Corona Hamburg

Abendblatt-Redakteure: Was Omikron mit uns macht

| Lesedauer: 34 Minuten
Der Mund-Nasen-Schutz prägt seit bald zwei Jahren das Bild der Stadt wie sonst nur ihre Wahrzeichen. Doch die Pandemie-Müdigkeit nimmt zu.

Der Mund-Nasen-Schutz prägt seit bald zwei Jahren das Bild der Stadt wie sonst nur ihre Wahrzeichen. Doch die Pandemie-Müdigkeit nimmt zu.

Foto: Georg Wendt / picture alliance/dpa

Wie lange noch durchalten? Was nützt das überhaupt? Die bisher stärkste Corona-Welle belastet jeden – und erzwingt Entscheidungen.

Hamburg. Wir alle tragen einen Virus in uns, jeden Tag: die Unsicherheit. Was macht die Omikron-Variante mit unseren Liebsten, unserer Stadt, uns selbst? Und alles rauscht über uns hinweg, die Infektionszahlen und Informationen, Inzidenzen, Prognosen, Meinungen. Noch nie aber waren die Entscheidungen so schwer. Halten wir weiter durch, befolgen die Regeln? Oder müssen wir ausbrechen aus dem Käfig, in dem wir seit bald zwei Jahren leben?

Wir wollen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wissen, wie es Ihnen geht, was sie in diesem nicht aufhören wollenden Ausnahmezustand beschäftigt. Und auch wir geben einen Blick in unser Innenleben. Redakteurinnen und Redakteure des Abendblatts erzählen von Müdigkeit, Wut, Zweifeln, aber auch Optimismus – und ihrer Haltung in der bisher stärksten Welle der Pandemie.

Geneviève Wood, Lokalredakteurin

Das Leben ist schön. Uns geht es gut. Trotzdem: Immer nur vernünftig zu sein, sich seit fast zwei Jahren meistens an die Regeln zu halten und Maßnahmen zu akzeptieren, die vor der Pandemie undenkbar gewesen wären, das nervt.

Verstand kämpft gegen Gefühl. Jeden Tag. Verstand gewinnt, aber das Gefühl ist trotzdem da. Das Gefühl, vor allem der Wunsch, dass es doch langsam mal reicht. Ja, aber was reicht? Die Regeln? Die Pandemie sowieso. Ich wehre mich innerlich gegen die Einschränkungen und bin dann gleichermaßen empört, als ich beobachte, wie Leute in einem Café eng an eng ohne Maske und ohne Abstand sitzen und dazu noch singen. Idioten, denke ich. Ich schränke mich nur wenig ein. Essen gehen ja, aber mit mulmigem Gefühl, wenn der Laden voll ist. Mehrere Freunde in einem Raum treffen? Ab und zu mit vorherigem Test. Fitnessstudio? Ja. Maske tragen? Auf jeden Fall.

Ich reise seit Beginn der Pandemie trotzdem und war immer viel unterwegs – beruflich treffe ich die Menschen lieber, als mit ihnen zu telefonieren. Ich lebe mit der Gefahr, vertraue der Impfung. Doppelt geimpft, geboostert, und trotzdem hocken wir wohl kommende Woche mit zwei Erwachsenen im Homeoffice auf 78 Quadratmetern mit nur einem Esstisch, weil nun nach fast zwei Jahren der Arbeitgeber des Mannes das so streng einfordert.

Für mich ist das Panikmache. Doppelt geimpft, die ältere Tochter geboostert, und trotzdem müssen die Töchter, die in kalten Klassenzimmern bei geöffneten Fenstern teilweise von acht bis 16 Uhr hinter ihren Masken hocken, jetzt auch noch im Sportunterricht Masken tragen. Das war das kleine bisschen Zuviel. Dann kommt ein ganz blödes Gefühl hoch: Wut – darauf, dass es immer die Kinder und Jugendlichen sind, denen so viel zugemutet wird und die das tatsächlich meist gut wegstecken, besser, als die Erwachsenen meinen.

