Hannoverscher Bahnhof

Nach Protest: NS-Gedenkstätte in Hamburg wird verlegt

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Peter Ulrich Meyer
Der Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz um 1935 – von hier wurden mehr als 8000 Juden, Roma und Sinti deportiert.

Der Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz um 1935 – von hier wurden mehr als 8000 Juden, Roma und Sinti deportiert.

Foto: Museum für Hamburgische Geschichte

Den ursprünglichen Standort hatten Verbände kritisiert, weil der Bauherr Büroflächen an die Wintershall Dea AG vermietet hatte.

Hamburg. Es ist der Neustart eines notwendigen Projekts, das im vergangenen Jahr fast schon gescheitert war: Das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof, das an die Deportation von mehr als 8000 Juden, Roma und Sinti von Hamburg aus erinnern soll, wird nun in einem eigenständigen Gebäude am Rande des Lohseparks angrenzend an den Ericusgraben entstehen.

In einem Mediationsverfahren unter der Leitung von Birgit Voßkühler, Präsidentin des Hamburgischen Verfassungsgerichts, haben sich die Stadt, die Verbände der Verfolgten des Naziregimes, die HafenCity GmbH und der Investor Harm Müller-Spreer auf diese Lösung verständigt.

Einigung: Dokuzentrum zu NS-Verfolung in HafenCity wird verlegt

Möglich wurde die Einigung, weil Müller-Spreer ein bezugsfertiges Gebäude errichten und der Stadt schenken wird. Den Innenausbau und den Aufbau der Dokumentation übernimmt die Stadt. Für das geplante Gebäude muss der Bebauungsplan geändert werden. Das Haus soll 2026 bezugsfertig sein.

Rückblende: Ursprünglich sollte das Dokumentationszentrum im Erdgeschoss eines von der Müller-Spreer AG auf dem Eckgrundstück Am Lohsepark/Steinschanze errichteten Bürogebäudes untergebracht werden. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass der Bauherr die Büroflächen an den Öl- und Gasproduzenten Wintershall/Dea vermietet hatte. Das Unternehmen war Teil der Aufrüstungs- und Kriegsführungspolitik des NS-Regimes und beteiligte sich an der Ausplünderung der okkupierten Staaten.

NS-Gedenkstättenstreit in Hamburg war im Sommer eskaliert

Die Verfolgtenverbände, die in die Planung des Dokumentationszentrums eingebunden waren, reagierten empört auf die Entwicklung. Der erste Versuch eines Mediationsverfahrens unter Leitung Verfassungsgerichts-Präsidentin Voßkühler scheiterte. Nacheinander stiegen die Rom und Cinti Union, der Landesverein der Sinti, die Jüdische Gemeinde und die Liberale Jüdische Gemeinde aus den Gesprächen aus.

Auch das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland lehnte eine weitere Mitarbeit ab. „Die Firma Wintershall ist nicht geeignet für eine Hausgemeinschaft mit uns. Kein Gedenkort unter einem Dach mit einem Konzern mit dieser NS-Vergangenheit“, sagte die damalige Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, die inzwischen verstorbene KZ-Überlebende Esther Bejerano. Bei einer zufälligen Begegnung mit dem Bauherrn und Investor Müller-Spreer im April 2021 sagte ihm Bejerano: „Wir können uns nicht damit abfinden! Sie haben die Möglichkeit, Sie können das ändern. Sie müssen das ändern.“

Neuer Standort erhöht die Sichtbarkeit des Hannoverschen Bahnhofs

Die Lage galt als verfahren, die Verbände forderten einen eigenständigen Bau. Im Herbst 2021 zeichnete sich eine Lösung ab, weil Müller-Spreer bereit war, ein solches Gebäude auf seine Kosten zu errichten. „Wenn man nicht mit dem Kopf durch die Wand kommt, muss man überlegen, ob man vielleicht an der Seite vorbeikommt“, sagte Kultursenator Carsten Brosda (SPD) bei der Vorstellung des neuen Plans in der Galerie der Gegenwart. Ein Solitär für das Dokuzentrum sei bereits ganz am Anfang der Planungen eine Überlegung gewesen, die dann aber verworfen worden sei.

Das zweigeschossige Gebäude verlängert in nördlicher Richtung die Achse des Gedenkortes – die sogenannte städtebauliche Fuge, die den historischen Gleisverlauf des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs kennzeichnet. Aus Sicht Brosdas erhöht der neue Standort die Sichtbarkeit des Dokuzentrums. „Der Ort ist Teil der städtischen Infrastruktur“, sagte Brosda. Wer von Norden über die Ericusbrücke den Lohespark betrete oder umgekehrt unterwegs sei, könne den Ort der Erinnerung an die Deportationen durch die Nazis „einfach beim Flanieren“ entdecken.

NS-Dokuzentrum in Hamburg soll 2026 eröffnen

„Die Lösung bietet die Chance, das Gedenken an diesem für Hamburg so wichtigen Ort zu stärken und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen zu fördern, die in aller Öffentlichkeit begangen wurden“, sagte Brosda. „Die Beteiligten haben die Möglichkeiten, die ein Mediationsverfahren bietet, hervorragend genutzt und gemeinsam eine Lösung erarbeitet, die auf Dauer tragfähig ist“, sagte Birgit Voßkühler.

„Weil alle es wollten, konnte eine Lösung gefunden werden“, sagte Helga Obens vom Auschwitz-Komitee. Allerdings koste die Neuplanung Zeit. Das Dokumentationszentrum am alten Standort sollte 2023 fertiggestellt sein. „Zu hoffen ist, dass noch einige Überlebende die Eröffnung des Dokuzentrums 2026 erleben können“, sagte Helga Obens, die feststellte, dass es nach wie vor kein Gesamtkonzept für die Sicherung und Präsentation der Erinnerungsorte gebe. „Zukünftig erwarten wir, dass Politik und Senat die Entscheidung über die Hamburger Erinnerungskultur nicht mehr an private Investoren delegiert.“

"Lebendiger Ort des Gedenkens" in der HafenCity

David Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, sprach von einem „wichtigen Schritt in Richtung einer aktiven Erinnerungskultur der Zeichen und nicht eines reinen Rituals“. Arnold Weiß vom Landesverein der Sinti sagte: „Wir sind froh, dass unser Protest gewirkt hat. Wir hoffen, dass die Stadt daraus die Konsequenz zieht, dass das notwendige Gedenken nicht privatisiert werden darf.“

Investor Müller-Spreer betonte, dass verloren gegangenes Vertrauen wieder hergestellt worden sei. „Es war mir ein Herzenswunsch, das Dokumentationszentrum von der Seite ins Zentrum des Parks zu rücken und einen Lernort für künftige Generationen zu schaffen“, sagte Müller-Spreer. „Das Dokuzentrum bettet sich in das Gesamtkonzept des Erinnerungsortes denk.mal Hannoverscher Bahnhof ein. So kann das gesamte Ensemble zu einem lebendigen Ort des Gedenkens inmitten des öffentlichen Lebens in der HafenCity werden“, sagte Andreas Kleinau, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity GmbH.

„Die zeitliche Verzögerung ist eine große Herausforderung“, sagte Oliver von Wrochem, Leiter des Projekts denk.mal Hannoverscher Bahnhof. Mit 600 Quadratmetern sei die Fläche für die geplante Ausstellung unter dem Titel „In aller Öffentlichkeit“ sogar etwas größer als am alten Standort vorgesehen.

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