Strickerei Richter

Cashmere-Label rettet letzte Kunststopferei des Nordens

| Lesedauer: 5 Minuten
Camilla John
Flicken, statt wegwerfen: Marie Caroline Heydorn und Frank Richter in der letzten Handstrickerei und Kunststopferei im Norden.

Flicken, statt wegwerfen: Marie Caroline Heydorn und Frank Richter in der letzten Handstrickerei und Kunststopferei im Norden.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Kunststopferei und Strickerei Richter in der Neustadt ist deutschlandweit fast einmalig – und liegt eigentlich voll im Trend.

Hamburg. Wie sehr die Kunststopferei und Strickerei Richter im Pilatus­pool 9 den Zeitgeist trifft, dessen ist sich Frank Richter oftmals gar nicht gewahr. Er und seine verblichenen Tieraufkleber, die die Unterkanten von Spiegeln und Leisten in der Strickerei zieren, erzählen nämlich nicht von Nachhaltigkeit oder trendbewusstem, reduziertem Textilkonsum. Obschon er darin schwelgt, welche Wertigkeit ein hochwertiges Strickteil haben kann, das hier repariert wurde. In stundenlanger Handarbeit.

Seine Erzählungen lassen Eintauchen in die Geschichte seines Aufwachsens in der Firma seiner Mutter zu, gegründet vom Opa in den 1930ern. „Pro Tag bekommen wir etwa 25 Teile zur Reparatur“, sagt Richter, „entweder kommen die Kunden persönlich vorbei, oder es wird geschickt, von überall her. Das wird dann alles per Hand gemacht.“

Kunststopferei in Hamburg: Ein Prinz ist Stammkunde

Seit 55 Jahren sind die Erdgeschossräume mit dünnem Teppich- und Linoleumboden, mit eingebauten Schränken im Verkaufsraum und goldenen Kugellampen auch sein Zuhause. Hier hat Richter krabbeln gelernt und gesehen, wie Mottenlöcher so gestopft werden, dass man nicht mehr erkennen kann, wo die beschädigte Stelle im Strick war.

Er hat Lieblingsstücke der feinen Herrschaften der Hamburger Gesellschaft aus Cashmere angenommen, ein Prinz ist Stammkunde, edle Strickschals und Pullover aus ganz Europa hat er per Post bekommen und ihnen die Beschädigung genommen. Die Mitarbeiterinnen strickten die dunkelblauen Clubpullover für die Segel- und Rudervereine auf Anfrage und Maß.

Cashmere-Unternehmer retten letzte Kunststopferei im Norden

Sein Frauenbild wurde von diesen Damen an den ratternden Nähmaschinen und hinter den beleuchteten Lupen geprägt, ebenso wie seine Leidenschaft für ein Handwerk, das verloren geht. Die Ausbildung zum Stricker gibt es schon nicht mehr. Fast ehrfürchtig zeigt er die grünen wuchtigen Kettelmaschinen, die wie Filmrequisiten im Raum thronen. „Mit denen können wir Rumpf und Armteile stricken und vor allem Nähte machen, die viel elastischer sind, als wenn sie mit der Nähmaschine gemacht würden.“

Sein Glück war es, dass die Cashmere-Unternehmer Yannik und Marie Caroline Heydorn neben all dem Persönlichen den Zeitgeist gespürt haben und ihren unternehmerischen Instinkt einsetzten: Sie haben dem 55-Jährigen, der nach einigen Krankheiten die Bürde der Selbstständigkeit nicht mehr tragen wollte, das Kleinod kurzerhand abgekauft. „Es ergänzt uns einfach zu gut“, sagt Marie Caroline Heydorn.

Strickerei Richter ist deutschlandweit fast einmalig

Die Wienerin kam der Liebe wegen in den Norden, führt nun mit Ehemann Yannik (beim Interview kann er nicht dabei sein, da er auf die gemeinsame, neun Monate alte Charlotte aufpasst, die von Bauchschmerzen geplagt wird), der das Label Heydorn gründete und benannte, die Läden an der ABC-Straße, in Kampen und Frankfurt. „Wir machen keine Mode, sondern Basics“, sagt Heydorn. Damit meint sie: klassische Schnitte – V-Neck, Rundhals, Pullunder, Strickjacken, Schal, Mützen oder Cardigans – hergestellt aus feinstem Cashmere.

„Einmal pro Woche kommt Luftfracht aus Nepal, denn wir produzieren Einzelanfertigungen, Strickteile auf Maß, keine Massenware.“ Es gehe um Lieblingsteile, die man vererben könne. Die ab 335 Euro kosten und es deshalb wert sind, repariert zu werden. „Doch es gibt kaum Möglichkeiten, das zu tun“, weiß Heydorn.

Denn außer bei den Richters gibt es deutschlandweit fast niemanden, der so kunststopfen kann, dass das Loch im 1000-Euro-Pullover wieder verschwindet. Die reparierte Stelle muss mit einer Nadel gekennzeichnet werden, damit der Strickdesigner, der jede Reparatur kon­trolliert, bevor sie wieder an den Kunden geht, überhaupt rasch finden kann. So gut ist das Handwerk der Kunststopferinnen. „Deshalb hatten wir immer mit der Strickerei Richter zusammengearbeitet, mein Mann Yannik kam früher schon mit seiner Mutter aus Kiel hierher, wenn sie etwas zu reparieren hatte.“

Besondere Cashmere-Teile statt Massenware

Heydorns lassen alle Teile ihrer Kollektion in Katmandu in Nepal stricken, drei bis fünf Wochen dauert es etwa, bis das maßgefertigte Stück aus der Manufaktur kommt. 30 verschiedene Farben stehen zur Auswahl, dazu können Längen von Ärmeln oder Weiten von Kragen und Bündchen angepasst werden. „Wir haben Kunden, die möchten gern den linken Ärmel etwas kürzer als den rechten haben – damit die Armbanduhr Platz findet“, weiß Heydorn, die im Ladengeschäft viele Gespräche führt. „Fragt man nach dem Lieblingspulli oder der liebsten Farbe, dann ist man oft schon ganz nah dran an einem Menschen, und es freut uns, wenn sie uns ihre Geschichte erzählen“, sagt die junge Mutter.

Seltener Beruf: Frank Richter ist Kunst-Stopfer

Nachhaltig, einzigartig und unverwechselbar, so sehen sie ihre Kleidungsstücke. Ähnlich wie die Lebensläufe ihrer Kunden. Die sind das nämlich auch.

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