Warum lässt man den Sportunterricht nicht ausfallen? Und auch diese Forderung kommt nur halbherzig, weil der Verstand weiß, dass es viele Kinder gibt, die sich sonst gar nicht bewegen würden. Und der Verstand weiß auch, dass eben nicht alle auf einmal krank in die Krankenhäuser eingeliefert werden können und daher Vorsicht geboten ist. Corona macht einen manchmal zu einem wütenden Kleinkind, das am liebsten schreien würde: „Ist mir aber egal, ich will das alles nicht!“

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur

In dieser Woche spürte ich, dass sich etwas verändert. Am Dienstag erreichte mich die Einladung eines Freundes zu einer Party: „Es mag etwas wunderlich erscheinen bei einer Hamburg-Inzidenz von 660. Andererseits muss man die ...Bar (und mich) feiern, solange es uns noch gibt“, hieß es da. Am Mittwoch traf ich einen Bekannten beim Italiener; bevor er ins Restaurant ging, schaltete er die Bluetooth-Technik aus – damit die Corona-WarnApp nicht auf Rot springen kann. Die beiden sind wie ich unsäglich coronamüde. Aufgeregt diskutieren wir seit Monaten über Long Covid und übersehen, dass dieses Syndrom längst die ganze Gesellschaft befallen hat: Deutschland ist müde, erschöpft, abgeschlagen, von Angst zerfressen, ein Schatten seiner selbst.

Corona ist schlimm. Aber wirken sich die Folgen der Pandemie, des Lockdowns, die Katastrophenmeldungen in Dauerschleife und der ewigen Kontaktbeschränkungen nicht bald schlimmer aus? In Hamburg sind 91,5 Prozent der Erwachsenen geimpft, doch von dem Versprechen, wir könnten danach zu unserem alten Leben zurückkehren, ist wenig geblieben.

Es zeichnet eine Gesellschaft aus, dass sie für das Leben alles gibt. Aber ich stelle mir die Frage, was für ein Leben es ist. Kinder haben monatelang die Schulen nicht von innen gesehen und müssen jetzt sogar beim Sport Masken tragen. Jugendliche werden zu Hause eingesperrt, statt die Welt zu entdecken. Erwachsene verkümmern auf dem heimischen Sofa mit der Fernbedienung in der Hand, und Senioren vereinsamen, weil sie niemanden mehr treffen dürfen. Wir riskieren aus Angst vor einer Überlastung der Kliniken unser soziales Leben, unsere Städte, unsere Kultur, unsere Jobs, unseren Wohlstand. Aus Angst zu sterben hören wir auf zu leben.

Alle Menschen sind sterblich. Und Menschen sind soziale Wesen – was ist von diesen banalen Weisheiten geblieben? Kehren wir zum Leben zurück – getestet, geimpft; nicht leichtsinnig, aber auch nicht länger von Angst zerfressen.

Monika Drews, stellvertretende Leiterin der Fotoredaktion

Denke ich an Corona, denke ich zuallererst an meine Mutter. Sie ist pflegebedürftig, und trotz der dreifachen Impfung bin ich voller Sorge, sie könnte sich anstecken – und die Erkrankung nicht so einfach wegstecken wie ein junger, gesunder Mensch. Auch daher arbeite ich im Home­office, treffe mich mit Menschen fast nur noch draußen und gehe zum Einkaufen nur mit FFP2-Maske. Ich war seit zwei Jahren nicht mehr im Kino oder bei großen Veranstaltungen, um meine Mutter und am Anfang der Pandemie auch meinen Vater nicht zu gefährden.

Wenn ich höre, dass immer mehr Menschen der strengen Regeln und neuen Entwicklungen überdrüssig sind, denke ich nicht an mich – sondern an meine Mutter und die Verantwortung, die wir alle haben. Dass wir die schützen müssen, die sich nicht impfen lassen können oder dürfen – oder die trotz Impfung gefährdet sind. Und dass wir alle miteinander dafür Sorge tragen müssen, dass die Infrastruktur nicht zusammenbricht, weil zu viele Menschen erkranken oder in Quarantäne sind.

Dass wir an die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte denken, die überlastet sind und denen jetzt durch Omikron volllaufende Normalstationen drohen. Ich denke an meine Mutter, die seit dem Tod meines Vater 2020 sehr niedergeschlagen ist und durch Corona noch einmal mehr eine verschärfte Trauerzeit durchmachen muss. Die nach einer Operation isoliert in einer Reha war, wo kein Besuch empfangen werden durfte, wo das Personal aufgrund Zeitmangels und Ansteckungsgefahr keine Zeit für Kommunikation und Fürsprache hatte. Die in der Kurzzeitpflege auch nur drei Stunden Besuch in der Woche bekommen durfte.

