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Sternbrücke: So geht der Kampf um den Neubau weiter

| Lesedauer: 9 Minuten
Elisabeth Gefeller und Luca Gerdes
Die Sternbrücke an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße soll bis Ende 2026 ersetzt werden.

Die Sternbrücke an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße soll bis Ende 2026 ersetzt werden.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Widerstand gegen geplante Baumaßnahmen. Auch Architekten für Sanierung. Stadt will Lehren aus Konflikt ziehen.

Hamburg. Mächtig, stählern, stolz – die Sternbrücke an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße ist gezeichnet von 100 Jahren Geschichte. Seit 1925 steht die Brücke für architektonische Exzellenz und Stabilität in einem sich ständig verändernden Hamburg. Die Brücke ist für viele mehr als nur ein gigantisches Stück Stahl: ein Lebensgefühl, ein wichtiger Bestandteil des Stadtteils, die „Grande Dame Altonas“.

Doch auch robuste Konstruktionen altern irgendwann: Es muss etwas passieren, darin sind sich alle einig. Aber wie genau ihre Zukunft aussehen soll – ob Neubau oder Sanierung –, darüber herrscht bis heute keine Einigkeit.

Planungen zur Sternbrücke müssen auch Verkehr berücksichtigen

Viele Dinge müssen in der Planung eines so umfangreichen Projekts berücksichtigt werden: verkehrspolitische und architektonische Aspekte, Mobilitätswende und Umweltrichtlinien, die Einbettung in das Stadtbild und die bestehende Kulturszene rund um die Sternbrücke. Involvierte haben unterschiedliche Ansichten.

Die Deutsche Bahn sieht die Sache pragmatisch. Aktuell passieren etwa 900 Züge pro Tag die Stahlkonstruktion, darunter ICE und S-Bahnen. Auf neun Spuren und zwei Straßen fahren zahlreiche Autos Tag und Nacht unter der Brücke hindurch. Die Deutsche Bahn ließ die Brücke begutachten und kam zu dem Entschluss: Ein Neubau ist notwendig. Das war im Frühjahr 2020 – seitdem läuft das Planfeststellungsverfahren.

Das sei „langfristig die beste Lösung“, so Markus Warnke, Leiter Projekte Kon­struktiver Ingenieurbau bei der DB Netz AG. Da die Stützen der Brücke die Stresemannstraße auf drei Spuren beschränken, forderte der Senat als Bedingung für die großzügigen Zuschüsse eine Brücke ohne Stützen. Doch das ist statisch nur möglich, indem ein gigantischer Bogen gebaut wird, welcher die Brücke stabilisiert. Außerdem müssen mehrere Altbauten der neuen Brücke weichen.

Sternbrücke: Neubau für Deutsche Bahn unausweichlich

Für Markus Warnke ist ein Neubau unausweichlich: „Eine Sanierung des Bauwerks ist umfangreich gutachterlich untersucht und im Ergebnis verworfen worden.“ Doch Gegner der neuen Brücke bezweifeln, dass die Gutachten der Deutschen Bahn ausreichend waren. Der Projektleiter stellt klar, dass eine Sanierung aus Sicht seines Konzerns nicht zielführend sei: „Der Stahl ist aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung nicht schweißbar, er ist ermüdet und spröde geworden.“

Dennoch besteht weiter der Vorwurf, dass die Deutsche Bahn sich für einen Neubau aus finanziellen Gründen entschieden hat: Denn die Stadt sichert finanzielle Unterstützung bei einem Neubau, nicht aber bei einer Sanierung. Einen Zusammenhang bestreitet Warnke. „Eine Sanierung des Bauwerks ist nicht aus Kosten- oder Finanzierungsgründen verworfen worden.“

Außerdem beklagen Verbände wie der Bund Deutscher Architekten (BDA) sowie die Initiative Sternbrücke die unzureichende Bürgerbeteiligung. Warnke gibt zu, dass die Kommunikation in der Vergangenheit „nicht optimal gelaufen ist“. Er merkt allerdings auch an, dass sich die Deutsche Bahn seit zwei Jahren offen der Kritik und den Fragen der Bevölkerung stelle. Doch reicht das aus, wenn der Beschluss für einen Neubau bereits gefällt wurde? Der BDA nennt eine Sanierung eine „Wunschlösung“ und fordert andernfalls einen öffentlichen Wettbewerb bei der Planung des Projekts. Den Vorteil der langen Haltbarkeit eines Neubaus bestreitet der Architektenbund nicht. Die Gestaltung von Brücken habe jedoch nicht nur eine hohe Bedeutung, sondern könne auch Glanzlichter setzen.

