigen ein neues Leben beginnen. Doch dann wird er mit kiloweise Partydrogen aufgegriffen.

Hamburg. Das zwanglose Leben, quasi abgeschottet von der Realität und fern der meisten Verpflichtungen, hatte ein jähes Ende. Tim O. wurde wachgerüttelt, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, als das Schloss zu seiner Wohnung aufgebohrt wurde, damit der Gerichtsvollzieher eine Räumung durchziehen konnte. In aller Eile warf sich der 29-jährige Wohnungsmieter Klamotten über, packte das Wichtigste zusammen und machte sich davon. Doch der junge Mann kam nicht weit.

Eppendorfer Baum: Mann hat kiloweise Partydrogen dabei

Denn in seinem Koffer und in der Reisetasche hatte er neben einigen Kleidungsstücken vor allem jede Menge Drogen verstaut. Nicht weit von seinem nobeln Zuhause in Eppendorf entfernt wartete die Polizei. Tim O. wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft.

Jetzt, knapp anderthalb Jahre später, muss sich Tim O. wegen Rauschgifthandels sowie Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz vor dem Landgericht verantworten. Es ist ein Verfahren um einen Mann, der nach einem soliden Leben mit einem Job im Discounter Aldi plötzlich die Bodenhaftung verlor. Nach einem gewonnenen Pokerturnier, bei dem er mehr als 20.000 Euro einstrich, hatte er sich offenbar reich gefühlt. Er ging nicht mehr arbeiten, mietete sich eine 5-Zimmer-Wohnung von 120 Quadratmetern im schicken Eppendorf und genoss ein Leben im Überfluss.

Doch schon nach wenigen Monaten war das Geld verbraucht, die Miete blieb er schuldig, in seinem Briefkasten stapelten sich die Mahnungen. Dann kam der Gerichtsvollzieher – und fand in einem der Zimmer Unmengen von Drogen. Noch viel mehr Rauschgift hatte Tim O. in seinem Gepäck bei sich, als er die Wohnung fluchtartig verlassen hatte.

Eppendorf: Mann wollte Drogen online verkaufen

Laut Anklage handelte es sich unter anderem um etwa fünf Kilo Marihuana, fast 3,5 Kilogramm Haschisch, rund 4300 Ecstasy-Tabletten, mehr als 4500 LSD-Trips, sowie rund 1,1 Kilogramm Ketamin allein in dem Koffer und in der Reisetasche, sowie weiteres Marihuana, Haschisch, fast 9000 Ecstasy-Tabletten und rund zwei Kilogramm Amphetamin in der Wohnung.

Den Besitz der Drogen räumt Tim O., ein großer, schmaler Mann mit rotblondem Rauschebart, unumwunden ein. Er habe auch gewusst, dass das Rauschgift über einen Online-Shop verkauft werden sollte. Doch mit dem Handel habe er nichts zu tun. Er habe die Drogen lediglich in seiner Wohnung für einen Bekannten gelagert, der wohl damit gedealt habe.

Dafür, dass er den Kumpel schalten und walten ließ, habe er sich selber an dem Vorrat bedienen dürfen, so Tim O. Er habe selber damals regelmäßig Marihuana konsumiert und gelegentlich Kokain. Jetzt, nach einigen Monaten in Untersuchungshaft und mittlerweile wieder auf freiem Fuß, nehme er keine Drogen mehr und habe einen Arbeitsplatz im Handwerk in Aussicht.

Er habe die Drogen für einen Freund gehortet

Die Wohnungsräumung sei für ihn überraschend gekommen. „Ich habe wahllos zusammengerafft, was ich greifen konnte, und gehofft, dass es niemand sieht“, erzählt Tim O. Dann habe er zügig die Wohnung verlassen. Einen wirklichen Plan, wo er hinwollte, habe er nicht gehabt. „Ich dachte, vielleicht kann ich den Koffer irgendwo loswerden.“

Den Mann, für den er die Drogen hortete, habe er im Urlaub auf Teneriffa kennengelernt. „Wir haben was zusammen getrunken, dann gemeinsam einen Joint geraucht.“ Fast jeden Tag hätten sie ein paar Stunden gemeinsam abgehangen. Dann habe der Typ ihn gefragt, ob er in Deutschland einen Raum für Rauschgift zur Verfügung stellen könne. „Ich habe erstmal darüber nachgedacht und dann zugestimmt, weil ich gern Zugriff auf die Drogen haben wollte. Die Absprache war, dass ich mich einfach bedienen konnte, so lange es nicht zu viel wurde.“

Von dem Mann wisse er nur, dass dieser Pepe heiße und Spanier oder Italiener sei. Ab und an, nach vorher ganz grob vereinbarten Terminen, sei besagter Pepe zu Besuch gekommen und habe Drogen in Portionen verpackt und sei mit der Ware wieder verschwunden. Das Rauschgift sei in einem Raum gelagert gewesen, den man wohl eigentlich als Arbeitszimmer nutzen würde. „Es war die meiste Zeit abgeschlossen, aber ich wusste, wo der Schlüssel war.“

Miete in Eppendorf zahlen? Das habe er "ausgeblendet"

Die Staatsanwältin möchte mehr wissen über den ominösen Pepe: alles, was helfen könnte, ihn zu ermitteln. Doch Tim O. beteuert, er wisse nicht mehr als den Vornamen „Mir ist so was noch nie passiert“, sagt die Staatsanwältin und meint das Zusammentreffen und die recht unverblümte Frage nach einem Drogenversteck. „Dann sind Sie wahrscheinlich noch nie in einem Cannabisclub gewesen“, kontert der Angeklagte.

Und wie er sich damals sein weiteres Leben vorgestellt habe, fragt der Vorsitzende Richter. So ohne Job und in einer teuren Wohnung? „Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass Sie mal die Miete zahlen müssen!“ Das habe er „ausgeblendet“, meint Tim O. „Ich dachte, dass das Leben irgendwie weitergeht.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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