Wie viele Menschen durch diese Isolation krank geworden oder sogar gestorben sind, wird man wohl erst in ein paar Jahren erfahren. Viele Senioren leiden: die in den Krankenhäusern liegen und keinen spontanen Besuch bekommen dürfen; die in den Pflegeheimen, die ständig mit der Angst leben, wieder isoliert oder nicht mehr richtig versorgt zu werden, weil die Pflegekräfte erkranken. Ich verstehe aber auch, wenn viele alte Menschen sagen, mir läuft die Zeit davon. Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe, und möchte noch etwas von meinem Leben haben.

Dazu kommt, dass diese Generation teilweise ja schon viele traumatische Erlebnisse in der Kindheit während des Krieges erlebt hat. Und da die Mehrheit der Seniorinnen und Senioren hoffentlich auch bald geboostert ist, wäre es sehr wichtig, dass sie nicht mehr isoliert werden müssen. Bei allen anderen hoffe ich, dass sich jeder, der jetzt genug von all den Regeln hat, bewusst macht, dass es nicht nur um die persönlichen Bedürfnisse und Befindlichkeiten geht. Damit wir alle einigermaßen glimpflich durch den Winter kommen.

Georg J. Schulz, Chefreporter

Anfangs hatte ich wirklich Sorge, doch inzwischen ist es höchstens noch Respekt. Zwar bleibt angesichts der Ansteckungsgefahr durch Omikron ein mulmiges Gefühl, aber für die meisten scheint gerade diese Mutation eher Chance als Risiko zu sein. Ich teste mich öfters, habe drei Impfungen hinter mir – und keine Lust, so zu tun, als hätten wir aus der Pandemie nichts gelernt.

Wer die Wand der Inzidenzzahlen tagtäglich als Horrorkulisse benutzt und geimpfte Corona-Infizierte mit Beinbruch genauso als Hospitalisierte zählt wie Menschen mit Atemnot, der macht vor allem Angst und verunsichert. Doch dazu gibt es, zumindest für kürzlich Geimpfte und Geboosterte ohne schwere Risiken, vermutlich keinen Grund mehr. Ganze Branchen und die Staatsfinanzen sind nach zweijähriger Krise am Limit, auch tun mir Studenten leid, denn die haben meist wieder Online-Unterricht und verpassen fast alles, was ein Studium abseits des Stoffes ausmacht. Dass die Schulen offen sind, finde ich richtig – zum Glück gibt es in der Politik Kräfte, die einen knallharten Lockdown bislang verhindert haben.

Was ich von 2G plus halte? Damit fahren wir wohl noch ein paar Wochen lang besser als ohne jeden Schutz. Strenger sollte es aber nicht mehr werden. Das Lamento einiger, wir müssten alles noch einmal herunterfahren, bis auch der Letzte geimpft und geboostert ist, scheint mir unerträglich, zumal andere Länder nun dazu übergehen, das Coronavirus wie eine endemische Grippe zu betrachten. Wir alle werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben – mit großer Betonung auf dem letzten Wort.

Elisabeth Jessen, Verantwortliche Redakteurin

Über den Sinn der Impfung diskutiere ich nicht mehr. Die Studienlage beweist eindeutig, dass sich nur dadurch schwere Corona-Verläufe verhindern lassen. Wer wie ich gleich zu Beginn der Pandemie mit Corona infiziert war, weiß, dass einem die Krankheit übel mitspielen kann, weil die Spätfolgen auch bei einem milden Verlauf enorm sein können und nicht verschwinden wollen. Auch nach fast zwei Jahren nicht.

Lange hatte ich keine Angst, mich erneut anzustecken, weil genesen, geimpft und inzwischen geboostert, aber seit der Verbreitung der Omikron-Variante ist diese Unbefangenheit komplett weg. Meine Strategie sind regelmäßige Tests, um andere Menschen nicht zu gefährden. Ich treffe weiterhin Freunde, aber nur in kleiner Runde und getestet. Auch Sport im Fitnessstudio mache ich noch, weil ich das für meine Gesundheit enorm wichtig finde.

Was ich mir jeden Tag bewusst mache: Vielen von uns geht es trotz all der Einschränkungen gut. Wir haben genug zu essen, eine warme Wohnung, soziale Kontakte, wenn auch weniger als sonst. Wer existenzielle Nöte hat, weil er sein Geschäft nur mit Einschränkungen oder gar nicht betreiben darf, der darf auch klagen in diesen Zeiten. Menschen wie ich und viele meiner Freunde nicht!

Und trotzdem nervt auch mich etwas: Das Leben ist so unplanbar geworden. Egal ob eine Verabredung mit Freunden, der Traum, mal wieder Urlaub zu machen, ein ärztlicher Eingriff: Man muss einfach ständig damit rechnen, dass man dann just dann krank wird und in Isolation ist. Laut WHO wird sich jeder zweite Europäer bis März infizieren. Das halte ich für nicht unrealistisch. Also bleibt einem nur, jedem Tag etwas Positives abzugewinnen. Ohnehin mein Lebensmotto. Und in der Pandemie erst recht!

