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133.000 Tests pro Woche: Labore in Hamburg an der Grenze

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Laborarbeit ist Schwerstarbeit. Die Omikron-Variante muss man kaum noch sequenzieren, sie ist für fast alle Neuinfektionen verantwortlich.

Laborarbeit ist Schwerstarbeit. Die Omikron-Variante muss man kaum noch sequenzieren, sie ist für fast alle Neuinfektionen verantwortlich.

Foto: dpa/Jens Büttner

Quote für PCR-Proben in Hamburg ist bundesweit am höchsten. Es mangelt bereits an Testmaterial. So sollten sich Infizierte verhalten.

Hamburg. Die WhatsApp-Drähte glühen, die Handys laufen heiß: Unter Hamburgs Corona-Verdachtsfällen, in Gruppenchats und Familienkreisen kursieren die wichtigsten Zahlen – und die haben wenig mit Inzidenzen oder Hospitalisierungsindizes zu tun. Es geht um die Fragen: Wie lange hast du in der Warteschleife beim Arztruf 116 117 gehangen? Wann kamen Ärztin oder Arzt zum Abstrich für den PCR-Test an die Haustür? Wie lange brauchte es, bis das Ergebnis da war?

45 Minuten Wartezeit am Telefon gelten als „ok“. Wenn der Arztruf verspricht, binnen 72 Stunden jemanden zum Abstrich zu schicken, und der dann nach 18 Stunden nachts kommt, ist das „wie ein Lottogewinn“. Der Jackpot ist geknackt, wenn das Ergebnis unter 24 Stunden vorliegt. So reagieren Betroffene auf die extrem angespannte Lage derzeit an Alster und Elbe.

„PCR-Hauptstadt Hamburg“ ächzt unter der Zahl der Fälle

Lässt man Ärzte, Experten und Behörden zu Wort kommen, liest man sich in die täglich verfügbaren Datensätze ein, ergibt sich ein ernsteres Lagebild, als viele es nach zwei Jahren Pandemie noch ertragen können.

Die „PCR-Hauptstadt Hamburg“ ächzt unter der Last der Verdachtsfälle und Infizierten, unter einem Arztruf im Dauerstress und Laborleistungen, die den Belastungen im Krankenhaus und in den Praxen kaum nachstehen.

133.000 PCR-Tests hat es in Hamburg in der zweiten Woche des Jahres nach Zahlen des Vereins der Akkreditierten Labore in der Medizin gegeben. Ein steiler Anstieg gegenüber dem Jahres­ende 2021. In Berlin, doppelt so groß, waren es 102.000. Kein Bundesland hat, gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele PCR-Tests wie Hamburg. Im Arztruf sind in diesen Tagen zwischen deutlich mehr als 50 und bis zu 70 Prozent der PCR-Tests positiv.

Corona Hamburg: Es mangelt bereits an Testmaterial

Hausarzt Dr. Björn Parey aus Volksdorf, der häufig im mobilen Notdienst unterwegs ist, sagt: „Der Arztruf ist gut ausgelastet. Wir arbeiten an der Grenze. Die Disponenten schauen genau, ob jemand wirklich krank ist und seine Wohnung bevorzugt angefahren werden muss. Wenn jemand zum Beispiel eine blutende Platzwunde hat, kann ich nicht erst bei einem Corona-Verdachtsfall einen Abstrich für einen PCR-Test machen.“

Wenn in Einzelfällen in einer Praxis ganze Teams ausfallen, müssen Nachbarpraxen das auffangen. Dasselbe gilt für die Labore. Dr. Jens Heidrich sagte wie KV-Chef Walter Plassmann, dass man bei den PCR-Tests die wirklich Bedürftigen priorisieren müsse. „Krankenhäuser und Erkrankte gehen vor“, so Heidrich. „Es ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, dass in der aktuellen Lage dreifach geimpfte Menschen vor Reisen einen PCR-Test machen oder dass jeder, der eine rote Warn-App hat, sich im Labor durchtesten lässt.“

Es mangele bereits an Testmaterial. Plassmann plädiert für Schnelltests zum Freitesten nach einer Infektion. Im schlimmsten Fall kann es aktuell bis zu vier Tage dauern, ehe man einen PCR-Abstrich vom Arztruf machen lassen kann und das Ergebnis erhält.

Hausarzt: Infizierte müssen „Trinkmenge deutlich steigern“

Und was tun die Infizierten oder mutmaßlich Infizierten derweil? „Sich isolieren!“ Hausarzt Parey hat inzwischen reichlich Erfahrung mit dem Coronavirus. Er rät: Patienten sollten in jedem Falle zu Hause zu bleiben und sich selbst Ruhe verordnen. Auch in den eigenen vier Wänden solle man sich so gut es geht von anderen Familienmitgliedern isolieren, den Abstand einhalten und viel lüften. FFP-2-Masken zu tragen könne bei gemeinsamen Aufenthalten in einem Raum ebenso helfen.

Infizierte müssten die „Trinkmenge deutlich steigern“, vor allem bei Durchfall und Fieber sei das angeraten. Bei Fieber bis 39 Grad solle man das gar nicht unbedingt mit Medikamenten senken. Wer bei Schmerzen Paracetamol oder Ibuprofen brauche, solle sich das liefern lassen, um nicht das Haus zu verlassen.

Corona: Viele Hamburger organisieren sich teure PCR-Tests

Sprecherin Anja Segert von der Sozialbehörde sagte, zurzeit könnten die Gesundheitsämter 92 Prozent aller Infizierten binnen zwei Tagen anrufen. Manchmal fehlten jedoch Kontaktdaten oder Patienten gingen nicht ans Telefon.

Viele Hamburger organisieren sich PCR-Tests auf eigene Faust zu stattlichen Preisen. Da kostet ein Test am Flughafen schon mal 129 Euro. Bitter: Das Ergebnis lässt sich nicht einmal in die Corona-Warn-App übertragen. Das Unternehmen teilte den Kunden mit, man gebe das Feedback an die IT-Abteilung weiter. Das Ergebnis zu übertragen, das sei „eventuell irgendwann auch möglich“.

Klare Ansagen macht Laborarzt Heidrich­, von dessen Unternehmen und Mitarbeitern die Test-Infrastruktur mit abhängt. Von frühmorgens bis nachts läuft der Betrieb, auch am Wochenende. Heidrich lässt einen Food Truck vorfahren, damit der Essensnachschub sicher ist – und die Gastronomie etwas unterstützt wird. Und: Zweimal die Woche kommt ein Physiotherapeut und massiert 25 bis 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Muskulatur vor allem an Händen und Schultern.

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