Deutsche Bahn sah bei Sternbrücke keinen Spielraum für Wettbewerb

Markus Warnke von der Deutschen Bahn kann die Forderung dennoch nicht nachvollziehen: „Ein öffentlicher Wettbewerb hätte bei den Teilnehmern, in der Politik und Öffentlichkeit aus unserer Sicht ganz falsche Erwartungen an die Möglichkeiten zur Ausgestaltung und Planungsflexibilität bei einem solchen technischen Bauwerk geweckt.“

Für Axel Bühler, Sprecher der Initiative Sternbrücke, ist die Sache ganz klar: „Unsere Präferenz ist und bleibt eine Sanierung.“ Die Initiative setzt sich für den Erhalt der denkmalgeschützten Sternbrücke ein und dafür, so viele angrenzende Bauten wie möglich zu bewahren. Dies sei auch im Sinne der Anwohner, denn nur so könne der Charakter des Ortes erhalten bleiben. Nur wenn eine Sanierung partout nicht infrage kommt, könne über einen Neubau diskutiert werden. Aber nicht über die geplante „Monsterbrücke“, wie die Gegner sie schimpfen: „Der Deutschen Bahn und der Stadt Hamburg ist es völlig egal, ob die neue Brücke zum Stadtbild passt, oder nicht“, klagt Bühler. „Einen Neubau haben sie besser unter Kontrolle, außerdem können sie in dem Zuge auch mehr Fahrspuren bauen.“

Sternbrücke: Anwohnende verlieren wegen Neubau ihr Grundstück

Ob das im Sinne einer Verkehrswende sei, bezweifele er. Viele Clubbetreibende und Anwohnende würden durch einen Neubau ihr Grundstück verlieren. Bühler bemängelt: „Ein Auszug schwebt schon lange in der Luft, darum wurde sich viele Jahre nicht richtig gekümmert.“ Die Initiative Sternbrücke fordert einen sofortigen Stopp des Planfeststellungsverfahrens, welches der Deutschen Bahn den Abriss und anschließenden Neubau der Brücke erlauben würde. Bühler selbst bezweifelt, dass es noch zu einer Einigung zwischen den Parteien kommt. Die Arbeit der Initiative hält er dennoch weiterhin für sehr wichtig. Am 25. November erklärten die Deutsche Bahn und der Senat, eine Umweltverträglichkeitsprüfung nachzuholen. „Das hätte ohne unsere Arbeit gar nicht stattgefunden“, sagt Bühler.

Auf Anfrage des Abendblatts äußerte sich auch der verkehrspolitische Sprecher der SPD in der Bürgerschaft, Ole Thorben Buschhüter, zu der Thematik. Zu dem Vorwurf, dass zusätzliche Fahrstreifen nicht im Sinne der verkehrspolitischen Wende seien, antwortet er: „Die Mobilitätswende erfordert auch unter der Brücke mehr Platz: Für bessere Radverkehrsanlagen, breitere Gehwege, ausreichend dimensionierte Bushaltestellen mit Wartebereichen und separate Spuren für den Busverkehr“. Eine Sanierung der Brücke würde nicht infrage kommen, da „die Mobilitätswende mehr Platz unter der Brücke erfordert Außerdem sei es ungewiss, ob eine Sanierung überhaupt gelingen würde.

Brückenforum soll Bau der neuen Sternbrücke begleiten

Dass es eine zu geringe Bürgerbeteiligung gab, weist Buschhüter zurück. „Die gesetzlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung in solchen Fällen hat stattgefunden.“ Jedoch gibt er auch zu, dass die DB und die Stadt Hamburg das öffentliche Interesse am Neubau der Stern­brücke unterschätzt haben. Buschhüter verspricht: „Die Bürgerbeteiligung ist allerdings auch noch nicht abgeschlossen: Mit unserem kürzlich von der Bürgerschaft beschlossenen Antrag wollen wir einen Dialog darüber anstoßen, wie das Quartier rund um die Sternbrücke nach Abschluss des Brückenneubaus aussehen soll.“ Auch sagt Buschhüter, dass die Stadt Hamburg aus der Diskussion eine Lehre zieht: „In Zukunft soll ein fachkundiges Brückenforum diese Brückenbaumaßnahmen begleiten.“

An den bestehenden Plänen hängt nicht nur die Zukunft der Sternbrücke selbst – sondern auch die der Kulturbetriebe in unmittelbarer Nähe. Astra-Stube, Fundbureau, Waagenbau, die Bar 227 – sie alle und mehr müssten einem Neubau und nach derzeitigen Berechnungen auch einer Sanierung weichen.

Neues Clubhaus bietet Clubs und Bars Räumlichkeiten

Dennoch soll die Existenz der Clubs und Bars gesichert werden – in anderer Form: Es soll ein Clubhaus entstehen, in welches alle betroffenen Betriebe einziehen können. Der Neubau soll auf stadteigenen Grundstück errichtet werden, an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße. Der Vorschlag zu dem Konzept ist Ende 2020 aus der Clubszene selbst gekommen, in Zusammenarbeit mit einem Architekten – und in Abstimmung mit der Deutschen Bahn.

„Natürlich geht da was verloren – das Flair, das jetzt an der Sternbrücke ist, kann man nicht in einen Neubau übertragen. Nichtsdestotrotz ist das Clubhaus für uns, die ja alle wegmüssen und ein neues Zuhause suchen, eine tolle Option“, so die Meinung von Stefanie Sangare, Betreiberin der Bar227. Dennoch bleiben einige Fragen bezüglich des Clubhauses offen. Privat hat sie eine klare Meinung: „Die Zerstörung des Stadtbilds mit dieser Monsterbrücke – das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Besorgt ist sie ebenfalls um den Erhalt dessen, was sich die Clubszene über Jahre aufgebaut hat. „Das ist einfach eine ganz tolle Subkultur, die da entstanden ist.

Die Deutsche Bahn plant im Jahr 2023 mit dem Bau der neuen Sternbrücke anzufangen. Fertig sein soll die neue Überführung voraussichtlich Ende 2026.

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