Maike Huckschlag, Volontärin in der Lokalredaktion

Den ganzen Tag mit dem Fahrrad oder der Bahn durch Hamburg hetzen, die neuesten Geschichten aufspüren und dann leicht gestresst, aber hoch motiviert zu Papier bringen. So oder so ähnlich hatte ich mir eigentlich mein Volontariat beim Hamburger Abendblatt vorgestellt. Tja. Dank Corona startet mein Volontariat nun größtenteils aus dem Homeoffice. Aber: Das ist okay! Dann eben halt Norddeutsch übers Telefon.

Viele verlässt momentan das Durchhaltevermögen und der Optimismus. Das kann ich gut verstehen. Auch bei mir verliefen die letzten zwei Jahre emotional gesehen wellenartig. Doch die voraussichtlich nicht so schwer verlaufende Omikron-Variante, der Zustand, dass die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist, und das Wissen darüber, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen sollten, lassen mich hoffen.

Außerdem ist bald Frühling. Mein erster Frühling, den ich in der Hansestadt erleben werde. Ich glaube, ich habe mich selten so sehr über wechselnde Jahreszeiten und gutes Wetter gefreut wie in den letzten zwei Jahren. Auch habe ich meine Liebe zur Natur wiederentdeckt. Mit 28 Jahren in der Großstadt vielleicht etwas ungewöhnlich, doch Corona macht’s möglich. Vielleicht wäre ich ohne Corona auch niemals auf meinen Lieblingssport, das Rennradfahren, gekommen.

Für Impfgegner und Menschen, die unsere derzeitige Regierungsform als Diktatur bezeichnen, kann ich längst schon kein Verständnis mehr aufbringen. Ich finde es nicht nur gegenüber unserer eigenen Bevölkerung unsolidarisch, sondern vor allem auch gegenüber Staaten, in denen noch nicht genügend Impfstoff vorhanden ist. Darüber habe ich mich oft geärgert. Sehr oft.

Das mache ich mittlerweile aber nicht mehr. Es bringt nichts. Wenn mir die Möglichkeit offensteht, jemanden von der Impfung zu überzeugen, der sich bisher noch schwertut, dann ergreife ich sie. Ich versuche es. Ich glaube, man darf nicht hoffnungslos werden und resignieren. Das ist das Wichtigste. Um das zu schaffen, schaffe ich mir jeden Tag kleine Highlights wie das Entdecken eines neuen Parks oder das Franzbrötchen von einem neuen Bäcker. Den Zustand der Wut habe ich jedenfalls irgendwie überwunden – zumindest vorerst. Ich glaube, 2022 wird besser. Ganz bestimmt!

Alexander Josefowicz, Redakteur im Online-Ressort

Nach müde kommt blöd, weiß der Volksmund. Kann ich bestätigen. Ich bin der Pandemie so müde, dass ich alles nur noch blöd finde. Varianten, Regeln, Inzidenzen – besonders aber Querdenker und ihre Lust an so überflüssiger wie nervtötender Diskussion. Nach zwei Jahren Pandemie, nach 115.000 Toten allein in Deutschland und Millionen weltweit müssen wir nicht mehr darüber sprechen, ob das Coronavirus gefährlich ist. Es ist mir zu blöd, weiter Statistiken zur Übersterblichkeit zu zitieren und verlogene „an oder mit Corona“-Scharaden zu spielen, während man sich in den Krankenhäusern fragt, was eher am Ende ist: die freien Betten oder die Menschen, die die darin Liegenden betreuen.

Nach weltweit Milliarden verabreichter Impfdosen und penibelster Untersuchung jedweder Nebenwirkungen müssen wir nicht mehr abwägen, ob mehr Gefahr von der Krankheit oder von der Impfung droht. Es ist mir zu blöd, den Unterschied zwischen DNA und mRNA zu erläutern und Geschichten vom Nachbarn des angeheirateten Schwippschwagers zu hören, dessen Schwester fast an der Impfung gestorben wäre, während in anderen Ländern händeringend auf Impfstoff gewartet wird.

Nach anderthalb Jahren Maskenpflicht und Abstandsgebot müssen wir auch wirklich nicht mehr darüber sprechen, warum man seinem Vordermann in der Kassenschlange nicht in den Nacken atmet und warum auch die Nase unter die Maske gehört. Es ist mir zu blöd, Leute anzublaffen, die selbst dieses Mindestmaß an pandemischer Etikette nicht begreifen, während ein Mob Unbelehrbarer im Wochenrhythmus durch Hamburg ziehen durfte und sich damit brüstet, alle Regeln für Schwachsinn zu halten.

Sollte Sie der Verdacht beschleichen, dass mir irgendwann zwischen auf nahe null zurückgefahrenem Sozialleben, Boosterimpfung, FFP2-Maske und drei wöchentlichen Schnelltests auch noch der letzte Rest Geduld mit den versammelten Pandemiebremsklötzen abhandengekommen ist und ich mir nur noch wünsche, dass möglichst bald eine möglichst hart sanktionierte Impfpflicht eingeführt wird: Das stimmt. Alles andere wäre wirklich zu blöd.

Volker Gast, Redakteur in der Bergedorf-Redaktion

Käme wieder ein Lockdown, ich glaube, ich würde das gar nicht merken. Denn faktisch lebe ich ihn längst. Freiwillig. Doppelt geimpft. Urlaub? Essen gehen? Treffen mit Freunden? Alles Monate her. Theater? Kino? HSV im Stadion? Jahre her.

Alle Termine, die meine Frau und ich in den vergangenen Monaten wahrgenommen haben, waren beruflich motiviert. Das muss so sein, um gegenüber unserer Tochter (10) glaubwürdig zu sein. „Freizeitparks, Jahrmärkte, ja selbst dein geliebtes Miniatur Wunderland“, haben wir ihr vergangenes Jahr erklärt, „alles wieder geöffnet, aber nicht für dich.“ Dabei blieb es. Inkonsequenzen? Leisten wir uns auch. Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass das Virus trotz aller Vorsicht auch zu uns kommen kann, wollen nicht in Angst davor leben.

Unsere Tochter kann Freunde treffen, so oft sie will, Sportkurse besuchen. Alles, was ihren natürlichen Bewegungsdrang bedient, ist willkommen. Die Sportvereine zu schließen war die dümmste aller Corona-Entscheidungen. Mit mir selbst bin ich strikter, habe meine Basketball-Truppe seit Ewigkeiten nicht gesehen. Ist besser so für einen Übergewichtigen über 50. Ich bin die Zielgruppe des Virus.

Entscheidend bei einer Krise ist, wie klar man da rangeht. Was also genau haben die Leute an „unnötige Kontakte reduzieren“ nicht verstanden? „Warum das alles?“, höre ich immer wieder. „Durch Omikron kriegen wir jetzt doch sowieso alle Corona.“ Das möge mir mal jemand vorrechnen. 80.000 Infektionen pro Tag, das ist ein Promille der Bevölkerung. Die Steigerungsrate mal außen vor, macht das grob zehn Prozent Infizierte bis Ostern. Bleiben 90 Prozent die sich NICHT anstecken. Es geht darum, alles zu tun, um zu diesen 90 Prozent zu gehören.

Stattdessen regiert eine neue Lockerheit im Umgang mit der Pandemie. Ich finde, wir Erwachsenen versündigen uns gerade an unseren Kindern, die mit vier Lagen Kleidung übereinander und Masken bei offenen Fenstern in zugigen Klassenzimmern sitzen, nur weil wir nicht in der Lage sind, das Problem in den Griff zu bekommen.

Henrik Jacobs, Verantwortlicher Redakteur in der Sportredaktion

Ich war gerade auf dem Weg zur Geburtstagsparty meiner Freundin, als mein Corona-Schnelltest rot aufleuchtete. Covid-19 positiv. Ein Schock. Ich fühlte mich leicht erkältet, hatte mir aber nichts dabei gedacht. Schließlich war ich erst seit drei Monaten das zweite Mal geimpft. „Bei Delta registrieren wir viele Impfdurchbrüche“, sagte der Mitarbeiter vom Gesundheitsamt am Telefon, nachdem auch mein PCR-Test positiv war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits seit zwei Tagen Fieber. Und hatte zwei weitere Mitmenschen angesteckt. Am 10. Dezember war das.

Dass ich zu diesem Zeitpunkt mit ziemlicher Sicherheit schon mit Omi­kron infiziert war, habe ich bis heute nicht erfahren. Wäre nicht die in Holland wohnende Freundin, die ich zuvor angesteckt hatte, in Rotterdam vom dortigen Gesundheitsamt über ihre Omi­kron-Infektion aufgeklärt worden, würde ich heute noch vermuten, dass es bei mir Delta war. So dürfte es derzeit Tausenden Hamburgern gehen.

Am Ende blieb mir zumindest das Gefühl, im Omikron-Risikogebiet Spanien zu Silvester wieder ohne ein mulmiges Gefühl in eine Bar zu gehen und auf engem Raum mit anderen Menschen zu tanzen. Mit Menschen, die einen anderen Umgang mit der Pandemie gefunden haben. Die sich nicht von den ständigen Horrorszenarien entmutigen lassen, die vor allem in Deutschland von der Politik gezeichnet werden und zu allgemeinen Angstzuständen in der Gesellschaft geführt haben. Es ist an der Zeit, auszubrechen aus dem ständigen Alarmzustand, der seit fast zwei Jahren unser Leben bestimmt. Das gilt auch für uns Medien, in denen der Begriff „Corona-Alarm“ noch immer die Schlagzeilen dominiert.

Was aus meiner Omikron-Erfahrung bleibt? Die Gewissheit, dass Impfen für den individuellen Gesundheitsschutz wichtig, aber nicht der einzige Weg aus der Pandemie ist. Dass eine Impflicht kaum zu vermitteln ist, wenn die Impfung nicht vor einer Infektion und der Verbreitung schützt. Und dass es noch viel wichtiger ist, auf der Seite der Impfgegner und -befürworter zumindest mal zu versuchen, die eigene Position zu verlassen und gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Die Pandemie wird irgendwann vorbei sein, miteinander Bier trinken sollte man auch danach noch können.

Camilla John, Redakteurin in der Lokalredaktion

Schon vor einigen Wochen erzählte mir meine Freundin aus Bayern am Telefon, dass ihr neunjähriger Sohn gegen Corona geimpft werde. Es sei sein eigener Wunsch gewesen, sagte die Zahnärztin, die – ebenso wie ich selbst – den Vorteil für das Kind nicht sah und anders entschieden hätte. Gegen die Kinderimpfung und damit gegen einen weiteren Punkt, der den Kindern neben Masken in der Schule, ausfallenden Hobbys, fehlenden Kindergeburtstagen oder abgesagten Familientreffen auferlegt wurde.

Jetzt nicht auch noch die Diskussionen um eine verhasste, abgelehnte Spritze, die nicht mal zwingend notwendig ist, so dachte ich. Doch dann kam mein Grundschüler vor einigen Tagen und sagte aus dem Nichts heraus: „Ich will gegen Corona geimpft werden. Wann geht das? Ihr seid es ja auch.“

Den ersten Piks hat er bereits bekommen, ohne ein Wimpernzucken seinerseits übrigens. Die Erleichterung darüber, dass er nun nicht derjenige sein wird, der mit positivem Schnelltest hektisch die Klasse verlassen muss, dass er nicht derjenige sein wird, der tagelang isoliert in seinem Zimmer hocken muss und dessen Eltern zum Schutz der übrigen Geschwister Einmalhandschuhe tragen, wenn sie ihn testen, hat Ängste vor dem Schmerz des Einstichs zunichtegemacht. Und mir als Mutter gezeigt, wie tief die Thematik schon in der Seele meines Kindes steckt. Auch wenn die Kleinsten es nicht täglich äußern und sich im besten Fall gut anpassen an die Situation, wie es immer wieder gesagt und geschrieben wird, so passen sie sich eben an eine Ausnahmesituation an. Eine wahnsinnig lange. Und ich weiß nicht, was ich ihm Tröstendes sagen soll, wenn Omikron doch zuschlägt und der befürchtete Anruf von der Schule kommt.

Achim Leoni, Redakteur in der Online-Redaktion

Mit Corona leben zu lernen, dafür hatte ich jetzt jede Menge Zeit. Im vergangenen Frühjahr, ein Impftermin war schon in Aussicht, habe ich mir das Virus eingefangen, Variante Alpha. Ich glaubte an einen leichten Verlauf, fühlte mich fit und, na ja, nicht allzu alt. Aber ich hatte meine Rechnung ohne Long Covid gemacht.

Als die akute Erkrankung schon vorbei war, landete ich doch noch im Krankenhaus. Jetzt muss ich einmal die Woche zum Arzt und mir eine Spritze setzen lassen, um nicht zu verbluten. Der Grund ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Blutplättchen angreift, sodass innere und äußere Wunden nicht mehr verheilen.

Warum ich das erzähle? Nicht, um Mitleid zu bekommen. Viele trifft Corona ungleich härter, gesundheitlich, psychisch, finanziell. Meine Kinder sind zwar wirklich genesen, aber ihnen hat die Pandemie mehr genommen: ein Stück unbeschwerte Jugend, mindestens. Ja, auch ich vermisse einiges: mein altes Arbeitsumfeld, unter Menschen zu sein, ohne daran zu denken, welche Gefahr wohl von ihnen ausgeht. Aber was habe ich sonst schon auszustehen? Einen kleinen Piks alle sieben Tage.

Der hat allerdings eine gar nicht so seltene Nebenwirkung, die nicht auf der Verpackungsbeilage steht: Wut. Ich verspüre sie gegenüber all jenen, die diese Krankheit verharmlosen. Die nur ihr eigenes Unglück sehen. Die nicht zu schätzen wissen, wie privilegiert sie, wir trotz allem sind. Die sich nicht an die Spielregeln halten. Die Wissenschaft ignorieren und glauben, es besser zu wissen. Die lamentieren, dass uns Grundrechte genommen würden, obwohl vor allem sie der Grund dafür sind. Die nicht verstehen wollen, dass ihre vermeintliche Freiheit da aufhört, wo sie andere beeinträchtigt. Jens Spahn hatte zumindest damit recht: Wir werden einander viel verzeihen müssen, wenn das alles einmal vorbei ist.

Bis dahin können wir uns ja wohl zusammenreißen, auch wenn es manchmal schwerfällt!

Juliane Minow, Redakteurin in der Ahrensburg-Regionalredaktion

Wenn diese Zeitung gedruckt wird, bin ich gerade auf dem Weg in den Skiurlaub. Nicht, weil mir die Pandemie egal ist, nicht, weil ich keine Bedenken habe. Das Gegenteil ist der Fall. Aber weil ich nach zwei Jahren Auf und Ab, einer Achterbahnfahrt der Corona-Gefühle, müde geworden bin zu warten. Corona wird nicht vorbei sein, eine Rückkehr zur Normalität, wie wir sie kennen, wird es so schnell nicht geben. Ich hatte große Hoffnungen in den Impfstoff, habe uns im Sommer 2021, als die Inzidenzen niedriger waren als die Außentemperaturen, in Sicherheit gewähnt. Dass das nicht das Ende war, sondern nur jemand kurz die Pausentaste gedrückt hatte, habe ich nicht geahnt.

Auch nicht geahnt habe ich, warum das passieren wird, wie viele sich dem wirksamsten Mittel zur Pandemiebekämpfung verweigern: Querdenker und „Spaziergänger“, die zu Tausenden durch unsere Städte ziehen und die Inzidenzen in nie da gewesene Höhen treiben. Ohne sie gäbe es die Einschränkungen, gegen die sie demonstrieren, vielleicht nicht. Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen Bedenken gegenüber dem neuen Impfstoff haben. Kein Verständnis habe ich dafür, mit welcher Vehemenz und Ignoranz sie die Augen verschließen vor den Erkenntnissen der Wissenschaft. Das ist auch der Grund, aus dem ich meinen Skiurlaub, mein liebstes Hobby der Welt, in diesem Jahr nicht zum dritten Mal absagen werde: weil ich wütend bin.

Weil ich (selbstverständlich) dreifach geimpft bin, weil ich in meinem Alltag auf viel verzichte. Weil ich nicht bereit bin, mich in dieser Sache, die mir wirklich wichtig ist, einzuschränken wegen derjenigen, die sich andersherum nicht einschränken wollen, die unser Gemeinwohl mit Füßen treten. Nun steht Omikron vor der Tür, ist vielmehr schon längst eingetreten. Ich war immer gegen eine Impfpflicht, heute bin ich es nicht mehr. Weil diese Pandemie Menschenleben und Existenzen gekostet hat und weitere kosten wird.

Ich bin in dieser Krise trotz allem noch immer auf der Insel der Glückseligen. Ich war in Kurzarbeit, hatte finanzielle Einbußen, war verdammt zur Einsamkeit im Homeoffice und musste Urlaube, Konzerte, Festivals und so viel, was das Leben lebenswert macht, absagen – so wie wir alle. Aber ich bin kein Gastronom, kein Einzelhändler, kein Discobetreiber oder Kulturschaffender (diese Liste könnte endlos fortgesetzt werden), die an der Pandemie zerbrechen. Ich habe keine Kinder im schulpflichtigen Alter, arbeite nicht auf einer Intensivstation. Vor allem: Ich bin nicht erkrankt. Ich bin am Leben. Diese Pandemie hat irreparable Schäden angerichtet. Deshalb wünsche ich mir, dass die Politik die Reißleine zieht – und zwar in Form einer Impfpflicht. Ich habe bis jetzt noch keinen Menschen getroffen, der sich das nicht wünschen würde.

Sabine Tesche, Leiterin der Redaktion „Von Mensch zu Mensch“

Alles habe ich diese Woche abgesagt: den lange geplanten Lunch mit einer Freundin, den wir schon zweimal verschoben hatten, einen Abendtermin und ein Restaurantessen mit Freunden, auf das ich mich sehr gefreut habe. Alles wegen Omikron, weil die Kurve doch rasanter steigt, als ich mir hätte träumen lassen – und weil mein Vater nächste Woche 85 Jahre alt wird. Momentan ist mein wichtigstes Ziel: Ohne Infektion bei meinen Eltern im Süden anzukommen – sie sind geboostert, ich bin geboostert, aber trotz allem möchte ich sie auf keinen Fall anstecken.

Die Abendtermine, die Empfänge und Charity-Veranstaltungen, das vermisse ich momentan am meisten, denn sie sind Teil meines Jobs, das Salz in der Suppe, weil ich dort spannende Menschen treffe, von neuen sozialen Projekten erfahre, meinen Horizont erweitere. Aber das ist wirklich Klagen auf höchstem Niveau, denn das kommt alles wieder, da bin ich sicher.

Ich bin trotz Pandemie guter Laune und vor allem tief dankbar dafür, dass ich einen tollen Job, eine wunderbare Familie und ein Zuhause habe, in dem es genügend Platz für Homeoffice gibt. Das ist ein absolutes Privileg, denn ich erlebe jeden Tag bei der Arbeit durch die Anträge von Hilfsbedürftigen an den Verein „Hamburger Abendblatt hilft“, welche Auswirkungen Corona auf deren Leben gehabt hat – wir helfen z. B. Kindern, deren Mutter daran gestorben ist, Alleinerziehenden, die ihren Job verloren haben. So fände ich es vermessen, wenn ich mich über meine Lage ernsthaft beschweren würde. Das Bewusstsein dafür hat mich auch ein Stück demütig gemacht. Und zum Glück bin ich zudem eine unerschütterliche Optimistin, daran wird auch dieses Virus nichts ändern.

Insa Gall, Leiterin der Lokalredaktion

Nun fahren wir also wieder auf Sicht, schauen von Woche zu Woche, mit wem wir uns noch treffen, wen wir besuchen, wo wir hinfahren und was uns anschauen können. Wir sind ja längst Pandemie-Profis. Ich habe in Wahrheit wenig auszustehen. Wütend bin ich trotzdem – im Namen der jüngeren und der älteren Generation. Wütend auf die Querdenker und Corona-Zweifler, die „Besser“-Wisser und Unbelehrbaren.

Die Forschung hat uns im Rekordtempo ein Mittel an die Hand gegeben, das uns aus der Pandemie herausführen könnte. Doch viel zu viele Menschen nutzen die Impfangebote nicht, sei es aus Angst, falschen Informationen, seltsam kruden Ideen oder einfach aus Schusseligkeit. Die Ungeimpften haben das Virus weiter zirkulieren lassen, so konnte sich auf die Delta- noch die Omikronwelle auftürmen.

Während sich Corona-Infektionen in unserem Umfeld häufen und die Einschläge näherkommen, tut es mir vor allem leid für meine Töchter. Die eine, die demnächst unter verschärften Corona-Bedingungen ihr Abitur schreiben muss und eigentlich keinen Tag in der Schule fehlen kann, auch wenn immer mehr Mitschüler erkranken. Vom 18. Geburtstag im März, den sie wie schon den 16. und den 17. vermutlich nur im kleinen Kreis feiern kann, ganz zu schweigen. Und die andere, die bereits studiert und von fünf Semestern nur ein einziges in voller Präsenz absolvieren konnte. Jetzt lernt sie wieder zu Hause am Küchentisch und sorgt sich langsam um die Qualität ihrer Ausbildung.

Wütend bin ich auch im Namen der Generation meiner Eltern, die sich in den vergangenen Jahren so sehr vorsehen mussten, auf Treffen mit den Freunden ebenso verzichtet haben wie auf Theaterbesuche oder Ausflüge, nur noch selten einkaufen gehen und keine Reisen planen. Omikron lässt auch ihre Welt wieder kleiner werden. Das haben sie nicht verdient.

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